BÜHNE & MUSIK

09.10.2013

Ein zärtlicher Mord

Ein Trauerspiel. Dass es eventuell kein seichtes Unterhaltungsstück wird, mutmaßt, wer um den Ausdruck Trauerspiel und die Zeit des Autors weiß. Nicht wenigen an diesem Abend dürfte die Geschichte der jungen Frau, deren Name auf dem Titel des Programmheftes prangt, bekannt sein. „Emilia Galotti“ steht auf dem Spielplan des Staatsschauspiels Dresden. Gewappnet ist man vorher, getriezter Zuschauer nachher.

Von Frances Heinrich

Emilia soll heiraten. Anders als man es von der Weltliteratur sonst erwartet, ist sie darüber allerdings nicht unglücklich. Sie liebe ihren Verlobten Graf Appiani tatsächlich, sagt sie. Ein stoffliches Novum, das der kulturgeschichtlichen Epoche der Empfindsamkeit zuzusprechen ist. Gefahr für das Schicksal des zarten Mädchens geht von einem lüsternden Jüngling aus: Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla, hat ein Auge auf Emilia geworfen. Sein Kammerherr Marinelli soll die bevorstehende Heirat nun verhindern. Dass Appiani nach der Ausführung des kammerherrischen Plans nicht mehr unter den Lebenden weilt, ist für Marinelli wie auch den Prinzen eher ein Kollateralschaden. Für Emilia und ihre Eltern aber bedeutet der Tod des Grafen die dramatische Wendung, die Lessings Trauerspiel gebiert.
Literaturwissenschaftler sehen in „Emilia Galotti“ (UA 1772) die Dissonanzen zwischen Adel und Bürgertum. Auf der einen Seite ein willkürlich agierender Prinz, dem Tür und Angel gerade genug sind, um dazwischen ein Todesurteil zu unterzeichnen. Auf der anderen Seite die enge bürgerliche Moral mit einem hoch ausgeprägten Pflichtbewusstsein.

In der Inszenierung von Sandra Strunz erkennt man die Konflikte zwischen Adel und Bürgertum nur noch in Schatten, wenn man denn im Vorfeld überhaupt von dieser Basis weiß. Ein bisweilen cholerischer Odoardo, Emilias Vater, dominiert die Bühne nicht weniger als ein im sinnlichen Vergnügen geschulter Hettore Gonzaga. Damit wären die darstellerischen Scheitelpunkte auch schon fast in Gänze genannt.
Tom Quaas als Papa Galotti und Sebastian Wendelin als Staatsmann von Guastalla werden ihrem Qualitätssiegel gerecht und liefern ein Spiel mit Fundament.
Quaas leiht einem emotionalen Ehemann und liebenden Vater eine temperamentvolle Menschenverpackung. Regisseurin Sandra Strunz zeichnet mit ihm ein Bild zwischen einem Kerl, der eigentlich in die Obhut eines Scheidungsrichters gehört, und einem Beschützer, der seine starken Hände über das Haupt seines Kindes legt. Im Akt des Mordes an Emilia liegt so viel Zärtlichkeit, wie sie vermutlich nicht einmal Odoardos Beziehung zu Claudia (Emilias Mutter, ebenfalls hervorragend gespielt von Christine Hoppe) kennt. Tom Quaas ist ein impulsiver Odoardo, dem die Familienehre Lebensaufgabe ist.

Sebastian Wendelin ist ein wahrhaft vorbildlicher Prinz. Der Adel steht ihm gut, wenn er sich auch nicht eben in dessen vornehmstes Gewand gekleidet hat. Mit einer sympathischen Partie Humor mimt Wendelin die personifizierte Willkür namens Hettore. Sein Interesse an Emilia wirkt glaubwürdig, ebenso wie Gonzagas Schwäche für die Damenwelt an sich.

Lea Ruckpaul als Titelheldin hat im zweiten Aufführungsteil, nach der Pause, ihren besten Moment. Da darf sie mal aus der Haut fahren. Da klingt der Text mal nicht nur wie gesagt, sondern erstmals auch wie gefühlt. Ruckpaul verkörpert eine Emilia in bester Lessingscher Manier: leise und arm an Mimik, eben wie es sich für die Tochter als Symbol des unterdrückten, kleingehaltenen Bürgertums geziemt. Schauspiel aber vermisst man überwiegend.
Aufdringlichste Herausforderung für das Nervenkostüm des Zuschauers ist Karina Plachetka als Gräfin Orsina, verschmähte Mätresse Hettore Gonzagas. Orsina soll an psychischer Zerrüttung leiden, gleichsam aber eine Philosophin sein. Manche Schauspieler sind für lautstarke Auftritte einfach nicht gemacht: Während der Pause tobt Orsina über die Bühne, man wünscht sich, dass die Pausenglocke zur Fortsetzung des Stücks ruft und dieses erstickende Schreien endlich endet. Plachetkas Orsina ist eine kurzatmige Hektik, die zwar bisweilen einen Lacher erntet, was eher an Lessings gutem Text liegen dürfte, aber im Übrigen jenseits des Bühnengeschehens am erträglichsten ist. Philosophisches Talent kaufte man der Plachetkaischen Orsina nicht ab.

Die Modernisierung des Stückes zeigt sich vor allem im Bühnenbild (Volker Hintermeier), einer Art Spiegelsaal. Dass man als Zuschauer von den sich drehenden Spiegeltüren manchmal bis zum Augeninfarkt geblendet wird, ist hoffentlich Stilmittel.
Die Kostüme (Daniela Selig) lassen eine Reminiszenz an Lessings Zeiten erkennen und sind zu einem fantasievollen Stoffensemble komponiert.
Ein neckischer Einfall ist die musikalische Untermalung des Stückes durch einen kleinen Damenchor und ein Schlagzeug, ebenfalls von einer Frau gespielt. Die Stimmen kippen bisweilen, die Grazien wirken schauspielerisch ziemlich unbeholfen und auch bei der Applausordnung etwas derangiert, letztlich aber sind sie das willkommene auflockernde Element der knapp zweistündigen Aufführung.

Eine Inszenierung, die natürlich nicht ohne Nacktheit auskommt. Und doch ist die eher beiläufig geschehende Szenerie darum die wohl sinnlichste des gesamten Stückes, was jedoch weniger am entblößten Körper liegt, denn daran, wie mit ihm umgegangen wird.

Für Fans von Quaas und Wendelin ist „Emilia Galotti“ sehr empfehlenswert. Als Ersatz für die Buchlektüre eignet sich die Inszenierung ebenso, da Lessings Sprache – abgesehen von vermutlich improvisierten modernen Spracheinstreuungen – weitgehend gewahrt wird. Was die schauspielerische Leistung insgesamt betrifft, hat das Staatsschauspiel Dresden allerdings bessere Angebote vorzuweisen.

 

"Emilia Galotti", wieder am: 16. Oktober, 14. und 26. November, 28. Dezember, 8. und 15. Januar
Informationen und Kartenreservierung unter www.staatsschauspiel-dresden.de

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