FAMILIE & FREIZEIT

15.10.2015

Kranke Kinder – so leiden auch ihre Geschwister

Ein Herz und eine Seele: Leonie und ihr kleiner Bruder Pepe (Foto: Klaus Schlichtmann)
Leonie und ihr kleiner Bruder Pepe (Foto: Klaus Schlichtmann)

Leonie (10) aus dem kleinen Ort Schwemsal (Sachsen-Anhalt) ist ein aufgeschlossenes Mädchen. Leonie kümmert sich rührend und mit Geduld um ihren kleinen Bruder Pepe (3), sie übernimmt kleine Arbeiten im Haushalt, sie kocht sogar schon mal Spaghetti oder eine Suppe. Und sie ist in ihrer Klasse eine der besten Schülerinnen - trotz allem!

Leonie ist ein sogenanntes Geschwisterkind. So werden jene Jungen und Mädchen von Psychologen und Pädagogen bezeichnet, die selbst gesund sind, aber eine behinderte Schwester oder einen chronisch kranken Bruder haben. Oft fühlen sich diese Kinder abgeschoben, an den Rand der Aufmerksamkeit gedrängt - weil sich in der Familie alles um das Sorgenkind dreht. So wie bei Leonie. Ihr Bruder Pepe leidet an Leukämie!

Die Diagnose Anfang letzten Jahres ist für die Eltern niederschmetternd. Auch Leonie spürt schnell, dass sich das Familienleben damit einschneidend verändert. Mutter Daniela (40) muss ihren Teilzeitjob als Kellnerin aufgeben, Vater Michael (39) lässt sich vom LKW-Fahrer im Fernverkehr zum Lageristen umschulen, um seiner Frau zur Seite zu stehen. Alles dreht sich nun um den schwer erkrankten Pepe. Immer wieder muss der kleine Junge zur Chemotherapie in die 35 Kilometer entfernte Klinik, immer wieder sitzen Vater oder Mutter in dieser Zeit sorgenvoll am Krankenbett, übernachten manchmal auch in der Klinik. Mutter Daniela merkt, dass sich auch Leonie in dieser Zeit verändert, kaum merkbar, aber sie spürt es: „Sie wurde ruhiger, ja, verschlossener. Zog sich mit ihren Spielsachen oder den Hausaufgaben in ihr Zimmer zurück und sprach nicht über das, was sie bedrückte.”

Irgendwann macht sich das Mädchen dann aber doch ein wenig Luft, spricht darüber, was ihm auf der Seele liegt: „Manchmal habe ich Angst um Pepe”, sagt Leonie leise und fügt hinzu: „und manchmal bin ich traurig, weil ich so viel alleine bin.” Ein Spagat, auch für die Mutter, die weiß, dass ihr gesundes Kind in dieser Zeit zu kurz kommt.

Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland sind in dieser oder einer vergleichbaren Gefühlslage, sie leiden mehr oder weniger psychisch unter dieser familiären Ausnahmesituation. Mittlerweile jedoch ist diese Problematik zunehmend in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Mehr als 150 Einrichtungen und Initiativen im Land, oft unterstützt von ehrenamtlichen Mitarbeitern, kümmern sich inzwischen mit Beratung, Therapien und Familienfreizeiten um diese Kinder und deren Eltern. Zunehmend erkennen auch einige Krankenkassen, dass diese Kinder Hilfe brauchen. Hilfe durch gut 260 Angebote bundesweit, über die die Novartis Stiftung „FamilienBande” informiert. Stiftungssprecherin Irene von Drigalski: „Die betroffenen Jungen und Mädchen stehen in der zweiten Reihe und übernehmen früh viel Verantwortung. Manche wachsen daran, andere brauchen Hilfe, um mit ihrer Situation fertig zu werden.”

Gleich 75 Geschwisterkinder aus sechs Bundesländern kamen nun unter dem Motto „Jetzt bin ICH mal dran” für acht Tage auf dem ehemaligen Klostergut „Irmengard-Hof” am Chiemsee zusammen - weit ab also von ihrer belastenden Situation und ihren Sorgen zu Hause. Spaß und viele Mitmach-Aktionen wie Kanu- oder Floßfahrten nahmen natürlich einen breiten Raum ein - aber der Vormittag war der spielerischen Therapie in kleinen Gruppen vorbehalten. Rollenspiele und Gesprächsrunden, in denen die Kinder teils spontan, meist aber zögerlich aus sich heraus kommen und über ihre Gefühle sprechen. Dabei spielen zwei bunte Fabelwesen aus dem Reich der Drachen als Katalysator eine zentrale Rolle: Lustige Figuren - nur: Muggier ist schwerkrank. Und Ramga, der kleine Drache, versucht Muggier nun zu helfen. „Diese beiden Figuren stehen stellvertretend für die Kinder, über sie können wir durch Pantomime, gemeinsames Basteln, Malen und ähnliche Aktionen über die Emotionen der einzelnen Kinder sprechen”, erklärt Dr. Florian Schepper vom Netzwerk „Verbund der Geschwister” in Leipzig. Erst vor wenigen Wochen sind der Psychologe und seine Leipziger Mitstreiter für dieses erfolgreiche Konzept von der Stiftung „FamilienBande“ mit dem Förderpreis der Stiftung ausgezeichnet worden. Die Ehrung hat Claudia Kleinert übernommen - und das nicht zufällig: die ARD- Wetterfee hat einen behinderten Bruder, um den sie sich so oft wie möglich kümmert. Sie ist also selbst ein sogenanntes Geschwisterkind.

Zurück zu Leonie, dem Mädchen aus Sachsen-Anhalt. Auch Leonie gehörte zu den 75 Geschwisterkindern, die am Chiemsee unbeschwerte Tage erlebten. Sie hatte allerdings das Pech, gleich am ersten Tag umzuknicken, war dadurch für den Rest der Zeit auf dem Irmengard-Hof auf Krücken angewiesen. „Es war trotzdem schön”, sagt Leonie. Neue Freundschaften hat sie dort geschlossen mit Kindern, die das gleiche Schicksal haben wie sie. Mit Amelie (7) zum Beispiel, deren Bruder Elias (5) einen Hirntumor hat. Amelie hat dem behandelnden Arzt ein Versprechen abgenommen: „Er soll meinen Bruder wieder ganz gesund machen!”

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Ein großer Teil der Arbeit des „Verbund für Geschwister” wird durch Spenden finanziert. Hier die Bankverbindung:
Elternhilfe für krebskranke Kinder Leipzig e.V.
Stichwort: Verbund für Geschwister
Volksbank Leipzig, IBAN DE25 8609 5604 0320 0933 33
BIC: GENODEF1LVB

Foto: Klaus Schlichtmann

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