BILDUNG & KOMPETENZ

15.09.2013

„Knochenjob“ zwischen Bestattungskultur und Bandscheibe

Vogelgezwitscher erhebt sich aus den Baumkronen, übertönt das ferne Dröhnen der Straße. Herbstlich anmutende Windstöße treiben erstes Laub die Wege entlang. Die Sonne kämpft mit den Wolken, ein paar Strahlen verirren sich durch das grüne Dickicht und spielen mit den steinernen Putten und gefallenen Engeln auf den Grabmalen des Tolkewitzer Urnenhains. Ein Ort der Trauer, aber auch des Trostes. Für Anke Reichel ist es weit mehr als das.

Von Jane Jannke

Seit 24 Jahren hält sie sich jeden Tag sieben Stunden lang dort auf, worum andere einen Bogen machen, die ständige Anwesenheit von Tod und Trauer fürchtend. Für die 38-Jährige ist der Friedhof Werkhalle, Atelier und Garten in einem. Tod und Schmerz gehören für sie zum Alltag. „Daran gewöhnt man sich irgendwann“, sagt die zierliche brünette Frau. Sie steckt in groben grünen Latzhosen, an den derben Schuhen klebt die feuchte Friedhofserde. Kommt ein Trauerzug vorbei, macht sie sich unsichtbar – aus Respekt, wie sie sagt.

Als sie 1989 mit nur 14 Jahren ihre Lehre zur Friedhofsgärtnerin beim VEB Bestattungswesen beginnt, gehört sie zu den letzten ihrer Zunft, die die Stadt noch selbst ausbildet. Seither ist der Urnenhain an der Wehlener Straße ihr zweites Zuhause. Auf einem Friedhof zu arbeiten, das habe sie nie anstößig oder wunderlich gefunden, verrät sie. „Schon bei uns in der Familie gab es da nie Berührungsängste. Wir haben über solche Themen einfach immer geredet.“ Anfangs hätten die Leute aber schon komische Fragen gestellt: so ein junges Mädchen und dann … auf dem Friedhof... „Das hat sich heute wirklich sehr geändert. Heute sagen die Leute: Mensch, hast du einen tollen Arbeitsplatz, diese Ruhe und die herrliche Natur...“ Für Anke Reichel könnte es sogar noch ruhiger sein. Der Straßenlärm von der Wehlener und der Tolkewitzer, sagt sie, der störe schon ein wenig.

So oder so: Anke Reichel liebt ihre Arbeit. Ein Job im Büro, am Schreibtisch – das wäre nichts für sie, sagt sie. „Ich wusste schon mit 14, dass ich etwas Handwerkliches, Praktisches machen möchte.“ Ob Friedhofsgärtner ein wenig verschroben sind, einen Hang zum Skurrilen haben, frage ich gezielt nach viel bemühten Klischees. „Vielleicht war das früher mal so, dass es da viele Außenseiter gab. Aber hier bei uns sind eigentlich alle ganz normale Menschen. Die haben ihre Macken wie jeder andere auch.“ Trotz des ernsten Umfeldes gehe hier niemand zum Lachen in den Keller. Gegruselt habe sie sich auf dem Friedhof noch nie. Auch nicht, wenn im Herbst der Nebel Grabsteine, Bäume und Ranken zu einem mystischen Cocon verspinnt? Auch dann nicht.

Wir sitzen auf einer schön gearbeiteten Holzbank inmitten uralter Gräber. Viel verändert habe sich auf dem Friedhof in den letzten 25 Jahren. Die Wende hat die Menschen in alle Winde verstreut. Ein Grab musste dann plötzlich vor allem leicht zu pflegen sein. Und preiswert. Mitte der 90er-Jahre entsteht die Urnengemeinschaftsanlage des Friedhofes. 20 Verstorbene teilen jeweils ein Grab. Anke Reichel hat Verständnis für die neuen Moden. „Es ist die Antwort auf die Veränderungen, die zuvor im Leben der Menschen Einzug hielten“, erklärt sie bestimmt. Auch gebe es heute ganz andere Möglichkeiten der Erinnerung als an einem Grab zu stehen. „Man kann sich sogar aus den Kohlenstoffmolekülen des Eingeäscherten einen Diamanten pressen lassen.“ Was es nicht alles gibt. Die Furcht der Leute vor der Beschäftigung mit dem Lebensende hingegen sei noch immer die gleiche.

Oft kämen Menschen zu ihr, die überhaupt keine Vorstellung davon haben, was werden soll, wenn sie einmal gehen. „Die sprechen dann eher einen fremden Friedhofsangestellten darauf an, als die eigene Familie“, erzählt die Gärtnerin. „Ich sage dann immer: Sprechen Sie doch mal mit ihren Kindern darüber. Aber die alten Menschen wollen meist einfach keinem zur Last fallen.“ Und die Kinder? Die wollten die Eltern mit Gesprächen vom Tod nicht ängstigen oder verletzen. Eigentlich sei sie ja eher die Praktikerin, der Handwerker. Doch immer wieder ist sie auch Seelsorgerin und Lebensberaterin. „Es ist einfach schön, wenn Leute, aus denen man am Anfang kaum etwas herausbekam, am Ende glücklich nach Hause gehen, weil ihnen mit der Wahl der richtigen Grabstelle eine Last genommen wurde.“

Sie zeigt mir ihr Revier. Das Kolumbarium mit den Urnenfächern, das Rosarium. Mit etwa sieben Hektar Größe ist es ganz schön geräumig. Sie teilt es sich mit fünf Kollegen. Der Job ist hart, ein echter Knochenjob. „Man muss ganz schön zupacken können.“ Im Winter Schnee schippen und Gehölze zurückschneiden, im Frühjahr pflanzen und Hecken stutzen, dann im Sommer das Unkraut – über Wochen liegen sie und ihre Kollegen da täglich auf den Knien. Ab und an muss auch mal ein Grabstein gehoben werden – keine Arbeit, die man bis zur Rente macht. „Viele sind keine 40 und haben schon körperliche Gebrechen, vor allem Rücken, Bandscheiben, Gelenke.“ Sie kennt das nur zu gut. Anke Reichel arbeitet 30 Stunden die Woche, ihren beiden kleinen Kindern zuliebe. Doch auch wenn die groß sind, soll das nach Möglichkeit so bleiben. 40 Stunden? - „Nicht zu schaffen.“

Doch da sind noch die schönen Seiten des Berufes. Eine völlig verwilderte Grabstätte wieder erblühen zu lassen, gehöre zu den schönsten Momenten in ihrem Beruf. „Aber noch lieber erschaffe ich völlig Neues“, verrät sie lachend.

An uns vorbei zieht imposante Grabmalkunst mit schweren Urnenbehältnissen, die auf Adlerschwingen thronen; daneben ducken sich die neueren Grabstellen in den Efeu-Schatten hoher Bäume – kleiner, bescheidener. Immer wieder, selbst nach 24 Jahren, sagt Anke Reichel, entdecke sie „neue“ Grabmale auf ihrem Friedhof. „Da steht man dann plötzlich davor und denkt sich: Gibt's ja nicht, dich hab ich hier noch nie gesehen. Es wird einfach nie langweilig.“ Wer in einem Grab beerdigt wurde, ob reich und berühmt oder arm und unbekannt, sei nicht wichtig. „Ich bin Gärtnerin. Die Führungen überlasse ich anderen“, bemerkt sie sachlich. Manchmal allerdings frage sie sich schon, welche Geschichte wohl hinter dem einen oder anderen Grabstein schlummert. So auch bei einem ihrer Lieblingsstücke. Ein Grab im Herzen des Friedhofes. Alt ist es. Ein schlanker, mannshoher Kelch aus grobkörnigem Gestein, auf dessen Krone sich drei kleine Vögel necken. Über die Menschen, die hier ruhen, weiß sie nichts. „Das Material ist nichts für die Ewigkeit, es verträgt kein Abstrahlen. Irgendwann wird es verwittert sein“, so ihr fachmännisches Urteil. Sie ist und bleibt eben Friedhofsgärtnerin. Doch das mit Leib und Seele.

Der Wind treibt noch mehr Laub heran. Auf dem Wasser im Becken vor dem alten Krematorium, das sich wie ein Tempel dahinter erhebt, blühen noch die Seerosen. Bald ist es Herbst. Viel zu tun bis Totensonntag. Danach wird es ruhiger.

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