„Idyll und Wildwuchs“ – Liebeserklärung an die Dresdner Neustadt

Das Titelbild „Görlitzer/Ecke Rothenburger Straße“ stammt  von dem 2010 verstorbenen Künstler Rainer Wriecz. Foto: PR

Das Titelbild „Görlitzer/Ecke Rothenburger Straße“ stammt von dem 2010 verstorbenen Künstler Rainer Wriecz. Foto: PR

„Über allem lag Ruß und Staub“, zitiert Gregor Kunz aus seinem eigenen Text. Der Dresdner Lyriker blickt zurück auf den Sommer 1978 in der Dresdner Neustadt: „Es hätte Nachkrieg sein können, wären die Autos nicht gewesen.“ Weiter als 30 Jahre zurück reicht sein Blick und dann, wenn er kurz Halt macht, lebt die vergangene Zeit noch einmal auf. „Jahre, Farben und Gespenster: Das Vergessen“ heißt sein Text, den er für das Buch „Idyll und Wildwuchs“ beigesteuert hat und zur Vorstellung der Neuerscheinung Mitte Oktober selbst präsentierte. Es ist eine Art Schlusswort des reichlich 80 Seiten starken Werkes, für welches die Herausgeberin Una Giesecke „das, was die Neustadt so an künstlerischen und literarischen Sachen zu bieten hat“, zusammentrug.

Thessa Wolf

Una Giesecke ist Dresdnerin. Seit 1989 wohnt sie in der Neustadt in der Nähe des Alaunparkes. Doch die 46-Jährige wohnt nicht nur dort – sie lebt auch ganz und gar in der Neustadt, interessiert sich für jede Ecke und Geschichte, für das Gewesene und das Künftige des Ortes. Sie führt Gäste kundig durch die engen Straßen und erzählt ihnen von der Geschichte und ihren Persönlichkeiten. Einiges der vielschichtigen Historie hat sie bereits in Büchern veröffentlicht. „Und jetzt das, was irgendwie nirgendwo reinpasste“, erklärt sie den Inhalt der aktuellen Veröffentlichung.

Dabei ist „Idyll und Wildwuchs“ weit mehr als die Zusammenfassung und Erweiterung von „Übriggebliebenem“. Es ist einfach eine andere Art, sich der Geschichte eines Ortes zu nähern. In der Publikation kann man sich mittels Erzählungen und Gedichten, Zeichnungen, Aquarellen und Ölbildern in die Neustadt einfühlen. Da ist die Sage von Gustl, der armen Näherin, die auf der Suche nach Holz in der Dresdner Heide dem Mittagsweibchen begegnete. Man kennt das aus Märchen: Wer anderen hilft, wird ums Vielfache belohnt – in diesem Fall bekam Gustl eine Rolle Zwirn, die nie zu Ende ging. Ernst  Theodor Amadeus (meist E.T.A. abgekürzt) Hoffmann, ließ dem Studenten Anselmus in der Geschichte „Der goldene Topf“ am Himmelfahrtstag allerlei Tollpatschigkeiten widerfahren – natürlich in der Dresdner Neustadt, da, wo jetzt die Bautzner Straße entlangführt. Und fast meint man, beim Lesen der folgenden Seiten den Jubelgesang auf die Eingemeindung der Antonstadt im Juni 1835 zu vernehmen. Im Blick auf aktuelle stadtpolitische Debatten könnte man es fast für einen kabarettistischen Beitrag halten – aber, nein: alles ganz ernst gemeint. „Wir sind auf unser`m sand`gen Hag/Zu Städtern umgetauft… Auch unser`n Weibern schwillt der Kamm, Denn jede wird, Madame‘“, heißt es da unter anderem.

Hell geworden und sehr jung

Eine literarische Schau auf die Dresdner Neustadt ist natürlich nicht denkbar ohne Erich Kästner. Drei Mal ist er mit seinen Eltern umgezogen – immer ein Stück an der Königsbrücker Straße weiter. „Wir zogen tiefer, weil es mit uns bergauf ging. Wir näherten uns den Häusern mit den Vorgärten, ohne sie zu erreichen“, schreibt er in seinem Buch „Als ich ein kleiner Junge war“. Etliche Jahre später erzählt er erneut von Dresden. „Ich lief einen Tag lang kreuz und quer durch die Stadt, hinter meinen Erinnerungen her. Die Schule? Ausgebrannt … Das Seminar mit den grauen Internatsjahren? Eine leere Fassade …“ Und so weiter. „Überschattetes Wiedersehen“ ist dieser Bericht aus dem Jahr 1946 überschrieben. „Die Neustadt ist hell geworden und sehr jung“, heißt es bei Gregor Kunz 2011. „Sie hat gewonnen und verloren, Zeit unter anderem. Ihr Gedächtnis sitzt noch im Straßennetz, in den Sandsteinquadern, Ziegeln, Balken, wurde durchbrochen in der Abfolge der Fassaden, zugedeckt in Farben: Schnee und Grünspan, Bluterguss  und Kochwäsche, Ellenbogenstahl.“ Das Gedächtnis der Neustadt? Es sitzt jetzt ein Stück weit auch in diesem kunstsinnigen Buch.

„Idyll und Wildwuchs“, Die Dresdner Neustadt im Fokus
herausgegeben von Una Giesecke, A-Tonia Verlag, 19,95 Euro,
ISBN: 978-39811241-3-2.