BÜHNE & MUSIK

25.02.2013

Lohengrin (Foto: Matthias Creutziger)
Matthias Creutziger

„Die narkotischsten Klänge der Welt“

2013 ist das Wagnerjahr und geboten wird viel – eine regionale Auswahl

Berauschende Klänge, starke Charaktere und eine poetisch-kraftvolle Sprache – es gibt viele gute Gründe, Wagners „Lohengrin“ zu verehren. Wenn Christian Thielemann die musikalische Leitung innehat, dann wird aus der Verehrung Ekstase. So geschehen vor Kurzem in der Semperoper beim Auftakt zum Wagnerjahr 2013. Zelebriert als höchster Operngenuss wurde dieser mit einer „Lohengrin“-Wiederaufnahme. Einen fulminanteren Anbeginn könnte man sich kaum vorstellen und wünschen. Dementsprechend frenetisch war auch der Publikumsapplaus. Wer diese Sternstunde in der Geschichte der Semperoper verpasste, hat in diesem Jahr genug Gelegenheiten, vergleichbare Höhepunkte in ganz Sachsen zu erleben.

Von Radostina Velitchkova
Kaum hat es angefangen, schon ist es im vollen Gange – das Wagnerjahr 2013. Viele Theater huldigen dem widersprüchlichen Musikgenie bereits seit vergangenem Jahr: So präsentierte das Mittelsächsische Theater in Freiberg am 1. Dezember eine eigene, gekürzte „Tannhäuser“- Fassung und an den Landesbühnen Radebeul feierte „Das Liebesverbot“, die zweite Oper Wagners, am 8. Dezember ihre Premiere. Die große komische Oper, die er 22-jährig schrieb, zeigt ihn in einem interessanten und eher ungewöhnlichen Licht. Und obwohl die Radebeuler Interpretation auf ambivalentes Echo stieß, sollte man sich die nächste Aufführung am 20. Mai vormerken, denn „Das Liebesverbot“ steht ziemlich selten auf den Spielplänen deutscher Musiktheater und ist zweifelsohne erlebenswert. Vom „mittelsächsischen“ Format des „Tannhäuser“ zeigte sich die Kritik hingegen positiv überrascht, galt das Vorhaben des eher kleinen und intimen Theaters in Freiberg doch fast als größenwahnsinnig. Ob und wie es gelingt, die Geschichten rund um den Minnesänger Tannhäuser in nur 2,5 Stunden szenisch-konzertant zu erzählen, kann am 23. Februar und 26. März geprüft werden. Wer sich den 23. Februar frei für Wagner halten möchte, hat allerdings die Qual der Wahl, denn an diesem Tag locken auch die Landesbühnen mit einer spannenden Premiere. Diese findet außerdem an einem für Wagner besonderen Ort statt. In Graupa, einem Vorort von Pirna, hatte der damalige Dresdner Hofkapellmeister gemeinsam mit seiner Frau eine kurze Auszeit genossen und mit den Entwürfen für die Oper „Lohengrin“ begonnen. Hier, im heutigen Lohengrin-Haus, sind auch wesentliche Teile der Komposition entstanden. Nicht direkt in besagtem geschichtsträchtigen Haus, dennoch in unmittelbarer Nähe, wird am 23. Februar der Weg Wagners „Vom Pariser Bohèmien zum Sächsischen Hofkapellmeister“ im Rahmen des gleichnamigen musikalischliterarischen Abends nachgezeichnet. „Dabei ertönen sowohl bis heute weniger bekannte Kompositionen des Künstlers aus seinen Pariser Jahren als auch Werke seiner Zeitgenossen, die einen Eindruck von Wagners musikalischem Umfeld in jenen Jahren vermitteln sollen“, heißt es in der Ankündigung der Landesbühnen, die in diesem Fall nicht ins Radebeuler Stammhaus, sondern nach Graupa ins Jagdschloss einladen. Es singen versierte und beliebte Mitglieder des Ensembles wie Stephanie Krone und Guido Hackhausen. Zu empfehlen wäre eine Anreise bereits am früheren Nachmittag – bis 16 Uhr kann die aktuelle, aus sechs Räumen bestehende Ausstellung der Richard-Wagner-Stätten besichtigt werden. Mit ihrer Eröffnung im sanierten Jagdschloss wollen sie „ein neues Kapitel der Wagner-Rezeption in Sachsen aufschlagen“. Angestrebt werde „ein interaktives Zusammenspiel von Themenräumen, Veranstaltungssaal, thematischen Sonderausstellungen, museumspädagogischen Programmen und Lese- und Hörräumen“. Lehrreich dürfte auch ein Besuch des Lohengrin- Hauses sein, das ebenfalls Teil des Konzeptes der Richard- Wagner-Stätten Graupa ist und „besonders die Dresdner Kapellmeisterzeit Wagners und seine geistig-künstlerischen Beziehungen zu dem Musikdirektor und revolutionären Demokraten Karl August Röckel mit zahlreichen und aussagekräftigen Materialien dokumentiert“. Die verschiedenen Räume sind mit Möbeln aus der Zeit Wagners ausgestattet und beherbergen auch Schriften und Texte des Komponisten.

Sonderausstellung

Eine Sonderausstellung zu Wagners Wirkungsstätten sowie Persönlichkeiten des Dresdner Geisteslebens wird ebenso in der Landeshauptstadt zu sehen sein. Die Schau unter dem Titel „Richard Wagner in Dresden – Mythos und Geschichte“ im Stadtmuseum läuft bis zum 25. August. In ihr werde „die Topografie, welche Wagners Wirkungsstätten, Aufenthaltsorten und Rückzugsräumen in Dresden nachspürt, eine wichtige Rolle spielen. Persönlichkeiten des Dresdner Geisteslebens und Kulturschaffens, aber auch Politiker und Entscheidungsträger, die Wagner als Künstler und politischen Kopf prägten, werden dazu in Beziehung gesetzt“. Ein wichtiges Ausstellungssegment stelle auch die „mit zahlreichen Mythen überlagerte Rezeptionsgeschichte des Komponisten im 20./21. Jahrhundert“ dar.

Den Mythos Wagner leibhaftig spüren kann man jedoch nach wie vor am intensivsten im Opernhaus. Die Premiere der romantischen Oper „Der  fliegende Holländer“ an der Semperoper am 15. Juni dürfte schon bald restlos ausverkauft sein. Eine konzertante Aufführung der gleichen Oper können leidenschaftliche und potenzielle Wagnerianer drei Wochen zuvor am 26. Mai an der Oper Leipzig erleben. In der Geburtsstadt des Komponisten finden die Richard-Wagner-Festtage statt. Einer ihrer unzähligen Höhepunkte ist der Festakt im Opernhaus am 22. Mai, mit welchen der 200. Geburtstag Richard Wagners gefeiert wird – unter anderen mit dem „Ring ohne Worte“ des Gewandhausorchesters. Auf ein Geburtstagskonzert dürfen sich ebenso die Dresdner freuen. Unter der musikalischen Leitung von Chris tian Thielemann feiert die Sächsische Staatskapelle rein. Am 21. Mai erklingt ab 21 Uhr die „Essenz des Dresdner Wagner“ – die Ouvertüren und großen Tenorszenen aus Wagners Dresdner Uraufführungsopern. Interpretiert werden diese von einem der gefragtesten Wagner-Tenöre der Gegenwart: Jonas Kaufmann. Thielemann dirigiert eigentlich zwei Geburtstagskonzerte, das erste davon bereits am 18. Mai in der Frauenkirche. Gegeben wird „Das Liebesmahl der Apostel“, jene groß dimensionierte biblische Szene für Männerchor und Orchester, die Wagner für die Architektur der Frauenkirche schrieb und hier 1843 selbst zur Uraufführung brachte. Ergänzt wird das Programm durch weitere Chorwerke aus Wagners Dresdner Zeit sowie die ‚Reformations-Symphonie‘ von Felix Mendelssohn Bartholdy, deren ‚Dresdner Amen‘ Wagner viele Jahre später in seinem ‚Parsifal‘ aufgriff … Ein Wermutstropfen – die Kartenverfügbarkeit für diese Konzerte ist stark eingeschränkt.

Das barocke Jagdschloss in Graupa
(Foto: Marko Förster)
Marko Förster

Der kleine Ort Graupa ist nicht nur im Jubiläumsjahr eine der wichtigsten Pilgerstätten für alle Wagnerianer. Im barocken Jagdschloss wurde vor Kurzem ein Museum eröffnet. Die Schau widmet sich in vier Räumen Aspekten von Wagners Schaffen: Dichtung, Komposition, Theater und Bühne sowie Orchester. Zwei Räume befassen sich mit Biografie und Rezeption des Werkes. Das Museum vervollständigt die Richard- Wagner-Stätten in Graupa, zu denen noch das Lohengrinhaus, ein Wagner-Kulturpfad sowie ein Denkmal für den Künstler im Liebethaler Grund gehören. Schirmherr ist Christian Thielemann. Foto: Marko Förster

Eine Eintrittskarte braucht man am 25. Mai zum Glück nicht, wenn ab 19 Uhr an der Brühlschen Terrasse „Dresden singt & musiziert“. Die beliebte Veranstaltung, die alljährlich die Dresdner Musikfestspiele einem breiteren Publikum zugänglich macht, steht natürlich auch im Zeichen des Wagnerjahres. Zu hören und mitzusingen werden berühmte Wagner-Chöre sein. Zwei Wochen später erfreuen die Landesbühnen mit einer Open- Air-Gala der Chöre von Wagner und Verdi, dem anderen Jubilar 2013. Beginn ist am 2. Juni, um 17 Uhr vor der traumhaften Kulisse der Felsenbühne in Rathen.

Wagner, Wagner, Wagner – wohin man auch schaut. Die in diesem Text erwähnten Aufführungen und Ausstellungen sind nur ein Bruchteil dessen, was in Dresden, Sachsen, Deutschland geboten wird. „Der Seelenfänger“ wird gebührend gefeiert. Im gleichnamigen Artikel anlässlich des Wagnerjahres schreibt die Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey: „Wagner kann Menschen verändern, eruptiver als Mozart, sinnlicher als Beethoven, handfester als Bach. Wagner kann überwältigen, Besitz ergreifen, allein durch die Länge und Lautstärke seiner Musik. Wagner kann süchtig machen … Wagner kann Weltanschauung werden, Glaubenssache, Kult.“

Wie sich ein Leben mit Wagner und seiner Musik anfühlt, wissen wenige so gut wie Christian Thielemann. Unter der Mitwirkung von Christine Lemke-Matwey erzählt er davon. „Mein Leben mit Wagner“ ist im vergangenen Jahr erschienen. Aus der Buchbeschreibung ist zu erfahren, dass der weltweit gefeierte Kapellmeister auf den 320 Seiten seinen Lebensweg mit dem Komponisten von seinen Berliner Anfängen über Venedig, Hamburg, Chicago bis nach Bayreuth schildert. „Er führt persönlich durch die Opern, stellt deren mythisch- menschliche Helden vor und schaut in Wagners Giftküche, wo die narkotischsten Klänge der Welt gemischt wurden.“

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