BILDUNG & KOMPETENZ

20.06.2013

Lesen (Foto: Oliver Haja / pixelio.de)
Oliver Haja/pixelio.de

Wieder Worte finden

Im täglichen Leben gehören Lesen und Schreiben können quasi selbstverständlich dazu. In fast jedem Beruf werden diese Kompetenzen täglich angewandt. Auch in der Freizeit spielt beides eine erhebliche Rolle.
Klaus mogelte sich jahrelang mit einem kleinem Trick durchs Arbeitsleben. Das blaue Bändchen gehört zur Blutwurst, das gelbe zur Salami. Klaus arbeitete viele Jahre in einer Schlachterei und merkte sich anhand der Farben, welche Gewürze in welche Wurstsorte gehören. Vor seinen Kollegen wollte er eines auf jeden Fall verheimlichen: Er ist funktionaler Analphabet.

Von Julia Vollmer

Den von dieser Lernbehinderung Betroffenen fällt der Umgang mit der Schriftsprache im Alltag schwer. „Sie erkennen Buchstaben und sind in der Lage, ihren Namen und ein paar Wörter zu schreiben. Aber sie verstehen den Sinn eines etwas längeren Textes oft gar nicht oder nur sehr langsam“, erklärt Cornelia Wehner, Dozentin an der europäischen Wirtschaftsakademie (EWS) . Oft seien psychische Probleme oder schlimme Unfälle die Ursache. „Wenn sie einen schlechten Tag haben oder sie sich nicht wohlfühlen, fehlen plötzlich die Worte oder die Sprache“, erklärt die Dozentin die Lernbehinderung. Die Dozentin leitet das Projekt „Schreibstaffel“ an der EWS in der Dresdner Neustadt. Diese Gruppe führt Menschen zueinander, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Die Organisation übernimmt die Koordinierungsstelle Alphabetisierung im Freistaat Sachsen (Koalpha). Täglich sechs Stunden lang finden sich die bunt gemischte Gruppe zusammen. Alle sind zwischen 23 und 51 Jahren alt, einige haben schon Kinder im Teenageralter. Im Mittelpunkt des Unterrichts stehen praktische Übungen in Grammatik, Stilistik und PC-Arbeit. Aber auch ganz alltagsnahe Dinge wie Behördenbriefe schreiben oder Diskussionsrunden. Wenn einer ihrer Schüler Probleme im Alltag hat, wie ein verlorenes Handy, hilft die Dozentin gern bei der Lösung. Um die Teilnehmer an das Berufsleben heran zu führen, stehen zehn Praktikumstage auf dem Plan. Außerdem besucht die Gruppe innerhalb des Jahres 17 verschiedene Unternehmen, um einen Einblick in das Arbeitsleben zu bekommen. Ein Großteil der Teilnehmer hat sich aus der Arbeitslosigkeit heraus für den Kurs bei der EWS beworben. Stolz kann Cornelia Wehner auf viele vermittelte ehemalige Schützlinge blicken, die den Weg zurück in das Berufsleben geschafft haben.

Cornelia Wehner
Cornelia Wehner

Seit 2007 ist Cornelia Wehner Dozentin an der EWS und betreut die Gruppe von funktionalen Analphabeten. Sie hat Germanistik und Kunstpädagogik an der TU Dresden studiert und danach weitere wissenschaftliche Qualifikation in Psychologie erworben. Seit rund 30 Jahren arbeitet die heute 59-Jährige als Dozentin an verschiedenen Dresdner Schulen, neben der EWS auch an der DPFA-Schule. Dort unterrichtet sie angehende Erzieher, Logopäden und Ergotherapeuten in Psychologie und Behindertenpädagogik. Außerdem hat sie noch eine Dozentur an der DIU inne. Wie sie das alles schafft? Sie weiß es oft selbst nicht. Die Mutter einer erwachsenen Tochter und stolze Oma einer dreijährigen Enkeltochter war das letzte Mal 1984 krank, wie sie erzählt. „Ich denke dann immer, ich kann doch meine Leute nicht im Stich lassen“. Mutti wird sie inzwischen von vielen ihrer Schützlinge genannt und das sei ein tolles Gefühl.

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