BILDUNG & KOMPETENZ

19.07.2013

Mit Stirnband in Schwarz-Rot-Gold: Johannes
Jane Jannke

Schulweg in die Welt der Hörenden

Wenn Johannes richtig Gas gibt, gucken seine Klassenkameraden schon mal anerkennend hinterher. Der Achtjährige liebt Sport – und den Wettkampf. Das Dreisprung-Duell mit Marten geht diesmal unentschieden aus: „Beide gleich“, lacht Johannes, während Marten ihn lässig abklatscht. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass bei Johannes etwas anders ist. Der blonde Junge trägt ein Hörgerät, Gehör und Sprachvermögen sind beeinträchtigt. Auf dem Papier gilt er damit als behindert und bedarf besonderer Förderung. Wenn man ihn so sieht, mag man das kaum glauben.

Von Jane Jannke

Acht Kinder wie Johannes tummeln sich zum Sportunterricht in der Turnhalle – gemeinsam mit 28 anderen ohne Hörproblem. Eigentlich ist die 41. Grundschule „Elbtalkinder“ in der Hauptmannstraße eine ganz normale Grundschule. 289 Kinder lernen hier. Doch das Haus ist gemeinsam mit der Johann-Friedrich-Jencke-Schule für Hörgeschädigte Teil eines Kooperationsprojektes, das zur Zeit seiner Entstehung Mitte der 90er-Jahre echten Vorreiterstatus hatte. „Damals kam die Jencke-Schule auf uns zu und schlug eine Kooperation vor“, erinnert sich Ute Puhl, die seit 1992 die 41. Grundschule leitet. „Wir hatten damals sehr wenige Kinder und viel Platz und fanden die Idee super.“ Mit einem einzigen kleinen Mädchen startete das ehrgeizige Unterfangen, das für alle damals Neuland war. „Wir konnten sie sehr gut integrieren, das hat uns Mut gemacht, weiterzumachen“, so Puhl.

 Seit 185 Jahren ist die Johann-Friedrich-Jencke-Schule die einzige Fördereinrichtung für Hörgeschädigte in Dresden und Ostsachsen. 150 Kinder und Jugendliche, teils mit angeborenem, teils mit erworbenem Gehörschaden unterschiedlichster Ausprägung, werden auf ein Leben in einer hörenden Gesellschaft vorbereitet. Vier bis sechs machen hier jedes Jahr ihren Realschulabschluss. Der Lehrplan entspricht dabei exakt dem normaler Mittelschulen, nur das Arbeitstempo ist langsamer, der Betreuungsschlüssel niedriger. „Das Ziel lautet, möglichst viele Kinder integrativ zu beschulen“, betont Schulleiterin Renate Gückel, soll heißen: an gewöhnlichen Schulen. Ein frühzeitiges Erkennen der Schwerhörigkeit sowie eine intensive Frühförderung seien daher enorm wichtig, so die 65-Jährige, die sich dieser Tage nach über 16 Jahren in den Ruhestand verabschiedet.

Sport frei!
Jane Jannke

Vieles hat sich für die Kinder mit dem auditiven Handicap in den letzten 15 Jahren verbessert. Hörgeräte sind mittlerweile kleine technische Wunderwerke, und auch die Akzeptanz ist gewachsen. Nur so ist es möglich, dass 180 Kinder und Jugendliche, die ursprünglich an der Jencke-Schule eingeschult wurden, an ganz normalen Schulen lernen. „Es ist nicht so, dass Hörgeschädigte weniger intelligent sind“, verrät Gückel. „Einige gehen sogar aufs Gymnasium.“ Ob der Weg von der Förderschule an die Regeleinrichtung gelingt, hänge vielmehr von der Schwere der Hörbehinderung und dem Vorhandensein zusätzlicher Defizite ab.

Sport frei!
Jane Jannke

Vom Miteinander profitieren alle

Doch zurück zu den „Elbtalkindern“. 21 hörgeschädigte Kinder lernen mittlerweile in drei sogenannten Kooperationsklassen unter einem Dach mit normal hörenden Altersgenossen. Die Kernfächer wie Mathe oder Deutsch werden in separaten Klassen von bis zu acht Schülern von speziell ausgebildeten Lehrern unterrichtet. Doch in bestimmten Fächern wie Sport, Musik, Kunst oder Schulgarten, wo es weniger auf das schnelle Verstehen und Artikulieren ankommt, rücken alle zusammen. Von den positiven Synergien sind alle Beteiligten überzeugt – auch, wenn es bei ohnehin grenzwertigen Klassengrößen von mittlerweile 28 Schülern in den Kooperationsklassen mit zusätzlichen sieben bis acht kleinen Rackern schon mal eng werden kann, wie Utel Puhl betont.

„Vom gemeinsamen Lernen profitieren alle – die Kinder, die Lehrer und auch die Eltern“, erklärt Renate Gückel. „In erster Linie sollen unsere Kinder Sprachkompetenz erwerben. Andererseits entwickeln sie aber auch Selbstbewusstsein, weil sie lernen, sich in der Welt der Hörenden zu behaupten.“ Besonders für die Eltern sei es ein Glücksgefühl, die Entwicklung ihrer Sprösslinge zu beobachten. „Für hörende Eltern ist ein gehörloses Kind meist ein Schock. Oft ist die Angst groß, niemals problemlos kommunizieren zu können“, so Gückel. Zu sehen, dass ihr Kind es in der Hörendenwelt schaffen kann, mache sie stolz. Jedes Jahr gelingt Kindern aus den Kooperationsklassen der Wechsel an eine Regelschule.

 

Sport frei!
Jane Jannke

Wie förderlich auch für die hörenden „Elbtalkinder“ der direkte Kontakt zu den gehandicapten Altersgenossen ist, zeigen die Beobachtungen von Beate Jähnigen. Gemeinsam mit Karin Söhnel von der Jencke-Schule leitet sie den Kooperationssportunterricht. “Es ist einfach wunderbar, wie fürsorglich alle miteinander umgehen – und das nicht nur in eine Richtung. Die Hilfsbereitschaft untereinander ist groß.“ In Sachen Verständigung haben die Kids eine ganz eigene Sprache entwickelt: Wo die Lautsprache nicht ausreicht, kommen Arme und Hände zum Einsatz.

„Es ist schade, dass die Gastschüler nach dem Unterricht direkt zurück ins Wohnheim fahren, statt gemeinsam mit unseren Kindern den Hort zu besuchen. Echte Freundschaften entstehen meist nach dem Unterricht“, bedauert Ute Puhl. Wie so häufig sind es Platzprobleme, die dies verhindern. Das Fehlende versuchen beide Schulen mit so viel gemeinsamen außerschulischen Aktivitäten wie möglich auszugleichen. Projektwochen, gemeinsame Ausflüge und Landheimfahrten sollen noch mehr Nähe schaffen.

Sport frei!
Jane Jannke

Vorurteile gegenüber den hörbehinderten Mitschülern gebe es übrigens keine – sowohl bei Kindern als auch bei Eltern, betont Ute Puhl. „Wer sein Kind bei uns anmeldet, der weiß von der Kooperation, manche wollen das auch ganz bewusst.“ Im Ethik-Unterricht lege man zudem großen Wert auf den Abbau von Berührungsängsten: „Wir machen unseren Kindern klar, dass Menschen ganz unterschiedlich aussehen und begabt sein können.“ Gefühle, so die Schulleiterin, habe aber letztlich jeder von ihnen.

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