
Ihre Erinnerung an die Sommerurlaube mit der Familie halfen Elisabeth über die schwere Zeit. Foto: Paul Kern
Elisabeth war 15. Jetzt ist sie 21 Jahre alt. Das klingt logisch und irgendwie selbstverständlich. Doch das Selbstverständliche hat die junge Frau seit sechs Jahren hinter sich gelassen. Für sie ist alles besonders. Und oft ist es besonders schön, gerade dieses eine und unverwechselbare Leben. Kurz vor ihrem 15. Geburtstag fühlte sich das anders an. Obwohl: „Ich hab nie ernsthaft gedacht, dass ich sterben würde“, sagt Elisabeth. „Ich bin eher rational. Die Ärzte sagten: Die Wahrscheinlichkeit, wieder gesund zu werden, liegt bei reichlich 70 Prozent.“ An ihre erste Reaktion erinnert sie sich noch genau: „Ich schaffe es.“ Geholfen haben ihr dabei ihre Familie, Ärzte und Schwestern wie auch ihre Lehrer und viele Begegnungen mit interessanten Menschen und ein wenig auch die Kunsttherapie des Sonnenstrahl e. V.
Thessa Wolf
Das Wasser ist so blau, wie es nur auf Bildern sein kann. Es wird umrahmt von schneebedeckten Bergspitzen, mittendrin schwimmt ein kleines Boot. Ein Boot – kein Butt. Letzteren sucht man vergebens. Aber er muss doch irgendwo sein, oder? Schließlich steht unter der farbigen Zeichnung „Der Butt im Nordfjord“. Elisabeth lächelt. „Den Butt gab es nicht, leider. Ich hätte so gern einen gefangen.“ Es sei vielmehr die Sehnsucht nach dem Butt gewesen, an die sie sich beim Malen erinnerte. Noch viel mehr allerdings habe sie dieses schöne Sommerurlaubsgefühl erneut spüren können. „Ich war mit meinen Eltern oft in Skandinavien. Aber dieser eine Urlaub hat sich besonders stark eingeprägt“, erzählt sie. Mit ihrem älteren Bruder sei sie hin und wieder mit dem Boot rausgefahren, um zu angeln.
Als ob alles möglich wär’
„Und abends habe ich oft bis in die helle Nord-Nacht auf der verglasten Veranda gesessen.“ Es habe sich so ewig angefühlt, das Leben. Alles sei möglich gewesen. „Ich hätte rausgehen können, mit dem Boot rausfahren.“ Natürlich habe sie es nicht gemacht – nachts allein mit dem Boot aufs Wasser. „Aber es wäre möglich gewesen. Und das Leben fühlte sich so an, als wäre irgendwie alles möglich.“
Als sie ein paar Jahre später auf ihrem Krankenhausbett saß und die feinen Linien der norwegischen Bergspitzen aufs Papier brachte, schienen die Möglichkeiten geschrumpft. Aber je tiefer sie in ihren Erinnerungen nach den Urlaubsbildern kramte,desto stärker stellte sich auch dieses Gefühl von damals wieder ein: Alles ist möglich. Vielleicht nicht alles auf einmal. Und auch nicht sofort. Erst mal wieder gesund werden. Dann geht es weiter.
Wenn Elisabeth an die vergangenen Jahre zurückdenkt, dann formen sie sich für sie zu einer Zeit, in der sie viel gewonnen hat. „Ohne meine Krankheit hätte ich viele interessante Leute nie getroffen. Freundschaften haben sich vertieft. Es gab so viele Anstöße von außen. Auch die Kunsttherapie.“
Die junge Frau mit dem schulterlangen brünetten Haar und der randlosen Brille erzählt gern. Sie scheint vor Lebenslust zu sprühen. „Natürlich gab es Krisen“, räumt sie ein. Manchmal habe sie die aber einfach umdrehen können. Wie? Vielleicht so, wie sie von ihrer Diagnose von einem „Geburtstagsgeschenk“ spricht. „Lymphatische Leukämie, kurz vor meinem 15. Geburtstag wusste ich es.“
Nebeneinander und gemalt
Mit Verdacht auf Rheuma hatte man sie zunächst angeschaut. Der Hausärztin war glücklicherweise sofort klar, dass etwas anderes dahintersteckte. Dann ging es los: Krankenhausaufenthalte wechselten mit Wochen, die sie zu Hause verbrachte. Ein und ein halbes Jahr lang. In der Klinik gab es eine Schule. „Ich musste keine Klasse wiederholen“, ist Elisabeth stolz. Neben ihrem Nordfjord-Bild entstanden viele weitere. „Ich habe mich immer gefreut, wenn Frau Zimmer ins Zimmer kam“, erinnert sich Elisabeth. „Wir haben nebeneinander gesessen und gemalt. Wie nebenbei entstand ein Gespräch.“ Da habe sie sich dann Sachen zu erzählen getraut, die sie sonst vielleicht für sich behalten hätte. „Man musste auch gar nicht reden.“ Dieses duale Arbeiten fehle ihr jetzt etwas. Aber sie malt auch allein. Und oft. „Kunst ist ein großer Bestandteil meines Lebens geworden.“ Später möchte sie dies gern studieren. Jetzt ist sie im dritten Semester Medieninformatik, will da ihren Abschluss machen. „Aber dann …!“











