BILDUNG & KOMPETENZ

09.09.2013

JVA (Foto: Falk Enderlein)
Falk Enderlein

Zehn Quadratmeter Albertstadt: Als Strafgefangener in Dresden

Die Menschen kommen nach Dresden der Liebe, der Arbeit oder des Studiums wegen. Es geht aber auch abenteuerlicher. Ronny K. (Name geändert) hatte nie die Absicht, Dresdner zu werden. Eine kurze, dafür jedoch intensive Karriere im weiten Geschäftsfeld der Beschaffungskriminalität brachte ihn erst einmal in das Gefängnis seines örtlichen Sheriffs in Thüringen. Weil ihn dort aber niemand besuchte und sein einziger Freund Reggie in Dresden lebt, hat sich Ronnie kurzerhand an die Elbe verfrachten lassen. Sightseeing nicht inbegriffen.

Von Falk Enderlein

Es sieht hier aus wie am Allerwertesten der Welt, aber das GPS meines Smartphones verrät mir, dass wir uns noch immer in Dresden befinden. Der Wind treibt eine einsame Plastiktüte und Unmengen von Staub vor sich her. Mir ist, als klirrten da ein paar Gitarrenakkorde, aber es könnte sich auch nur um eine verzwickte akustische Fata Morgana handeln. In der Ferne führt die Stauffenbergallee auf ihrem holperigen Pflaster freie Bürger in ihren freien Autos der Autobahn zu. Hier allerdings wirkt der Gedanke an selbstbestimmte Mobilität völlig bizarr. Die Adresse lautet Hammerweg 30. Das hier ist der Knast.

Neugier ist mein größtes Talent und weil Reggie auch mein Freund ist, begleite ich ihn zum Besuch. Strafvollzugstourismus sozusagen. Wir tauschen unsere Personalausweise gegen nummerierte Blechschilder, trennen uns von allen Habseligkeiten, die wir in einer geradezu bizarren Schließboxanlage vor den Toren der Justizvollzugsanstalt deponieren. Gewidmet ist das architektonisch unspektakuläre Gebäudeensemble der Sicherheit der sächsischen Bürger, wie eine in den Boden eingelassene Tafel im Pathos der Biedenkopf-Ära verkündet. Als wären wir an der Schleuse eines Flughafens, überprüft man uns auf metallische Accessoires, dann sitzen wir für eine halbe Stunde mit den restlichen Besuchern in einem kleinen Wartesaal. Mit angegliederter Spielecke. Diese Spielecke ist auch absolut notwendig, denn heute zum Beispiel erhält ein Gefangener Besuch, der dem Ruf der Evolution folgend seine kriminelle DNA überbordend in die Zukunft gestreut hat. Seine vier Kinder toben wie junge Wölfe durch den Raum, die Mutter ist hoffnungslos überfordert. Aktuell streiten sich die Kinder darum, wer als nächstes mit dem Bobby-Car fahren darf. Ironischerweise und eventuell als subtile Demütigung gedacht, handelt es sich bei dem Bobby-Car um ein Polizeiauto.

Punkt 17 Uhr öffnet ein Justizvollzugsbeamter – freundlich und entspannt wie alle anderen hier und völlig dem Alcatraz-Klischee widersprechend – die Tür zum Besuchstrakt. Ich muss zugeben, dass mir das Durchgeplante dieses Ortes irgendwie gefällt. Die Illusion von Kontrolle?

Ronny genießt nur alle zwei Wochen den Luxus, ein Plauderstündchen dieser Art halten zu können. Entsprechend erwartungstrunken funkeln seine Augen, als wir die neongrelle, fünf mal zwei Meter große Besucherzelle betreten. Außer Reggie hat Ronny niemanden da draußen.

Zwanzig Euro in bar dürfen wir als Besucher ganz regulär mit uns führen und Ronny dafür sogenannte „Haftzuwendungen“ erwerben. Zu diesem Zweck müssen wir noch einmal auf den Gang hinaus und an einem improvisierten Imbissstand unsere Bestellung aufgeben. Die Preise sind so moderat, dass mit den zwanzig Euro eine wahre Bockwurst- und Kaffeeorgie möglich wäre, Ronny wünscht sich aber nichts außer einer Packung Zigaretten, für die wir einen Gutschein erhalten, den wir an Ronny weiterreichen.

Ich lausche Anekdoten aus der Fülle des Thüringer Verbrecherlebens. Viele lustige Dinge, noch mehr traurige Dinge: die Geschichte vom Junkie, der mit dem Fahrrad eine ungesunde Abkürzung nimmt und seine Körperteile über dreißig Autobahnkilometer verteilt. Und so weiter. Ich bekomme ein Gespür für diesen Ort hier, an dem möglich scheint, was ich mir in unserer medial maximal befeuerten Zeit überhaupt nicht mehr vorstellen kann: Langeweile. Ronny liest gerade „Robinson Crusoe“, sein erstes Buch seit zwanzig Jahren, er ist nicht so die Leseratte. Entsprechend dringlich wünscht er sich einen Fernseher. Dafür braucht er Sponsoren, also uns. 20 Zoll dürfen es maximal sein, eine penible Genehmigungsprozedur ist einzuhalten - dann kann man das schicke Teil aber gleich direkt von Amazon in die Bleikammern liefern lassen, wenn man das Gerät nicht selbst zum Hammerweg buckeln möchte. Alles sehr kafkaesk.

Die Uhr tickt gnadenlos schnell. Als wir uns schon verabschieden wollen, erinnert sich Ronny eines Freundes, den es in die umgekehrte Richtung, das heißt als gebürtigen Dresdner in ein Thüringer Gefängnis verschlagen hat. Ohne Chance auf Entlassung in diesem Jahrzehnt. Hat irgendwas mit Totschlag auf offener Straße zu tun. Diesem Freund will er eine Freude machen und eine Postkarte aus der Heimat schicken. Keine „moderne“, sondern eine richtig kitschige. Reggie fühlt sich überfordert. Ich beschließe, die Situation zu retten und gebe eine Runde Ein-Mann-Blitz-Bullshit-Bingo: Brühlsche Terrasse, Frauenkirche, Semperoper, Zwinger. Ronny strahlt und ich verspreche, mich um die Postkarte zu kümmern.

„Welcome to Fabulous Dresden!“ murmle ich, als er mir bei der Verabschiedung fast die Hand zerquetscht.

Zurück