BÜHNE & MUSIK

01.07.2013

Der Bibliothekar und "sein Tagebuch" (Foto: Ian Whalen)
Ian Whalen

Geplünderter Geheimnishort: Das verlorene Tagebuch

Eine Bibliothek. Der Herrscher über dieses Revier betritt das Parkett. Die helle Ledertasche stellt er auf den Tisch, packt alte Bücher aus, legt sie sorgsam auf den Tisch. Der Bibliothekar genießt die sanfte Stille seines Refugiums, in dem das Wissen noch zwischen knarzenden Buchdeckeln ruht. Plötzlich Tumult. Vier Studenten in fliederfarbenen, knielangen Hosen stürmen die heilige Halle der Bücher. Ein energisches „Psst!“ des Bibliothekars weist sie zur Ruhe an. Ein Handy klingelt. Das muss aus dem Publikum kommen! Ein Stift klappert. Gebäck bröselt. Zu viel. Hinaus mit der aufmüpfigen Jugend! Nun hat der Bibliothekar Zeit, sich einem besonderen Buch zu widmen. Zart tanzt es heran. „Psst!“ Leise, leise öffnet er es, blättert darin. Sein Finger wandert an den Mund, sein Blick auf das Tagebuch. „Psst“ Und husch, husch, ins Geheimfach.

Von Frances Heinrich

Es ist eine anrührige Idylle, in die der Zuschauer eintaucht. Bevor sich das Licht zurückzog, hatte man sich noch gefragt, wie man wohl ein Buch tanzt. Michael Tucker erzählt an der Semperoper eine gar wundervolle Geschichte, die viel zu schnell zu Ende ist. Und die in einer Zeit, in der das elektronische Lesen und Schreiben eine Vormachtstellung hat, wirkt die Fabel wie ein Balsam. Über choreografisches Arbeiten befragt, erzählt Tucker: „Schön wäre es, wenn das Publikum eine emotionale Reise unternehmen würde. Die Zuschauer, groß und klein, sollten sich eingeladen fühlen, mit den Charakteren der Geschichte mitzuempfinden. Wenn zwischen ihnen eine Verbindung entstünde, dann wäre ich sehr glücklich.“

Wie heißt es im Elektrogerät immer so schön?
Die Verbindung wird aufgebaut…

In einer wechselvollen Choreografie avanciert der Zuschauer zum Zeugen eines Raubzuges.
Jene eingangs erwähnte Studenten lernen für ihre Lieblingsfächer: Kochen, Deutsch, Technologie und Musik. Um den gestrengen Bibliothekar zu ärgern, stehlen sie sein Tagebuch, das sie beim Stöbern durch die Bibliotheksregale finden. Nach und nach reißen sie die Seiten heraus. Nahezu zerstört bleibt das Tagebuch zurück. Eine „Buch-Ärztin“ nimmt sich ihm an und versucht, es mit neuen Seiten und Geschichten wieder zum Leben zu erwecken. Doch vergeblich. Nur der Bibliothekar kann es mit seinen Erinnerungen retten.

„Das verlorene Tagebuch“ ist im Ballett natürlich kein bloßes Requisit. Elena Vostrotina haucht der Schriftensammlung filigranes, anmutiges Leben ein. Gemeinsam mit Bibliothekar Raphaël Coumes-Marquet berührt sie den Zuschauer tief. Man fühlt mit dem Tagebuch, das doch eigentlich nur „ein Ding“ ist. Doch hier offenbart sich die Konnotation: Freilich ist ein Tagebuch nicht einfach nur eine Sache, sondern der Hort von Geheimnissen. Manche davon sind vielleicht so vertraulich, dass der Tagebuchschreiber sie nicht einmal einem Menschen anvertrauen würde. Damit gewinnt die Seitensammlung an unermesslicher Bedeutung für ihren Autor.
Und wie fatal, wenn ein zweiter darin läse! Auch diese Facette übersetzt das Ballett in eine vortreffliche choreografische Sprache.

Verbindung hergestellt…

Elena Vostrostina vermag es, das gequälte Tagebuch durch Spiel und Tanz authentisch in die menschliche Gefühlswelt zu transportieren. Man freut sich inbrünstig, als sie – das Tagebuch – wieder in die beschützenden Arme des Bibliothekars zurückfindet.

Doch auch andere Bücher haben plötzlich Arme und Beide. Eine „Hosenrolle“ tanzt Raquél Martínez als Kochbuch. Mit Brezel auf dem Kopf und deutschen Unwörtern in den Rockfalten mimt Caroline Beach ein bayerisch dominiertes Deutschbuch. Die Technologie hat mit 90er-Jahre-Discooptik und zackigen Takten ihre Meisterin in Carmen Piqueras gefunden. Das Musikbuch gibt sich sexy: Mit seiner Interpretin Vanja Vitmann und passendem Auftrittslied.

Es bereitet ein überragendes Vergnügen, den tanzenden Büchern auf der Bühne zuzuschauen. Der Spaß ist komplett, als die Herren Studenten die ausgelassene Sause ergänzen. Leider geht die humorvolle Ensembleleistung auf Kosten des Tanzes, doch gut unterhalten verschmerzt man den ein oder anderen Tanz-faux-pas.
Einzig die Seitentransplantation wirkt zunehmend wie ein Griff in die dunkle Witzkiste. Von Titanic bis Alice im Wunderland rasen Kurzszenen über den Operationstisch in der zur Klinik umgebauten Bibliothek. Man fühlt sich bisweilen wie im Publikum von Hans Klok oder David Copperfield, weil ständig maskierte Köpfe aus dem Unterbau der OP-Liege schnellen und verschwinden. Verzaubernd ist dieses abstruse Intermezzo allerdings nicht.  Wie schön, als das wankende Tagebuch endlich in die Hände des Bibliothekars sinkt.

„Das verlorene Tagebuch“ ist ein Ballettstück für Menschen, die eine kurze Pause brauchen. Kaum länger als eine Stunde zeigt es eine behutsam inszenierte Tanzerzählung. Technisch nicht perfekt, qualitativ nicht hochkulturell, doch äußerst charmant. Ein Ballettstück für jedermann, sogar für Kinder ab acht Jahren, wie es auch in der Inszenierungsbeschreibung zu erfahren ist.

Und noch etwas ist reizend: das Programmheft. Möchte man im Vorfeld der Vorstellung darin schmökern, sollte man etwas früher da sein…

„Das verlorene Tagebuch“, Semper 2, nächste Vorstellungen am 2. und 3. Juli sowie ab 9. November

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