BÜHNE & MUSIK

09.04.2013

Das Untier in uns (Foto: David Baltzer)
(Foto: David Baltzer)

Das Untier in uns

Ein garstiger Drachen hat die Stadt unter seiner Fuchtel. Eines Tages kommt ein junger Ritter des Weges… Das klingt nach Mittelalterschmonzette, nicht wahr? Die metaphorische Literaturwelt dieser Zeit ist aber gar nicht so fantasieschwanger, wie man meinen möchte, denn jedem Märchen wohnt ja doch der Zauber der Realität inne.

Von Frances Heinrich

Und die Lesarten der Jahrhunderte machen selbst hochbetagte Erzählstoffe zu brandaktuellen Geschichten. So bediente sich auch Jewgeni Schwarz der mythisch angehauchten Figuren des Drachen und des Ritters, um sie in eine Theaterparabel zu packen, die nicht nur zur Entstehungszeit 1943 brisant war, sondern es heute noch immer ist – wie das Staatsschauspiel Dresden in seiner kommenden Premiere zeigen wird.
Eine Stadt ist vor hunderten von Jahren in die Hand eines Drachen gefallen. Er presst den Bewohnern Monat für Monat hohen Tribut ab. Einmal im Jahr muss ihm außerdem eine Jungfrau geopfert werden. Die Bewohner haben sich mit der Situation arrangiert. Immerhin garantiert sie Stabilität. Doch dann kommt ein junger Fremder in die Stadt und stellt die alte, zweifelhafte Ordnung in Frage.
In dieser vorgeblichen Naivität erzählt Jewgeni Schwarz 1943 seine Geschichte vom Drachen; wie stets verpackt er seine Erzählung ins Gewand eines Märchens – und liefert in Wahrheit ein hochbrisantes, zeitkritisches Stück, das die Diktatur des deutschen Nazi-Regimes an den Pranger stellt. Schwarz führt in seiner Theaterparabel den Beweis, dass nur eines schlimmer ist als Oppression und Willkürherrschaft: nämlich die Verinnerlichung der Mechanismen und Werte eines solchen Herrschaftssystems. „Der Drache“ im Jahr 2013 gelesen, bedeutet eine Hinterfragung unserer westlichen Gesellschaft. Ist nicht auch unser System mörderisch? Wissen wir nicht um die Opfer, die unser Lebensstil weltweit kostet? Und leben wir nicht trotzdem weiter, als ob es eben nicht so wäre? Und lächeln, so wie es die Figuren von Schwarz tun? Wir brauchen keinen Oppressor von außen, keinen Drachen – wir tragen ihn bereits in uns, wir haben ihn verinnerlicht. Was würden wir einem Ritter Lanzelot antworten, der vor uns träte und forderte, dass wir unser Leben ändern sollen?

Premiere am 12. April um 19.30 Uhr im Schauspielhaus

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