BÜHNE & MUSIK

18.01.2013

Dreigroschenoper überzeugt mit Mischung aus Glamour und Sozialkritik

Polly und Macheath bei ihrer Hochzeit im Pferdestall. Um sie herum: Macheaths Handlanger. (Foto: David Baltzer)
(Foto: David Baltzer)

Wovon lebt der Mensch? Er lebt von Missetat. In der Tat führt hier kaum einer etwas Gutes im Schilde. Trotzdem gelingt es meisterhaft, keine Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben, denn am Ende sind alle schuld. Oder eben keiner. Etwas bunt, etwas verrückt, etwas lustig, etwas traurig – ein drei-stündiges Stück im Staatsschauspiel.

Von Anna-Lena Roderfeld
Die Dreigroschenoper – ein Stück, geschrieben im 18. Jahrhundert in England, umgearbeitet von Bertolt Brecht in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts -  beweist bis heute seine Aktualität. Seit September 2012 wird es unter der Regie von Friederike Heller im Staatsschauspiel aufgeführt. Die Story? Das Unternehmen und die familiäre „Idylle“ der bürgerlichen Familie Peachum wird unterbrochen, als Tochter Polly kurzerhand entschließt, den berüchtigten Gauner und Frauenheld Macheath, bekannt als Mackie das Messer, zu heiraten. Dadurch gelangt sie in die dunklen Kreise der Londoner Unterwelt. Doch Dreck am Stecken hat hier eigentlich jeder: Frau Peachum schaut tiefer ins Glas, als es ihr gut tut, Herr Peachums Profession ist es, jeden der sich an ihn wendet möglichst mitleiderregend zum Bettlern auszustaffieren und somit sein eigenes Auskommen zu sichern. Polizeichef „Tiger“ Brown, seinerseits bester Freund von Mackie Messer, und die übrigen Polizisten sind korrupt, seine Tochter Lucy verkehrt mit Mackie und versucht ihn mit allen Mitteln an sich zu binden. Und die Huren, zu denen Macheath sich „aus alter Gewohnheit“ flüchtet, verraten ihn gleich zwei Mal.

Gänsehaut-Musik
Großartig sind die musikalischen Einlagen. Laut des Komponisten Kurt Weill sollen sie nie eine realistische Handlung darstellen, sondern die Handlung unterbrechen um bestimmte menschliche Vorgänge zu zeigen. So zum Beispiel bei Polly und Macheaths Hochzeit: die Braut trägt das Lied der „Seeräuber Jenny“ mit einer solchen Inbrunst vor, als hätte sie lange auf den richtigen Moment gewartet, aus dem elterlichen sicheren Umfeld auszubrechen um auf die abenteuerliche Seite zu gelangen. Gänsehaut ist auch beim theatralischen Höhepunkt vorprogrammiert: alle Schauspieler stehen zusammen auf der Bühne und schmettern „Wovon lebt der Mensch?“. Ungewöhnlich, jedoch durchaus atmosphärisch ist, dass das Orchester sichtbar im hinteren Ende der Bühne sitzt. Von dort aus werden von Piano über Gitarre, Bass, Trompete, Saxophon, Klarinette und Posaune die verschiedenen Instrumente gespielt. Da die Bühne durch zwei Vorhänge in drei Teile geteilt werden kann, verschwinden die Musiker zum Teil auch hinter dem Vorhang.

Zwischen Muppet-Show und Graffiti
Ein anderer Aspekt, der dem Stück großen Charme verleiht, sind das Bühnenbild und die Kostüme. Übergroße Plakate in Peachums Unternehmen tragen Sprüche wie „Verschließt euer Ohr nicht dem Elend“, oder „Gib, so wird dir gegeben“. Demgegenüber steht der anonyme Sprayer, der mit voranschreitendem Stück immer mehr Parolen an die Wände sprüht. Darunter „Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht“, „Fuck reality“, oder er ersetzt  auch ein Wort bei Peachums Plakaten, und plötzlich steht da „Nimm so wird dir gegeben“. Dies stimmt nachdenklich. Dazu wirken die Phrasen und biblischen Sprüche, welche Herr Peachum oft zitiert, schnell heuchlerisch neben den prunkvollen und glamourös glitzernden Kleidern von Polly Peachum und ihrer Mutter. Auch Mackie Messer kleidet sich dekadent in glitzernde Anzüge mit Fliege, Gehstock und Melone. Aber auch phantastische Kostüme sind zugegen: die Huren werden, als Meerjungfrauen kostümiert, in Schaukeln abgeseilt, Macheaths Handlanger tragen überdimensionale Masken von Charakteren der Muppet Show, Frau Peachum tritt als Darth Vader auf. In Halloweenmasken verwandeln sich einige der Charaktere in Zombies. Da verwischen die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, Realität und Theater. Was unter dem Glamour und phantastischen Figuren bleibt, ist der kritische Unterton, mit dem dem Publikum ein Spiegel seiner selbst vorgehalten wird. Denn wer ist sich selbst hier nicht der Nächste? Will man in einer solchen Gesellschaft leben, wo erst das Fressen kommt, dann die Moral? Das Stück findet eine Lösung, sie kommt förmlich von königlicher Instanz. Und so ist am Ende doch wieder alles gut.

Karten: 10-23 Euro unter 0351 / 4913 555
Nächste Vorstellungen: 26. Januar, 2. und 9. Februar 2013
www.staatsschauspiel-dresden.de

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