BÜHNE & MUSIK

18.11.2013

Erwache und lache

Am 28. November bricht das Carte Blanche in eine neue Ära auf

Ein Besuch im Carte Blanche steht im Terminkalender. Draußen frischt der Wind auf, am Himmel machen sich ein paar Wolken breit, bald dämmert es. Da kommt der Termin in der Glitzerwelt gerade recht. Es ist schon eine Weile her, dass ich mir hier eine Show angesehen habe. Doch ich weiß noch, wie gern ich mal das erleben wollte, was heute nun ansteht: Ich soll auf Zora Schwarz treffen. In echt. Hinter der Kulisse.

Von Frances Heinrich

Im Besucherservice wird fleißig gewerkelt, die Neugestaltung läuft auf Hochtouren. Ein adretter Herr nimmt mich mit, hinüber ins „Buba Mara“. Ich liebe dieses Restaurant, es ist nicht so schrecklich übermodernisiert, sondern wirkt mit rustikalen Wänden und gemütlichen Tischgruppen sehr einladend, auch auf mich lichtscheues Wesen. An einem der Tische sitzt die Chefin höchstpersönlich. Zora Schwarz. Ich kenne sie nur aus den Shows, wenn sie mit viel Pomp und Make-up grazil über die Bühne tanzt. Und natürlich von den Boulevardseiten der Lokalpresse. Man nennt sie gern Diva. Ich werde merken, dass dieser Titel aus Unwissenheit heraus geboren ist. Ein Blick in die Augen, das markante Gesicht und auf die roten Haare, eines ihrer Markenzeichen. Wiedererkennung geglückt. Zora hat das besondere Talent, einem das Gefühl zu geben, als kenne man sich schon ewig. Zur Einladung, Platz zu nehmen, folgt ein Milchkaffee. Es wird gescherzt, es klingelt das Handy und man ist für einen Moment unmerklich Teil von Zoras Welt, die so herrlich entspannt und gar nicht allürenhaft ist. Nach dem Telefonat kehrt etwas Ruhe ein. Wir genehmigen uns eine Zigarette. Sie erzählt. Von der neuen Show natürlich, der Aufbauarbeit nach der Flut. Aber auch private Dinge.

Nach und nach setzt sich eine Biografie zusammen, die man von einer so schillernden Persönlichkeit nicht erwartet. Wenn man selbst nicht gerade Schicksals Liebling ist, gibt einem Zoras von Lebensweisheit erfüllter Blick zurück viel Kraft. Die Carte-Blanche-Chefin hat den Optimismus als Ass im Ärmel. Mein ehrfürchtiger Respekt vor der Begegnung mit einer prominenten Person wandelt sich in einen Hut, den ich ziehe.

„Die Flut hat uns alles genommen.“ Diesen Satz teilt Zora mit vielen Dresdnern.

Sie teilt mit ihnen jedoch auch die Zuversicht und die Freude über die Solidarität, die sich im Zuge des Hochwassers zeigte: „Aber die Menschen haben uns viel gegeben.“ Vor allem junge Leute – ja genau, die, über die gern gemeckert wird – seien in das Travestietheater gekommen, um beim Aufräumen zu helfen. Die Flut mag viel Materielles hinweggespült haben, gegen die Liebe von Zora Schwarz zu Glanz und Glamour konnten die Fluten allerdings nichts ausrichten. Am 28. November weitet die Theaterchefin wieder die Türen zum Carte Blanche, genau zehn Jahre nach der Eröffnung.

Alles kann passieren. Die Fantasie ist in der Welt von Travestie und Revue ein unerschöpfliches Reservoir. „Wenn ich ein Pfau sein möchte, dann werde ich einer“, lächelt Zora. Dank eines im Schöpfergeist starken Teams können ihre Träume Wirklichkeit werden. Rund eine Million Kostüme schlummern im Fundus des Carte Blanche. Für die neue Show zur Wiedereröffnung kommen noch einmal um die 150 dazu. Das Gesamtgewicht der neuen Kostüme beträgt über eine Tonne. Allein die Ausstattung für nur eine Nummer innerhalb der mehrstündigen Vorstellung kann sich schnell auf Zehntausende Euro belaufen. Zora Schwarz ließ die Prachtkleider in Deutschland, Frankreich, Thailand und auf den Philippinen fertigen. Während der Showvorbereitung flog sie auf die Insel, um sich vor Ort Stoffe anzuschauen und die Herstellung zu besprechen. Auch in Dubai fand Zora Stoffe, Kopfschmuck und Federn aus tausend und einer Nacht. Um ihr Publikum in eine märchenhafte Geschichte zu entführen, ist ihr kein Weg zu weit.

„Unsere Gäste werden kein Kostüm wiedererkennen...

... denn jedes ist neu“, verspricht sie. Zur Eröffnungsshow, die gleichzeitig auch Jubiläumsstück ist, wird in bewährter Carte-Blanche-Manier aufgetischt: Stoffbombast in Handarbeit gefertigt, bezaubernde Gesichter, anmutiger Gesang, prickelnde Erotik und natürlich eine wirksame Prise Humor.
Passend zu den letzten Monaten spielt die Verwandlung in der neuen Produktion eine große Rolle: Die Flut stahl dem Carte Blanche das glamouröse Make-up. Doch das Theater rappelte sich wieder auf und putzte sich erneut heraus, um dem Publikum einen sehnlichen Wunsch zu erfüllen: die Weihnachtszeit im Carte Blanche zu verbringen.
So hat die Spielstätte selbst auch ein neues Kostüm bekommen und legt zur neuen Show einen Hauch Moulin Rouge auf. Die Choreografin wird extra aus Frankreich eingeflogen, zwei Tänzerinnen im Jubiläumsensemble schwingen ihre Beine sonst in Frankreichs berühmtem Varieté.

Der Ansturm auf die Karten ist immens und bestätigt, wie sehr sich die Dresdner nach ihrem Carte Blanche sehnen. „In den Anfangszeiten war es so, dass man bis zu sechs Monate auf eine Karte warten musste“, erinnert sich Grit Hazraty, die den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit verantwortet. Nun sei man auf einem guten Wege, dass es wieder so werde. Aussichten, die Zora Schwarz ein Lächeln ins Gesicht zaubern. „Wir waren in den letzten zehn Jahren sehr erfolgreich, daran möchten wir anknüpfen. In den vergangenen sechs Monaten sind wir noch enger zusammengewachsen, die Künstler nutzten die Zeit, um neue Ideen zu entwickeln. Ohne dieses tolle Team wäre das alles nicht möglich“, sagt Zora mit Nachdruck. Parallel zu den Vorstellungen haben weiterhin die Handwerker ihren großen Auftritt. Das „eigentliche“ Carte Blanche entsteht noch, an anderer Stelle, natürlich mit Hochwasserschutz.

Zora Schwarz strahlt eine unbändige Lebensfreude aus. Großen Anteil daran hat auch ihr kleiner Sohn, der während unseres Gesprächs in den liebevollen Händen der Schwägerin ruht.

Äußerst ungern gebe sie ihren Augenstern her, schmunzelt Zora.

Der kleine Mann bestimmt das Leben der Künstlerin jenseits des Glamours. Ihre eigene Mutter ist ihr dabei Vorbild. „Ich habe finanziell mehr Möglichkeiten, aber ich möchte mein Kind genauso erwachsen werden lassen, wie es meine Mutter mit mir getan hat“, sagt Zora nachdenklich. Ihrer verstorbenen Mutter widmete sie das „Buba Mara“, das Restaurant neben der Cocktailbar. „Erwache und lache“ ist Zoras Lebensmotto, das sie auch ihrem Sohn vermittelt. Enthusiastisch schildert sie den Alltag mit ihrem Sprössling, dass sie den Kleinen „auffressen“ könnte, glaubt man ihr aufs Wort.
Wie schafft sie den Spagat zwischen Carte Blanche, mit immerhin zwei Shows am Abend, und Familie? „Es ist schon eine Umstellung. Früher bin ich um zehn, elf aufgestanden. Heute ist die Nacht um fünf Uhr morgens vorbei“, berichtet sie. Tagsüber ist der Sohn im Kindergarten, danach bei ihr im Theater. Wer ein Theater managen kann, ist also auch ein prima Familiendompteur. Und dann ist da ja auch noch die liebe Schwägerin...

Travestie ist Illusion. Ein Schauspielgenre. Eine Verwandlungskunst.

„Viele denken, Travestiekünstler seien ausnahmslos schwule Männer“, weiß Zora. „Aber das stimmt nicht. Zu unserem Ensemble gehören auch Männer mit Frau und Kind“, ergänzt sie. Im Carte Blanche werden diese Künstler gezeigt, nicht zuletzt auch, um den Vorurteilen entgegenzuwirken. Das Abschminken am Ende der Show ist ein Highlight für sich. „Wir hatten mal zwei Shows hintereinander, nach der ersten haben die Künstler es zeitlich nicht geschafft, sich abzuschminken. Bald merkten wir, dass die Leute immer nur die zweite Show buchten“, erinnert sich Grit Hazraty. „Irgendwann hab ich dann mal eine Frau am Telefon gefragt, weshalb sie nicht in die erste Show wolle. Und sie meinte: 'Nein, ich will sehen, wie sie sich abschminken!'“
Das Abstreifen der Farbe, der weiblichen Züge in den männlichen Gesichtern ist ein Ritual. Es zeigt die illusorische Kraft der Travestie. Etwa eine Stunde dauert die Maske, muss man ein sehr maskulines Antlitz verweiblichen oder detailreich arbeiten, gehen auch schon mal zwei Stunden ins Land. Mehrere Kostümwechsel fordern das Geschick der Künstler in der Garderobe. Ja, von diesen Herren kann sich so manche Dame ganz gewiss ein paar Tricks und Kniffe abschauen.

Am Ende aber stehen auf der Bühne Schauspieler, wie sie auch auf den Bühnen jeden anderen Theaters stehen.
Und am Ende dieser anderthalb Stunden im Carte Blanche steht am Kinderwagen eine Unternehmerin und Mutter, wie sie auch andernorts in Dresden steht. Die Diva Zora Schwarz ist eine Illusion. Dahinter verbirgt sich ein Mensch, der etwas kann, wofür ihn sicherlich viele andere beneiden: sich verwandeln und Fantasie leben. Wenn das Scheinwerferlicht erlischt, bleibt von der vermeintlichen Diva die wichtige Essenz: ein Mensch wie du und ich.

Weitere Informationen unter www.carte-blanche-dresden.de
Kartentelefon: 0351/204720

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