BILDUNG & KOMPETENZ

24.07.2013

Neulich im Schlachthof: Moderne Lektüre für Grundschulkinder

Kinder. Sie sind liebenswerte Monstrositäten. Dicht gefolgt von Katzenbabys. In der Erziehung meines mittlerweile einjährigen Katzenkindes bin ich äußerst liberal. Mein Lebensabschnittsbevollmächtigter würde diese Tierpädagogik vermutlich schon Ignoranz nennen, weil ich den niederträchtigen Habitus meines Stubentigers mit Leckerlis ahnde. Ja ja, der gestrenge Katzenvati, der, wenn die Katzenmutti scheinbar nicht hinschaut, auch mal ein Krümelchen Käse in die mauzende Miezenschnauze steckt...

Von Frances Heinrich

Allein deshalb haben wir uns wohl noch kein Kind „angeschafft“, wie es die alternde Verwandtschaft in ratschlagsbulemischen Gesprächen adrett zu formulieren pflegt. Das Gör wäre der erzieherischen Misskomposition preisgegeben. Wahrscheinlich käme es bereits mit einer ausgeprägten Schizophrenie auf die Welt, weil sich die Eltern beim abendlichen Babybauchdialog schon nicht einigen könnten, welcher Spielerfraktion der Fratz angehören soll. Das Wichtigste: Egal, was es wird, es wird Rockerkind, Schwarz tragen und im fortgeschrittenen Jugendalter bis zur Erteilung der Bindungserlaubnis für Mutti und Vati des Ingame-Gold farmen, damit sich die Herrschaften dem Krieg in den Dungeons widmen können. Wenigstens da sind wir uns einig.

Vor diesem Hintergrund erschrak ich heute morgen beim werktäglichen Bahnfahren vor mir selbst. Nicht etwa, weil ich mich in einem Abteil voller Katzenbabys wiederfand, sondern weil ich geschlagene zehn Minuten neben einer komplett überforderten Mutter mit zwei suboptimal aufgezogenen Minimenschen verharren musste und seltsam pädagogisch gefärbte Gedanken hatte. Ich weiß nicht recht, ob es sich nur wie Kopfschütteln anfühlte oder ob ich das tatsächlich auch tat. Es muss an der infantilen Kulisse gelegen haben, da ich an diesem Morgen ausnahmsweise mal keine Kopfschüttelmusik im Ohrenknopf hatte.

So weit die Ereignisse in Dresden-Trachau. Eine Haltestelle später steigt plötzlich ein Heer weiterer Minimenschen in den Zug ein. Heute zum Tagesauftakt etwas missgestimmt, weil von irgendjemandem mal wieder viel zu wenig Nacht für so viel Schlafbedürfnis ausgehandelt worden war, bin ich froh, dass die Meute in das Obergeschoss der S-Bahn abbiegt. Hier unten ist das Elend groß genug.
Die überforderte Mutter klammert sich an ihre Handtasche. Das Mädchen ficht mit einer kleinen Prinzessin in Buchform, der Junge wurstelt in einer Zeitschrift herum, deren Titel ich allerdings noch nicht erspähen kann. Hier und da erhasche ich einen Blick auf Überschriften, die mir als Computerspielerin was sagen. Aber spießig wie ich bin, antworten mir meine Hirnzellen: „Neiiiiiiiinnn, das ist ein Kind! Das will nur spielen. Aber nicht damit. “

Die Minimenschenmeute stürmt wegen Überfüllung wieder in das Abteil. Zwei Racker auf einen Sitz. Jeweils ein Fuß davon landet unsanft in meiner Wade oder wahlweise auch vor meinem Schienbein. Donnerwetter, was es heutzutage für sommerliche Kinderschuhe gibt! Damit haben wir zu meiner Zeit einem Pferd die Sporen gegeben!
Nun quieckt und lacht es fröhlich in diesem Abteil. Irgendwann schiebt sich noch eine betagte Duttträgerin mit ihrem nostalgischen Kleindrahtesel hinein, um eine Haltestelle mitzufahren. Warum Leute ein Fahrrad bei sich tragen, wenn sie doch die fünf Minuten Weg doch mit der Bahn fahren, frage ich mich immer wieder. Nun ja, bei sich tragen, heißt ja nicht zwangsläufig auch benutzen. Jedenfalls äugt das klapprige Fräulein etwas pikiert auf die ausgelassene Kinderschar. Igitt, Kinder! Ob die gefährlich sind? Angesichts kulleräugiger Kolleginnentöchter und zweier Patenprinzesschen schösse ein von tiefem Brustton verhangenes Nein aus mir. Aber in diesem Augenblick sitzt da drüben ja dieser Bub' mit der Zeitschrift ...

Von der Hinterachse des Radaccessoires eingesperrt, scheint ein kleiner Junge aus der Abteilinfanterie ähnliche Gedanken wie ich zu haben. Schüchtern versucht er, die Lektüre seines hibbeligen Sitznachbarn optisch zu deuten. Wieder ertappe ich mich beim Kopfschütteln: Dass die Jugend von heute beim Lesen nicht mal stillsitzen kann! Jene Jugend, etwa im Grundschulalter übrigens, trägt eine Mütze, die man im anglizistischen Sprachmilieu ganz ultracool „Basecap“ (sächsisch: Käbbi) nennt. Darauf unverkennbar: Batmans Silhouette. Das macht den Kurzen schon fast sympathisch.

Aber der Rüpel gibt nicht lange Ruhe und begräbt den weitaus jüngeren Voyeur von nebenan in prosodischen Unfällen. Seine Syntax döst vermutlich noch im heimischen Etagenbett. Eventuell hat sich dieses soziopathisch anmutende Kind einfach auch nur den Kopf an eben jenem gestoßen und das Schädel-Hirn-Trauma noch nicht überwunden. Anders jedenfalls kann ich mir die einer Wäscheschleuder ähnliche Mimik des Minimonsters nicht erklären. Zumindest nicht solange, bis mein Blick auf die dazugehörige Mutter fällt. Ein zierlicher Hauch von Persönchen, unter den Augen Ringe, die sie mehr als zu knechten scheinen, das Haar hängt in verblichenem Rotton kraftlos herab. Instinktiv und in der Frage ebenfalls erschreckend konservativ, glotze ich auf ihre rechte Hand. Nicht verheiratet. Linke Hand? Nee, verlobt auch nicht. Ach, wer weiß, vielleicht hat sie den Ring gerade verloren oder auf der Spüle liegen lassen oder für die Zeitschrift ihres Sohnes versetzt...

Neulich im Schlachthof. Ach du meine Nase, ich fantasiere. Neulich im Schlachthof. „Und gucke mal die Blutspritzer! Muahahaha!“, johlt der Grundschulpsychotiker in bestem Bass. Nein, ich fantasiere nicht. Dort sitzt auch kein erwachsener langlodiger Belzebub mit Pentagrammhaarspangen. Dort labt sich ein Junge von höchstens sieben oder acht Jahren an einer Doppelseite voller aufgedruckter Blutsauerei. Neulich im Schlachthof, so lautet die Überschrift dazu.
Die Zeitung segelt dem Jungen von den Knien. Die Mutti eilt herbei und gibt ihm das Magazin zurück. FSK 16 prangt in Hologrammschrift, prominent platziert und auffällig grün auf der Titelseite. Nein, es ist noch kein Mathe-Ass vom Himmel gefallen und ich selbst habe im Abi auch nicht gerade großzügig mit den richtigen Lösungen um mich geworfen. Dass sich zwischen der Zahl der Freiwilligen Selbstkontrolle und der Zahl der Kerzen, die auf dem letzten Geburtstagskuchen des Jungen gebrannt haben dürften, eine ziemlich große Differenz auftut, schwant mir allerdings sofort.

In mir toben die Gene des Lehrkörpers, die mir von der Seite meiner Mutter mitgegeben wurden. Der Zeigefinger bäumt sich zum Erheben auf. Die morgendliche Unzurechnungsfähigkeit ringt mit dem Wunsch, dieser Mutter meine Erfahrungen aus der Tieraufzucht anzuvertrauen. Dann denke ich an mein Katzenkind. Wie es mit dem Cursor kämpft, während Frauchen mit einem Zauberspruch nach dem anderen ein Monsterleben nach dem anderen beendet. Die Differenz meiner Geburtstagskuchenkerzenzahl zur Freiwilligen Selbstkontrolle ist auch immens hoch. Allerdings habe ich die 16 schon verdoppelt. Die Hälfte darf zwar auch gern Computerspiele erkunden. Aber bitte mit Katzenbabys.

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