Tilmann Köhler lässt „Hedda Gabler“ am Kleinen Haus befremdlich

Ein ungleiches Paar: Hedda (Ina Piontek) ist die kühle Schöne, Tesmann (Christian Friedel) ihr etwas verpeilter Gatte. Foto: Matthias Horn

Ein ungleiches Paar: Hedda (Ina Piontek) ist die kühle Schöne, Tesmann (Christian Friedel) ihr etwas verpeilter Gatte. Foto: Matthias Horn

Ist diese Frau nun ein Monster? Oder ist sie ein unglückliches Wesen, welches in dem Moment, als es merkt, dass sich seine Wünsche erfüllen, mitbekommt, dass es die falschen waren? Die Crux des Wünschens: Woher soll man auch wissen, wie sich das Leben anfühlen könnte, wenn man sich kaum zu fühlen traut? Die „Hedda Gabler“ des Henrik Ibsen, Hauptperson eines Ende des 19. Jahrhunderts geschriebenen Dramas, ist im Grunde eine bedauernswerte Person. Doch in der Aufführung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden bleibt sie – trotz ihrer öffentlichen Sezierung – dem Publikum seltsam fremd.

Thessa Wolf

Die Ratlosigkeit der Zuschauer zieht sich durch den gesamten Abend: Soll man nun Mitleid mit ihr haben? Froh sein, sie nicht persönlich zu kennen? Als Zicke abtun? Oder sie mal so richtig zurechtrütteln? Das wissen scheinbar auch ihre Mitspieler nicht. Immerhin können die, was Hedda kaum schafft: Gefühle zeigen.

Eins ist gleich zu Beginn klar: Würde Hedda sterben – kaum einer wäre wirklich betrübt. Am ehesten vielleicht noch ihr frisch angetrauter Ehemann, der Kulturhistoriker Jörgen Tesman. Aber auch der hat viel mehr die Schönheit geheiratet als den Menschen. So erinnert die Anfangsszene, in der Hedda auf dem schwarzen Flügel schläft und die anderen ihr weiße Lilien auf den Leib legen, an ein Begräbnis und ist zugleich bildliche Metapher für das, was folgt.

Heddas Bühne ist der Flügel, auf dem sie thront wie der schöne Schwan im Spiegelsee der Langeweile. Nur selten steigt sie herab – von ihrer eigenen Hochmütigkeit und vom Flügel. Und obwohl sie sich kaum bewegt, dirigiert sie das Geschehen um sich herum.

Das Geschehen? Viel ist da nicht. Hedda und Jörgen sind gerade von ihrer Hochzeitsreise zurückgekommen – hinein in die neu gekaufte Villa. Ihr Mann hofft auf eine Professorenstelle an der Universität, Hedda hofft auf Abwechslung. Die erhält sie mit dem Auftauchen ihres früheren Geliebten Eilert, der inzwischen zu Ruhm und Ehre gekommen ist – und sich mit einer früheren Bekannten von Hedda zusammengetan hat. Wenn diese beiden zusammen sind, fühlt sich Hedda plötzlich überflüssig – ein Umstand, den sie nicht ertragen kann. Es stört sie auch, dass dieser Eilert, den sie hätte haben können, um so vieles interessanter scheint als der Mann, den sie nun hat. Getrieben davon, die ihr entgleitenden Mario netten wieder in ihre Gewalt zu bringen, spielt sie Schicksal. Ja, sie spielt mit Menschenleben in etwa so, wie der eine oder andere am Computer mal eben auf Menschen zielt. Damit dies alle besser verstehen, lässt Hausregisseur Tilmann Köhler die Spiegelwand der gedachten Villa hin und wieder zur Bildschirm-Projektion werden. Und Hedda, die ja die Tochter eines Generals ist, jagt ihre Opfer mit imaginären Waffen durch halb verkokelte Straßen.

„Du hast noch nie etwas erlebt, was dich wirklich berührt“, bringt Richter Brack, ein Freund ihres Mannes, das Drama auf den Punkt. Wäre er Arzt, würde er vermutlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Hedda lebt den ihr eigenen Hedonismus – eine egoistische Lust – an anderen aus.

Christian Friedel gibt dem Stück als Historiker Tesman einen Witz, den es eigentlich gar nicht hat. Egal, er ist in jeder Rolle sehenswert, der Langweiler jedoch liegt ihm am wenigsten. Christian Erdmann und Antje Trautmann sind das andere, viel lebendigere Paar und sogar stärker mit ihren Rollen verbunden, als Henrik Ibsen das einst vorgehabt haben könnte.