BÜHNE & MUSIK

12.09.2013

Die Schaltwarte (Foto: PR)
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Ein Chamäleon ohne fliegendes Fresschen

Es ist vier Minuten vor zehn. Durch Milchglasquadrate fällt ein sanftes Licht in den Raum. Die Kugellampen, die von oben her in die Tiefe ragen, sind mittlerweile wieder im Terrain des schicken Designs angekommen. Pulte, Knöpfe, Analogschrift. Ein bisschen gespenstisch ist es hier. Hier, wo es noch für viele Wochen vier vor zehn sein wird. Hier, wo sich Menschen zeigen werden, deren Zeit schon längst gekommen ist, deren Ticken aber bisher ungehört blieb.

Von Frances Heinrich

Schauspieler sprechen auch privat ziemlich deutlich. Was bisweilen als leiser Anflug linguistisch verpackter Arroganz wahrgenommen wird, ist tatsächlich ein Mitbringsel des Schauspielerberufes, scheint mir. Ich kenne jedenfalls keinen Mimen, der jenseits der Bühne nicht mit genauso fester Stimme, weitgehend dialektfrei und so präzise spricht. Und ich erinnere mich an meine eigene aktive Theaterzeit. Als ich noch jung war. Sprecherziehung und Stimmbildung haben mich damals vor dem Jugendschlonz bewahrt, der da aus manch einer pubertierenden Kehle kam. Mein Interesse für das Theater ist auch ein wesentlicher Grund, weshalb ich mir mit vierzehn Jahren in Berlin mein erstes Literaturlexikon gekauft und es genüsslich durchgeschmökert habe. Weshalb ich auf dem Gymnasium den Leistungskurs Deutsch und das Fach Darstellendes Spiel gewählt habe. Das Theater meiner Stadt war meine zweite Heimat.

Nichts schärfte den Gruppenzwang so sehr wie Stichworte, die Schnappatmung während der Generalprobe, das Lampenfieber vor der Premiere und die Energie während des Applauses.

Die Probenzeit am Theater war die schönste, die ich je hatte. Dort habe ich gelernt, was mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin: ein recht sozialverträgliches Wesen, das sich in Empathie übt und andere Lebensentwürfe akzeptiert. Im Theater habe ich Beharrlichkeit gelernt. Im Theater habe ich die Vielgesichtigkeit des Menschseins gelernt. Nicht nur durch die Bühnenpartner, sondern auch durch Textbuch und Regiearbeit. Im Theater habe ich gelernt, warum Menschen sind, wie sie sind. Ich durfte mich in viele Biografien schmuggeln und erfahren, welche Motive den Mörder treiben und welche den Engel. In diesem Zuge las ich Freud.
Bis heute bin ich eine gnadenlose Analytikerin. Vor allem im Umgang mit Menschen. Manch einer sieht das ewige Fragen und Verstehenwollen als Last. Ich sehe es als meinen großen Vorteil gegenüber der objektiven Hektik, in der das Individuum nicht mehr wert ist als das Arbeitszeitkonto.


Über so ein Konto können die Menschen, die an diesem Tag mit mir im Raum sitzen, nur müde lächeln. Jeder Angestellte würde mit den Zähnen klappern, hätte er diese Arbeitsbedingungen. Und wäre die Welt tatsächlich gerecht, gehörten diese hier zu denen, die sich bei der Lektüre ihres Haushaltsbuches mit dem Spitzensteuersatz anfreunden müssten.
Dominik erhebt die Stimme. Er erzählt von kultureller Bildung. Von Relevanz. Vom Kölner Theater, wo die Geldgeber dachten, die millionenschweren Fördergelder fließen direkt in die Börsen der Schauspieler. Ein Lachen geht durch die Runde. Dominik ist Schauspieler. Dominik hat das gleiche Schicksal erlangt wie die anderen, die in dem Raum sitzen, in dem die Uhr bei vier vor zehn stehengeblieben ist. Dominik ist freischaffend.

Natürlich habe man die Regierungsparteien eingeladen.
Zugesagt haben bisher nur die Oppositionen.

Sagt Utz Pannike. Er ist Initiator der friedlichen Demonstration, die sich im Dresdner Kraftwerk Mitte aufbäumen wird. Zeitgleich eröffnet das Staatsschauspiel Dresden die neue Spielzeit. Da gibt es bestimmt Häppchen und Prosecco. Kostenlos natürlich. Und was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Da könnte Utz Pannike Schnitten schmieren, wie er wollte.

Off-Versammlung im Umspannturm (Foto: PR)
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Was machen die eigentlich den ganzen Tag? Freilich, schlafen! Zwei, drei Abende kommen sie mal aus ihren schmucken Altbauwohnungen gekrochen, um im Rampenlicht unsäglich hochsummierte Honorare einzustreichen. Und immerhin haben die zwei Monate Urlaub! Spielzeitpause! Schauspieler sind genauso Luxusjammerer wie Lehrer, stimmt's? Und diese Off-Leute... Verkappte Automechaniker, die sich in ihrer Freizeit nun an Goethe und Musil versuchen, sich einbilden, die Muse hätte sie besonders innig geküsst und man müsse ihnen dafür nun huldigen!

Etwa 1.000 Euro netto verdient der Einsteiger. Später könnten es mal fünfhundert mehr werden. Arbeitslosengeld 1 bekommen sie nicht. Fast 75 Prozent der Zunft leben von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag.

Das kam heraus, als die Universität Münster 2010 Schauspieler zu ihrer wirtschaftlichen Situation befragte. Fernseh- und Filmmimen zwar, doch auf den Bühnen sieht es nicht besser aus.
Durchschnittlich sechs Wochen müssen genügen, um ein Theaterstück aufführungsreif zu proben. Der Text muss sitzen. Dazwischen spielt man noch andere Vorstellungen. Abends. Am Wochenende. Soweit zu Schauspielern an institutionellen Theatern.
Der Freischaffende hat den Luxus, sich Themen und Formen nach eigener Vorliebe und jenseits eines von einem Intendanten abgesegneten Spielplans zu widmen. Auftrittstermine bestimmt er selbst. Probenzeiten legt er nach eigenem Ermessen fest. Diese Freiheit aber muss er teuer bezahlen. Von der Probenraummiete über das Bühnenbild bis zur Öffentlichkeitsarbeit ist der freie Theatermacher selbst am Zug. Auch in der Union mit Gleichgesinnten verteilt sich das materiell und damit finanziell Unentbehrliche zu einhundert Prozent auf den Schultern der Akteure. Zuschüsse? Nein, wenn es mal für ein Augenpaar mehr im Publikum reicht, schätzen sich viele freie Theatermacher schon glücklich. Monetärer Natur sind Zugaben nicht. Da kann man freilich schwer mit hohen Auslastungsgraden posieren. Da geht es ums nackte Überleben.

Während große Schauspielhäuser meist die Weltliteratur durchforsten und auch sonst eher auf Klassiker nebst Trendautoren zurückgreifen, gibt es in den Arbeiten der Freien unsagbar Schönes zu entdecken. Manchmal oft, so scheint es mir, ist es hier mehr Theater. Kein Nur-Spielen, Text abarbeiten, sondern die Integration des Mediums selbst in die eigene Inszenierung. Manchmal oft, so scheint es mir, ist freies Theater liebevoller. Ehrlicher. Nicht hitverdächtig durchdramatisiert oder totregiert.

„Wo ist die Off-Szene?“, haben sich Katja Heiser und Julia Amme gefragt, als sie aus anderen Städten nach Dresden kamen. Dresdens Freischöpfer versuchen nun erstmals offensiv, diese Frage zu beantworten. „Kraftwerk off/on“ haben sie das dreitägige Festival getauft. Die Öffentlichkeitsarbeit hat hervorragend funktioniert. Wenigstens auf dieses Projekt privaten Engagements hat die Lokalpresse mit mehr als einer kurzen Notiz reagiert.
„Dass es eine rege Szene gibt, sieht man am Programm“, schickt Julia Amme nach. Sie ist Teil des Recherchetheaters „La Lune“. „Heimisch“ heißt das Stück, das am 29. November Premiere haben soll und wofür die Materialsammlung am Wochenende des Kraftwerkspektakels ihren Auftakt finden wird.
Heimisch wollen auch die freien Theatermacher in Dresdens Kulturwahrnehmung werden. In ihrer gegenseitigen Vernetzung suchen sie selbst den Anfang. Befördert durch Utz Pannike, der vor zwei Jahren einen Stammtisch einberief, um eben jene Verquickung der unterschiedlichen Menschen und Theaterkonzepte entstehen zu lassen. Die Besetzung des Stammtisches änderte sich immer wieder. Letztlich hat es trotzdem funktioniert. Zum Glück.

Detail im Industriedenkmal Kraftwerk (Foto: PR)
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Bevor das Kraftwerk Mitte in ein Koma versetzt und zu einem kulturellen Nukleus umoperiert wird, haben die Dresdner vom 13. bis 15. September die Gelegenheit, den Korpus des Industriegiganten ein letztes Mal zu erforschen. Und am eigenen Leibe zu erleben, wozu freies Theater imstande ist.

Das Gros der Stücke wurde extra für diesen Ort erschaffen und wird so nie wieder zu sehen sein.

Auch im institutionellen Theater gleicht laut Wissenschaft keine Vorstellung der anderen. Doch Bühnenbild, Wege und Stichworte bleiben dennoch weitgehend immer dieselben. Das freie Theater ist ein Chamäleon. Es nutzt jeden Ort, will jeden Ort nutzen, so brach er auch anmutet. Jene Unorte sind es doch, die eine unbändige Inspiration ausstrahlen, stellt Schauspielerin Julia Amme in einem emotionalen Plädoyer fest. Sie sind das Faszinosum, das es theatral zu beschleichen gilt.

Bisher schlichen die Freischöpfer allein. „Wir haben keine Kantine, in der man sich austauscht, in der neue Ideen entstehen“, erklärt Utz Pannike, der seit 2000 freischaffend arbeitet, seine Motivation, den Stammtisch ins Leben zu rufen. Weder das Publikum noch die Politik nehmen freies Theater in Dresden hinreichend wahr. Societaetstheater und Projekttheater sind zwar Begriffe, doch fragt man den gemeinen Mann, was er sich unter Off-Theater vorstelle, öffne er meist die Schublade des Amateur- und Laienspiels. Ein fataler Irrtum.

Off-Theater ist professionell. Kein Freizeitvergnügen.

Da steht eine Ausbildung dahinter, ein Hauptbroterwerb. Wie es Angestellte und Selbstständige gibt, so verhält es sich mit Festengagement und Off-Beschäftigung. Off bedeutet nicht, dass die Stimme aus dem Hintergrund kommt. Off bedeutet, dass es eine zweite bedeutsame Stimme gibt. Und nicht nur in der Musik ergibt sich aus Mehrstimmigkeit eine tolle Harmonie.
Aus dem Unwissen heraus resultiert vermutlich auch die Missachtung. Natürlich scheinen Amateure und Laien für eine Hochkulturburg nicht eben attraktiv, da schnipst man freilich nicht einfach so den Knopf zur Geldbörse auf - wenngleich die ebenso verbreitete Missachtung des nicht-professionellen Theaters ein nächster Diskurs wäre.
Dass Off-Theater also eine anspruchsvolle Berufstheaterkunst jenseits der Prestigehäuser ist, muss den Menschen noch im Geiste anerzogen werden. Und auch hier sind die freien Theaterleute die Wurzel, aus der nicht selten eine Nutzpflanze rankt: Sie sind es, die Projekte für Schulen und Jugendarbeit entwickeln und umsetzen. Sie sind es, die mit jungen Menschen auf Tuchfühlung gehen und über Jahre mit ihnen gemeinsam etwas schaffen. Sie sind es, die auf diese Weise Interesse für das Theater wecken und den etablierten Häusern letztlich auch einen Teil ihres Publikums in die Reihen spülen: „Wer sich für Theater nicht interessiert, wird auch nicht in ein Schauspielhaus gehen“, sagt Utz Pannike.
Wer nun mit Bürgerbühne oder Jugendclubs, wie sie auch jenseits von Dresden an den großen Häusern immer beliebter werden, kommt – freilich, die sind beliebt. Doch da müssen Jugendliche erst einmal hinkommen, denn ins Klassenzimmer oder das Jugendhaus reisen diese Formate selten. Auswahlprozeduren schrecken so manchen auch ab. Der ein oder andere entdeckt erst, wenn man ihn einfach mit ins Abenteuer nimmt. Bei Bürgerbühne & Co. wartet Indiana Jones bereits an der Rampe und hofft auf ein zumindest inszenatorisch verwertbares Talent. So viel Ökonomismus muss dann doch sein.
Kulturelle Bildung, wie es Dominik eingangs nannte. Und wenn sämtliche Parteien auch streuen, dass Bildung für jedermann zugänglich und erschwinglich sein müsse, so hat Wissen auch seinen Preis. Wertschätzung nennt es Schauspieler Dominik. Er denkt dabei nicht zuerst an Geld. Wertschätzung kann man auch mit Anerkennung bezahlen.

Von der allein ein freischaffender Künstler natürlich auch nicht leben kann. Doch sie wäre die Basis für den Taler. Förderungen gibt es, natürlich, aber leben kann man davon nicht. Darin sind sich die Freischaffenden einig. „Allein von der Instandhaltung des Wiener Lochs könnten wir jahrelang leben!“, wirft Utz ein. Aber gut, Geld und Sinn verstehen sich bisweilen ja nicht so prima. Genauso wie Politik und Neugier. Da wird eben mitgenommen, was dem eigenen Image zuträglich ist und den Magen mit fliegendem Fresschen füllt.
Auch mit der monetären Unterstützung des Kraftwerk-Festivals haben sich die Fördertöpfe nicht eben mit Ruhm bekleckert. Etwa 20.000 Euro kamen zusammen. Ein Bruchteil dessen, was an festen Häusern oft schon das Bühnenbild verschlingt. Davon sind 40 Compagnies und mindestens 20 Vorstellungen zu tragen.

Kraftwerk off/on ist ein Event. Die Alternative zur Raumbesetzung, die ebenfalls Teil des Stammtischmaßnahmenkataloges für die Mission Aufmerksamkeitserweckung war. Das Stichwort „Kleine Szene“ fällt. Ein verfallender Ort, eine zerschundene Immobilie – Salz in den Wunden der freien Theater-, ja generell darstellenden Künstler, die händeringend nach Auftritts- und Probenräumen suchen.

„Wir müssen Relevanz schaffen“, appelliert Dominik.

Vielleicht serviert man zur Bedeutsamkeit auch ein geflügeltes Salamibrot. Dann öffnen vielleicht auch kulturpolitisch wichtige Protagonisten nicht mehr nur den Mund für allerlei Belanglosigkeit, sondern auch die Augen, um die neuen Belange dieser Stadt zu entdecken.

Plakat zu Kraftwerk Off/On (PR)
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Kraftwerk off/on ist vorläufiger Höhepunkt einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Arbeit und den Arbeitsbedingungen der Freien Szene in Dresden. Langfristig soll eine künstlerische Weiterentwicklung angestoßen werden, die der Stadt Dresden gibt, was sie verdient: eine lebendige und visionäre Off ‐Theaterlandschaft.

Freitag, 13.09., 20 Uhr bis 24 Uhr
(18 Uhr Podiumsdiskussion)

Samstag, 14.09., 15 Uhr bis 24 Uhr (open end)
Sonntag, 15.09., ab15 Uhr (Familiennachmittag) bis 22 Uhr

Zum Programm

Tagesticket: VVK 12 €/ AK 14 €, ermäßigt 8 € bzw. 12 €
Gruppenticket für bis zu fünf Personen: 50 €, ermäßigt 32 €
Kinder bis 4 Jahre erhalten kostenfreien Eintritt.
Ein Tagesticket ermöglicht es, mehr als 20 Tanz- und Theaterveranstaltungen zu sehen.

 

 

Mehr Informationen zum "Kraftwerk Off/On" unter www.off-dresden.de

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