BILDUNG & KOMPETENZ

17.06.2013

Midoris Odyssee (Bild: privat)
privat

Midoris Odyssee durch den Einschulungstest

Auf dem kleinen Tisch stehen Gebäck und Kaffee. Die Porzellantässchen erinnern mich an Geburtstagsfeiern bei meinen Großeltern. Meine Frau und ich haben auf einer schwarzen Ledercouch Platz genommen, in der wir fast versinken. Wir kontrollieren Gestik und Mimik und überhaupt unsere komplette Körpersprache so verkrampft, als wäre das hier ein Vorstellungsgespräch. Nun - ein bisschen um die Ecke gedacht - ist es ja auch so etwas Ähnliches.

Von Falk Enderlein

Die ganze Atmosphäre passt nicht dazu, dass dies der Ort ist, den ich seit nunmehr drei Jahren Morgen für Morgen verschwitzt, mit wirrem Haar und latent zu spät erreiche, auf meinen Schultern und mich an den Ohren reißend meine Tochter (na gut, seit sie fünf ist, läuft sie selbst). Der Ort, an dem ich während der Eingewöhnung praktisch gewohnt und an dem meine Tochter und ich herzzerreißende Trennungsopern aufgeführt haben. Der Ort, an dem wir tonnenweise Schokolade noch vor dem Tor gemeinsam in drastischer Geschwindigkeit vernichten mussten, weil Süßigkeiten nicht mit ins Gebäude dürfen. Eine Kita - exakt da positioniert, wo Dresdens Zuckergussaltstadt an jene Hundetoilette stößt, die etwas irreführend auch Neustadt genannt wird.

Der Einschulungstest, den meine Tochter vor zwei Wochen im Beisein einer Armee von Pädagogen absolvieren musste, wird heute ausgewertet. Zum Glück habe ich vor diesen zwei Wochen nicht gewusst, dass es sich um einen Test handelt, der quasi zur Raketenwissenschaft befähigt. Sonst hätte ich seitdem nicht mehr geschlafen.

Generell teilen sich Eltern ja in zwei entscheidende Lager: Die einen, die das Preisgeld für den Nobelpreis in Chemie für das Jahr 2040 schon verplant haben, und die anderen, die ihr Kind vor dem bösen Haifischbecken „Leben" am liebsten solange bewahren wollen, bis es an der Zeit ist, gemeinsam im Pflegeheim - mit dann irrelevantem Altersunterschied - an den Details der jeweiligen Patientenverfügung zu feilen. Ich springe zwischen diesen beiden Weltanschauungen je nach Tagesform hin und her. Die Weigerung, mich klar in eine dieser Schublade sortieren zu lassen - von meinen Feinden richtig als Mangel an Konsequenz erkannt - macht mich den anderen Eltern und den Erziehern unserer Kita seit jeher tendenziell suspekt.

Ich linse über den Tisch, dahin wo der Oberpädagoge Papiere vor sich ausbreitet, die eine bürokratische Wichtigkeit ausstrahlen, als ginge es um Leben und Tod. Dann erkenne ich irgendwo den Namen meiner Tochter, in ihrer eigenen mir so liebenswerten Krakelschrift. An diesem vertrauten Bild klammert sich mein Blick fest, bis der Oberpädagoge zu sprechen beginnt. Erst einmal ziemlich um den Brei herum. Ich gehe davon aus, dass er meiner Frau und mir jetzt diplomatisch gewisse Verhaltensauffälligkeiten unserer Tochter beibringen möchte, beispielsweise ihre grenzenlose Schüchternheit und richte mich schon auf die Verteidigung ein. Ich bringe mein Totschlagargument vorsorglich in Stellung: Für alle ihre problematischen Eigenheiten kann meine Tochter nichts, die hat sie via direktem genetischen Transfer komplett von ihrem Vater. Aber nein - unsere Tochter entwickelt sich keineswegs zur größten Misanthropin aller Zeiten. Irritiert muss ich mit anhören, dass man ihr tägliches Verhalten als tatsächlich "der Norm entsprechend" bewertet. Rein vorsorglich erwähne ich trotzdem, dass unsere Tochter den gestörtesten Vater aller Zeiten hat und für nichts, absolut gar nichts verantwortlich gemacht werden kann.

Zum Test gehört das Nachmalen geometrischer Formen: Midori zeichnet praktisch den ganzen Tag und für Geometrie hat meine Sippe seit jeher eine perverse Obsession, das war für sie also kein Problem. Die nächsten Aufgaben bezogen sich - an den klassischen IQ-Test angelehnt - auf das Erkennen von logischen Mustern. Auch das hat Midori hervorragend gelöst. Aber gerade diese Art von Test sehe ich immer etwas skeptisch - schließlich gehört die Fokussierung von Mustern zu den herausragenden Merkmalen der klassischen Paranoia. Silben zählen und Mengen erfassen, finden da eher mein Wohlwollen. Einen logischen Umgang mit Sprache erwarte ich (sonst befände sich meine Tochter schon in der Verbannung) und es kann auch nie von Schaden sein, wenn man in seinem Geldbunker steht und die bis unter die Decke gestapelten Geldbündel relativ zügig auf die erste Stelle nach der Milliarde genau schätzen kann. Es folgen ein paar Logiktests, die ich nicht verstehe. Klasse! Ich bin 34 Jahre älter als meine Tochter, aber offensichtlich dümmer. Das will erst einmal verdaut sein. Ich beschließe, dass als mein Geheimnis zu hüten.
Ich schweige gegenüber meiner Frau und auch der Oberpädagoge erfährt nichts. Ich beruhige mich bei den Labyrinthen. Hier schließe ich intellektuell wieder zu meiner Tochter auf und komme zu den gleichen Lösungen wie sie. Der Hund findet seinen Knochen.

Es muss sich in diesem Raum im Erdgeschoss der Kita aber eine gewisse Anspannung aufgebaut haben. Denn als mir der Oberpädagoge mit erhobenem Zeigefinger, bis in den Himmel gezurrter Augenbraue und sorgenvollem Kopfschütteln eine Skizze zeigt, in der Midori angeblich die erste Silbe eines Bildes nicht richtig erkannt hat, raste ich aus und gehe dem Oberpädagogen an die Gurgel: Alle in der Familie - ausnahmslos alle - sagen Rechner und nicht Computer. Midori hatte keine Chance, dieser Zeichnung die geforderte Silbe „Co" zuzuordnen. Ich finde, dass hätten die pädagogischen Brainiacs in Erwägung ziehen müssen.

Der Oberpädagoge und ich geben uns einer gepflegten Prügelei hin - es muss ein bisschen an Bud Spencer und Terence Hill erinnern - bis uns meine Frau gelangweilt bremst. Wir lassen voneinander ab, klopfen uns den Staub von den Kleidern und überbieten uns in allerhöflichsten Entschuldigungen.

Der Oberpädagoge klatscht uns einen Stempel in die Papiere, wir stürzen uns den letzten Rest Kaffee in den Rachen. Draußen vor dem Fenster, auf dem Spielplatz des Kindergartens rekonstruieren ein paar Jungs mit Holzschwertern die Schlacht von Askalon.

Ich schüttele dem Oberpädagogen die Hand und strecke meinen Rücken durch. Es knackt und vor meinem inneren Auge erscheint das Bild eines Rollstuhls.

Ich gehe im Geist die Liste durch. Ranzen, Zuckertüte, was brauchen wir noch?

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