BILDUNG & KOMPETENZ

08.07.2013

In den Weiten des HTML (Foto: Falk Enderlein)
Falk Enderlein

Germanys Next Quereinsteiger

Beim Dozenten hat der Blitz eingeschlagen. Es hat ihm den Rechner zerlegt und er ist vom Äther des weltweiten Datenstroms abgeschnitten. Das bedauern vor allem wir: ein wilde Horde über ganz Germanien verteilter Möchtegernkreativer und nach beruflichem Halt Suchender mit postmodern fragmentierten Lebensläufen, die wir hier wieder sinnvoll zu kitten beabsichtigen. Das kosmische Rauschen unserer Headsets macht uns verrückt.

Von Falk Enderlein

Das Web braucht uns. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man uns aus Palo Alto anruft und auf Knien – Geld wird dann keine Rolle spielen - um unsere Unterstützung bittet. Im Moment aber sitzen wir vor unseren 19 Zoll BenQ-Monitoren in Dresden, Hamburg, München, Zwickau oder Kiel und verfolgen die Zuckungen eines animierten, aber stummen Lautsprechersymbols. Houston, wir haben ein Problem!

Ich kenne niemanden aus der Klasse persönlich. Im günstigsten Fall haben meine Mitschüler im System des E-Learning-Anbieters BrightestFuture® niedliche Profilfotos eingestellt, die in etwa den Realitätsgehalt von Facebook-Porträts haben. Wir haben zwei Murats, einen ehemaligen Weltmeister im Highspeed-Mikado, eine Österreicherin im Exil und fast alle haben - so häufig, wie Pausen eingefordert werden - ein ziemliches Nikotinproblem. Dass unser Klassenzimmer virtuell ist und unser Dozent also möglicherweise - und ohne dass wir es je erfahren würden - in Badehosen von 1992 vor seinem Rechner sitzt , sich zu seinen Ausführungen über sauberes HTML nebenbei die Fußnägel schneidet - all das ändert nichts daran, dass mit uns das passiert, was mit Schulklassen immer passiert. Der ursprüngliche Enthusiasmus geht langsam verloren, die Klasse zerfällt in Lager - hier die Streber, da die Rebellen, mittendrin die irrlichternden Unberechenbaren. Verständnisschwierigkeiten zum Thema Semantik werden von uns nicht mehr selbstkritisch dem eigenen Hirn, sondern sofort und nur noch dem Dozenten angelastet. Die anfänglich subtilen Flirts im Chat weichen grob gestrickten Anmachen, ehemals höflich formulierte Kritik ersetzt man durch Kommentare von beleidigender Qualität. Jeder ist sich – aus sozialdarwinistischer Sicht beruhigend – längst wieder selbst der Nächste.

Der Zorn des Himmels hat weitreichende Folgen: Der Dozent bekommt seinen Rechner heute nicht mehr flott. Die Nachricht erreicht uns in den jeweiligen BrightestFuture® Standorten auf dunklen, informellen Kanälen. Die Klasse dröselt auseinander wie die napoleonische Armee nach dem Russlandfeldzug 1812. Einige überlegen, den Unterricht komplett Unterricht sein zu lassen und statt dessen das nahegelegene Waldbad aufzusuchen – bei 30 Grad im Schatten eine nicht völlig perverse Idee. Doch Achtung: Wir haben ja noch einen Klassensprecher - der betritt jetzt die schwankenden Planken unserer von Meuterei bedrohten Hispaniola und reißt die Macht an sich. Aus dem Stegreif verteilt er Übungsaufgaben zu CSS, deren Sinn beziehungsweise Unsinn von den Aufsässigen im BrightestFuture® Chat fanatisch diskutiert wird.

Ich sehe meine Felle davon schwimmen, was Palo Alto betrifft. Die Temperatur und das Rauschen der Kopfhörer verwandeln mein Hirn mit brutal-sanfter Beharrlichkeit in eine Substanz, die vermutlich große Ähnlichkeit mit der berühmten Ursupppe aufweist. Ich bekomme ein diffuses Gefühl von Unendlichkeit. Aus dem Augenwinkel sehe ich verschwommen das Schild mit meinem Namen auf dem schwarzen Computer von LG - leicht abzulösen, wenn meine Weiterbildung bei BrightestFuture® im Herbst zu Ende ist. Ich döse allmählich weg und in der Traumwelt meines Halbschlafs formatiere ich mein Selbst mittels eines Stylesheets neu: Ein paar Muskeln hier, etwas Charisma dort. Dann wird es dunkel.

 

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