BILDUNG & KOMPETENZ

10.07.2013

Das Medienkulturzentrum schematisch erfasst (Abb:: Medienkulturzentrum)
Medienkulturzentrum

20 Jahre Medienkulturzentrum: Happy Birthday! Alles Gute! Bon Anniversaire! С Днём Рождения!

Medien – ein Begriff, den vor 25 Jahren in Dresden kaum jemand gebrauchte. Nach der Wende überschlugen sich die Ereignisse: Werbung war plötzlich nicht mehr nur ein Fenster in die Glitzerkonsumwelt des Westens, sondern wurde greifbar, die Erfindung des Internets machte die mediale Verwirrung perfekt. Diese Verwirrung zu entwirren hat sich das Dresdner Medienkulturzentrum auf die Fahnen geschrieben. 1993 als Verein für Filmkunst und -kultur von der Stadt ins Leben gerufen, konnte man sich in den vergangenen 20 Jahren als Flaggschiff in Sachen Medienbildung etablieren. Wir gratulieren und blicken auf ereignisreiche Jahre zurück.

Von Jane Jannke

„Gute Zeiten schlechte Zeiten“, MTV und die ersten Mobiltelefone im Handtaschenformat bewegten die Dresdner zu Beginn der 90er-Jahre. Und es galt das frühere Kulturhaus der Pentacon-Werke in der Schandauer Straße 64 mit neuem kulturellem Leben zu füllen. Eine verschollene Dresdner Filmkultur, die vor allem mit den DEFA-Trickfilmstudios Weltformat erreichte, sollte wiederbelebt werden. Ein Medienhaus, in dem alles, was irgendwie mit Medien zu tun hat, auch stattfand, sollte es werden. „Der Verein, der es betreiben sollte, waren wir“, erzählt Karsten Fritz, seit vergangenem Jahr Geschäftsführer des Medienkulturzentrums. Dass er erst seit 1997 an Bord ist, merkt man ihm kaum an. „Anfangs gab es nur einen ehrenamtlichen Vorstand, unsere Projekte wurden immer in enger Zusammenarbeit mit der Stadt realisiert.“

 Das Konzept war klar umrissen: Die Stadt stellt die finanziellen Mittel zur Verfügung, der Verein bietet ein Forum für alle, die sich medientechnisch bilden wollen. Schnell wachsen die Aufgaben – und die Ansprüche. 1998 wird der SAEK, der Sächsische Ausbildungs- und Erprobungskanal, ins Leben gerufen. „Wir erhielten damals den Zuschlag, und er ist bis heute unser wichtigstes Standbein geblieben“, sagt Karsten Fritz. Das Projekt geht auf das Prinzip der Offenen Kanäle zurück und soll allen Bürgern die Möglichkeit bieten, ihre Anliegen und Ansichten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Unter professioneller Anleitung kann jeder hier das Medien-ABC lernen – vom Trickfilm bis zum Hörfunkbeitrag. „Mittlerweile gibt es bei uns neun Redaktionen, unter anderem eine Jugend- und eine Kulturredaktion fürs Fernsehen sowie eine Seniorenredaktion im Hörfunk“, verrät Fritz nicht ohne Stolz. Für viele ist das Haus nicht nur Medienwerkstatt, sondern vor allem auch sozialer Treffpunkt. „Manchmal wirbeln hier 30, 40 Kinder durchs Haus, das bringt einen dann schon mal an Grenzen.“

Trends als Motor der Projektarbeit

Doch ein Medienkulturzentrum wäre dem Tode geweiht, würde es sich nur mit dem bereits Etablierten beschäftigen. „In den letzten 20 Jahren haben wir uns eigentlich an fast jedem neuen medialen Trend gerieben, der zu uns rüberschwappte“, berichtet Karsten Fritz. Ob Tamagochi, Teletubbis oder iPhone – wer wissen wollte, wie's geht oder warum bisweilen so banale Dinge eine ganze Generation bewegten, klopfte früher oder später an die Tür des Medienkulturzentrums. Im Projektbüro des Vereins entstand über die Jahre eine Vielzahl an Projekten, die derartige Trends aufgriffen. Aus manchen sind echte Dauerbrenner geworden.

 

Im Medienkulturzentrum
Medienkulturzentrum
CrossMediaTour
Medienkulturzentrum

Der bundesweite Medienwettbewerb Mediale Bilderwelten (MB21) ist so eines. Seit 15 Jahren zeichnet das Medienkulturzentrum zur düsteren Jahreszeit kreative Highlights junger Menschen unter 21 Jahren aus – vom Kurzfilm bis zur App. Ein weiteres Vorzeigeprodukt ist die CrossMedia-Tour, die zahlreiche kreative und soziale Einrichtungen in der Stadt in Sachen Medienbildung vernetzt und mittlerweile bereits ins fünfte Jahr geht. „Die CrossMedia-Tour ist unser wichtigstes kommunales Projekt“, sagt Karsten Fritz. Nicht immer sei es gerade für Jugendliche aus bildungsferneren Schichten einfach, den Weg ins Medienkulturzentrum zu finden. „Deshalb gehen wir einfach in die Einrichtungen vor Ort.“ Auch in den Sommerferien warten wieder 26 kostenlose Medienworkshops auf junge Leute, die sich ausprobieren wollen. Das Projektbüro, in dem beide Projekte entstanden, sei „unser kreatives Spielbein“, so Fritz. Drei Mitarbeiter sind dort mittlerweile ausschließlich damit beschäftigt, neue Ideen auszuloten. Gemeinsam mit dem Standbein SAEK und dem Kita-Bildungsserver bildet es die drei Säulen, die das Medienkulturzentrum bis heute tragen.

Neuer Standort Kulturkraftwerk Mitte?

Freilich hing der Himmel nicht 20 Jahre lang voller Geigen. Fördermittelkürzungen beim SAEK brachten 2004 empfindliche Einschnitte. „Damals mussten wir drei Mitarbeiter entlassen“, erzählt der Geschäftsführer. Und auch der ursprüngliche Plan vom kunterbunten Medienzentrum zerplatzte in jenem schicksalhaften Jahr, als die Stadt die Trägerschaft für das Objekt an einen anderen Verein übertrug. Langfristig wolle man dem Standort daher den Rücken kehren, wagt Fritz Ausblicke in die Zukunft. Und wo es hingehen soll, davon hat er auch schon kühne Vorstellungen: „Toll wäre es, wenn wir gemeinsam mit der Staatsoperette und dem theater junge generation ins Kulturkraftwerk Mitte ziehen könnten.“ Träume eines Vereins, dessen Zukunft die medialen Technologien von morgen sind – und die Verunsicherung und die Probleme, die sie mit sich bringen.

 

Veranstaltungsflyer des Medienkulturzentrums von 1993 bis 2013 (Foto: Jane Jannke)
Jane Jannke

Jugendprävention als viertes Standbein

Gewaltexzesse der „Generation Amok“ und Computerspielsucht sind Phänomene, denen man sich schwerlich entziehen kann. „Das ist etwas, das uns noch viele Jahre beschäftigen wird“, bekennt Fritz. Dass diese Auswüchse existierten, könne nicht vom Tisch geredet werden. Die oftmals populistischen Offensiven mancher Zeitgenossen seien dennoch ärgerlich. „Statt den Fokus mehr auf die Prävention zu legen, will man die Betroffenen in Therapie schicken“, so Fritz. Bildung sei der wesentliche Motor der Prävention. „Die Schultore sind uns aber bislang noch weitgehend verschlossen geblieben.“ Das soll sich künftig ändern. Gemeinsam mit der AOK Plus plant das Medienkulturzentrum Suchtprävention direkt an den Schulen. Nur wer wisse, wie Medien arbeiten, wie sie manipulieren, wer weiß, wie man sie kritisch nutzt, könne Suchtproblematiken ausweichen, sagt Karsten Fritz.

Die Arbeit mit den Schulen wird künftig für die Vereinsarbeit eine noch größere Rolle spielen. Seminare für Schüler, aber auch für das Lehrpersonal sollen praktisch zum vierten Standbein werden. Unabhängig davon sollen die etablierten Projekte und die Bürgerarbeit des SAEK fortgeführt werden – auch wenn der ursprüngliche Gedanke, vor allem politisches Engagement über offene Kanäle zu fördern, heute kaum noch eine Rolle spielt. „Das ist schon sehr schade, wir würden uns das eigentlich viel mehr wünschen“,bedauert Karsten Fritz. „Aber hier wird letztlich der Querschnitt der Gesellschaft abgebildet: Die Bereitschaft, sich politisch zu beteiligen, sich zu engagieren, ist stark zurückgegangen.“

Trotzdem sind Fritz und sein Team guten Mutes für die kommenden 20 Jahre. Auch künftig wolle man so wunderschön anachronistisch bleiben, ein Ort, an dem die Auseinandersetzung mit den Neuen Medien Seite an Seite mit so traditionellem Handwerk wie der Trickfilmherstellung existiert.
Wir drücken die Daumen und wünschen alles Gute!

 

 

Zurück