„Der zerbrochne Krug“ ist vergnüglich wie sinnig und zudem herrlich gespieltes Theater

Ein Dorf und seine von Menschen gemachten Abgründe: Die Gerichtsverhandlung gerät fast zur Groteske. Fotos: Matthias Horn

Ein Dorf und seine von Menschen gemachten Abgründe: Die Gerichtsverhandlung gerät fast zur Groteske. Fotos: Matthias Horn

Danke, lieber Roger Vontobel. Danke für den Mut, den Kleist Kleist sein zu lassen und den Krug einen Krug. Mit allem Drum und Dran. Es wäre so einfach gewesen, das ganze Polit-Geramsche mit hineinzupacken, den Bundespräsidenten, den Berlusconi oder die Bordellgeschichten einiger Manager. Aber die wirklich guten Stücke kommen nun mal ohne alles modische Zutun aus – und sind doch aktueller denn je. Wer hat noch nie irgendetwas zu seinem eigenen Vorteil gemacht, wenn es sich naheliegend und schmerzfrei anbot? Eben. So ließ Roger Vontobel seine Regie in „Der zerbrochne Krug“ am Staatsschauspiel zu einer Art Schutzmantel für das Original des Heinrich von Kleist und zu einer Lupe für den symbolträchtigen Inhalt werden.

Thessa Wolf

„So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf. Prost!“, erklärt Dorfrichter Adam. Er sagt beides mit Nachdruck – der Alltagsjob mit der Gerechtigkeit und der gute Schluck gehören für ihn zusammen. Es ist eine eigene Welt da in diesem niederländischen Dorf Huisum, die Prinzipien handgemacht, die Moral den eigenen Bequemlichkeiten angepasst. Heinrich von Kleist hatte das Stück übrigens just begonnen, als er auf der schweizerischen Scherzliginsel in der Aare bei Thun lebte und als Überschrift des eigenen Lebensentwurfes „Bauer“ gewählt hatte. Roger Vontobel nimmt sich diese Bauernwelt und lässt die Dörfler ein wenig Deppen sein, aber auch herzerfrischend und lebenserfahren. Die Welt da draußen ist ihnen fern, genau wie deren ganze aufgesetzte Ordnung. Dann aber passiert Folgendes: Die Welt da draußen bricht mittels Gerichtsrat Walter in die scheinbare Dorfi dylle ein, der auch keine weiße Weste, aber wenigstens einen solchen Daunenmantel hat. Und inmitten des Dorfes bricht ein Krug – und mit ihm das dörfliche Gefüge. Es ist fast so, als würde ein Meteor auf das Dorf treffen – in dem Moment, als es ohnehin implodiert.

Eruptionen von Wortwitz

Das Ganze geht ohne großes Getöse, dafür mit Eruptionen von Wortwitz und Spielfreude einher. Der König dessen ist Burghart Klaußner als Dorfrichter Adam, der mit dem Pferdefuß im doppelten Sinn, der sich mit diabolischem Vergnügen durchs Geschehen schwingt. Nein, diesen Richter möchte man nicht zum Feind haben, weniger noch zum Freund natürlich. Ein gerissenes Schlitzohr, welches, schon mitten im Spinnennetz zappelnd, seinen Gegner immer noch mit Spitzfindigkeiten auf Abstand hält. Sonja Beißwenger als Gerichtsrat Walter ist ein ebenbürtiger Gegenpart, eine Karrierefrau, die zwar distanziert freundlich daherkommt, der man aber auch nicht auf dem Schlachtfeld menschlicher Versuchungen begegnen möchte. Das ganze Ensemble hält in dieser Klasse mit: Ahmad Mesgarha als hin und her gerissener Schreiber Licht, Sebastian Wendelin als Bauernjunge Ruprecht, etwas plump, aber herzensgut, Karina Plachetka als Eve, die alles gerne aussitzen würde, dann aber nicht mehr kann. Hannelore Koch ist echt als Marthe, die Mutter von Eve. Sie bringt den Krug vor Gericht – den zerbrochenen Krug, der ihr viel wert war und doch weniger wert als die Unschuld ihrer Tochter, denn entzweigegangen ist er bei einem nächtlichen Besuch in der Kammer des Mädchens. Wer war der Übeltäter? Nicht nur die Suche nach dem Täter, sondern gerade die stückweise Entlarvung der Hintergründe – und das alles  unter dem Blick von oben, also jenem des Gerichtsrates von Staats wegen – werden zu einer Nabelschau menschlicher Abgründe. Betrug, Vorteilsnahme, Begierde, Macht – all das. Und weil der Gerichtsrat nun gerade einmal da ist, bringt er auch noch ein paar politische Unsinnigkeiten mit, also: wie im Kleinen so im Großen.

Exzellente Sprache Kleists

Das hat etwas von einem guten Fernseh-Tatort, bei dem der Zuschauer den Täter von Anfang an kennt, alle anderen aber erst nach und nach draufkommen. Es spielt mittels ethischer Fragen ein wenig Antike mit hinein und manchmal eine shakespearsche Wortwucht. Über allem steht die exzellente Sprache Kleists wie etwa: „Zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße!“ Herrlich. Das i-Tüpfelchen ist das kabarettistische Spiel – insgesamt ein großes Theatervergnügen, bei dem bei aller Kurzweiligkeit der Sinn noch länger wirkt.