BÜHNE & MUSIK

16.04.2013

Der Drache (Foto: David Baltzer)
(Foto: David Baltzer)

Der theatrale Wandel vom Mythos zur Realität

Ein „Wundertierchen“, dieses „Zundertierchen“: „Der Drache“ offenbart sich am Staatsschauspiel Dresden als brillanter Drilling.

Er hatte wohl ein Herz für Katzen. Jewgeni Schwarz. Im Programmheft zeigt man ihn mit einem properen Stubentiger im Arm. Im dazugehörigen Stück spielt die Katze, pardon, der Kater, auch eine wesentliche Rolle. Als Katzenelternteil fühlt man sich im Publikum zur Inszenierung „Der Drache“ jedenfalls gleich wie zu Hause. Auch die pfotenfreien Szenen sind von den eigenen vier Wänden gar nicht so weit entfernt.

Von Frances Heinrich

Zwischen den Traversen herrscht noch Fasching. Am Bühnenhimmel prangt ein Bild, wie man es ab und an im Chinarestaurant sieht. Aber wir sind nicht in China, sondern in Dresden. Und gleichzeitig in der ganzen Welt, denn das Thema des Stücks „Der Drache“ war und ist omnipräsent.

Der Mythos

Der Drache hat als mythologisches Wesen seit jeher eine starke Faszinationskraft. In ihm einen sich die Agilität und Kraft des Reptils, die Gier und der Jagdinstinkt des Raubtiers sowie der anmutige Flügelschlag des Vogels. Er repräsentiert auch die vier Elemente: die Luft, denn er kann fliegen, die Erde, denn er kann kriechen, das Wasser, denn er kann schwimmen, und das Feuer, denn das kann er speien. Bis in die Neuzeit hinein glaubte man, es gäbe ihn tatsächlich. Abgesehen von possierlichen Glücksdrachen oder liturgisch aufgeladenen Entsprechungen, führt der Drache meist die Konnotation des Bösen mit sich. So muss ein Drachentöter herbeieilen, um das Untier zu besiegen und die Ordnung der Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Meist fällt dabei auch noch eine Jungfrau ab, ein nie verschmähtes Entgelt für heroische Akte gegen das diabolische Abbild.

Die Macht

Wähnen wir uns glücklich, dass unser Stadttor nicht in die Pforten eines Drachenhortes mündet, denn der Boss der Höhle ist bekanntlich weder besonders kommunikativ noch genügsam. Stattdessen versucht er sich als gefährlicher Marionettenspieler. Seine Fäden spinnt er aus Angst und Drohung, mit denen er die Puppen am Ende gehörig erzittern lässt. Zweifelsohne, so ein Drachen hat Macht.
Macht! Die Lesart dieses Wortes ist janusköpfig. Von oben gelesen, offenbart sich ein Imperativ. Von unten gelesen, ein Status. Oppression, Tyrannei, Unterdrückung, Herrschaft. Leute, macht, was ich will! Der Opressor, Tyrann, Unterdrücker, Herrscher hat Macht! Eine Konstellation, wie sie im Großen und Kleinen überall zu finden ist. Oder wer hat in der Ehe die Hosen an?
Wolfgang Engel implementiert beide Perspektiven in seine Inszenierung, die mittlerweile dritte Regiearbeit unter Wilfried Schulz. Zur Demonstration der Drachenmacht ist nur ein Schauspieler vonnöten, doch der zeigt die Gewalt des in diesem Fall dreiköpfigen Monstrums, wie es eine Horde Fabelwesen nicht besser könnte. Für die Unterdrückten bedarf es mehr des Personals. Das schafft es allerdings auch nur teilweise, die rollengemäße Perspektive bis in den Zuschauerraum zu speien. Hat es gar zu wenig Drachen in sich? Schließlich suggerierte uns die Ankündigung des Stückes das Untier in uns: „Ist nicht auch unser System mörderisch? Wissen wir nicht um die Opfer, die unser Lebensstil weltweit kostet; wissen wir nicht um den Preis, den andere zahlen? Und leben wir nicht trotzdem weiter, als ob es eben nicht so wäre? Und lächeln, so wie es die Figuren von Schwarz tun? Wir brauchen keinen Oppressor von außen, keinen Drachen – wir tragen ihn bereits in uns, wir haben ihn verinnerlicht.“

Die Spieler

Hoffen wir, dass Tom Quaas einfach nur ein grandioser Mime ist und seine Darstellung wirklich durch und durch Rolle und nicht etwa ein Stück von ihm selbst. Sein Drache schürt Furcht und Schrecken, auch ohne rasselnde Musikuntermalung. Anzugträger. Sonnenbebrillter Paradiesvogel. Lustmolchgreis. Die Quaas’sche Metamorphose des Abends ist ein Fest. Eine Shizophrenie, mit der Wolfgang Engel die Dreiköpfigkeit des Drachen gekonnt in ein theatrales Mittel übersetzt. Bei allem Schrecken, den der Drache verbreitet, sprüht an seinem Ende doch noch ein Fünkchen Mitleid über – obwohl man nicht weiß, ob es tatsächlich für den sterbenden Drilling oder eher Toms Aerobicstunde keimt. Der Tod ist einfach, aber nicht bequem. So gelenkig wie in dieser Inszenierung hat man Tom Quaas vermutlich selten gesehen.
Geschick im Umgang mit dem eigenen Material beweist auch Matthias Luckey als Lanzelot. Die Lanze hebt er zwar nicht a lot, einen Sieg trägt er dennoch davon. Wieder einmal mehr offenbart sich der Klischeekonsens des Rüpelrockers, denn mit ausgeblichener Jeans, Lederjacke, dominanter Gürtelschnalle und langem Haar hat man Luckey eindeutig in dieses Image gekleidet. Oder huldigt man dem Rocker? Immerhin ist er es, der das Volk letztlich vom Drache befreit und das Gehirnkarussell anschiebt. Fest steht: Der Heavy-Metal-Lanzelot ist ritterlicher als das von der Perücke befreite, kurzhaarige Liebchen, das sich nach der Pause noch einmal zeigt.
Apropos Pause: Hier hat sich das Staatsschauspiel ein Entertainmentintermezzo einfallen lassen, das selbst einen Dieter Bohlen verblüfft hätte. Es kann zwar nicht singen, aber die Bühne quasi in Präsenz ertränken. Schade nur, dass es so schnell geht, wie es kommt.
Zwei Spieler müssen an dieser Stelle noch geadelt werden: Die Krone des Humors geht an Holger Hübner, der einen so wunderbar verrückten und realitätsentrückten Bürgermeister mimt, dass man ihm die Psychopharmaka am liebsten höchstpersönlich an die Rampe bringen möchte.
Und, natürlich: der Stubentiger. Der sich als gut bestücktes Katerexemplar entpuppt. Gut, dass Christian Clauß für diverse Transportkörbchen dann doch zu groß ist. Er hat so manchem daheim gebliebenen Samtpfötchen arge Konkurrenz gemacht…
Ein Wermutstropfen in der durchweg kurzweiligen und überaus amüsanten Inszenierung ist der Bürgerchor. Bisweilen leidet die Aussprache unter dem Achtung sagenden Anatmen des Chorführers, gerade in den hinteren Reihen wird es manchmal zu einer Odyssee, den Wortlaut der Dreizehn zu verfolgen. Aber so passt es wenigstens zum mythischen Titel des Stücks.

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