BÜHNE & MUSIK

17.06.2013

Luc Stargazer: Ein galaktischer Blick auf die Schuhe

Luc Stargazer (Foto: Kathleen Mangatter)
Kathleen Mangatter

Es ist dunkel. Am Abendhimmel blitzen erste Sterne auf. Hinter den Bahnschranken zischt sich ein Schlagzeug in die Wolken, Gitarren und Bass begleiten es wie der flimmernde Schweif eines Kometen. In Symbiose mit elektronischen Plasmateilchen entsteht hier, im obersten Stock des Triebwerks Dresden, eine ganz eigene Astrosphäre. Die dazugehörigen Astronauten tragen zwar einen Namen, der an die unendlichen Weiten des Universums erinnert, und doch verbirgt sich dahinter ein ganz profanes, irdisches Tier.

Von Frances Heinrich

Commander, auf die Brücke! So könnte es sich anfühlen. Der Aufstieg zum Probenrefugium der Dresdner Band Luc Stargazer kommt dem Spannungsbogen in einem Science-Fiction-Plot ziemlich nahe. Von Stufe zu Stufe wird der Klang des Weltalls lauter, man schleicht an einem alten, verstaubten Klavier vorbei durch eine Holztür. Da verstummt die Milchstraße, auf der man eben noch getraumwandelt ist. Ein herzliches Willkommen. Rockmusikern nachgesagtes Rabaukentum gibt es hier nicht. Überhaupt sind die vier Mannen sehr bescheiden. Freilich teilen sie den Wunsch, von ihrer Musik leben zu können. Sie legen es aber nicht darauf an, dafür sind sie realistisch genug, was Nachwuchsbands betrifft. Eine Stammhörerschaft ist trotzdem vorhanden, sogar ein Fanclub hat sich formiert. Da blitzt dann doch ein Fünkchen Stolz in den Augen des Quartetts auf.

Melodisches Planetarium

Das Publikum wird wachsen, der Stolz hoffentlich auch. Im Spätsommer soll das erste Album erscheinen. Der Warpantrieb des Stargazer-Raumschiffs ist Sänger und Gitarrist Lazy, der seinem Spitznamen allerdings so gar keine Ehre macht, immerhin entspringen seinen Gedanken jegliche Songideen. Da sind sich seine Mitspieler Kater (Gitarre), Christoph (Bass) und Stefan (Drums) einig.
Die Frage nach einer Schublade, in die man den Stil von Luc Stargazer legen könnte, beantworten die vier nicht mit ihren eigenen Worten. „Man sagt, wir klingen wie The Cure, nur modern“, zitiert Christoph externe Stempel. Toupiertes Haar oder geschminkte Maskerade sucht man bei Luc Stargazer allerdings vergeblich, wenngleich es brauchbare Haarlängen und schöne Männergesichter gäbe.
Die Arrangements verknüpfen kraftvollen Rock mit treibenden Synthie-Wellen. Lazy betitelt das Bandgenre als Cold Gaze, eine Mischung aus Cold Wave und Shoegaze. Als Begründer des Ersteren gelten neben The Cure auch Joy Division. Durch den sachten Einsatz von Synthesizern sagte man dieser Post-Punk-Strömung einst ein unterkühltes Klangbild nach. Als Shoegazing beschreibt man eine Interpretation von Rockmusik, die Vorläufer zu Britpop und Art- bzw. Postrock war. Frieren muss man mit der Musik von Luc Stargazer nicht, man erlebt eher ein Wechselbad der Schwingungen. Für den Hörer entfaltet sich im Repertoire der Band sowohl der impulsive Mars als auch die gefühlvolle Venus. Man düst tatsächlich per Anhalter durch die Galaxis. Gut, dass es dort keine Blitzer gibt.

Musikalische Vielgestalten

Die Musiker selbst sind auf der Bühne wie auch jenseits davon: authentisch. Sie genießen das Live-Erlebnis. Ohne Schnickschnack. Ohne Schauspiel. „Wir haben eine gute gemeinsame Zeit und vor allem Spaß“, benennt Stefan das, was die Vier hauptsächlich zusammenhält. Er sieht sich als Musiker mit Leib und Seele, weiß um die Folgen der Kommerzialisierung von anfangs aus Leidenschaft gemachter Musik und den nicht selten zu beobachtenden Metamorphosen ihrer Macher. Der Schlagzeuger wünscht sich, dass die Menschen nicht nur den medial fürstlich servierten Klangkünstlern zuhören, sondern selbst mehr entdecken. „Kleine Konzerte sind nicht teuer. Deshalb sollte man viel rausgehen und sich viele Bands anhören.“ Dass dieses Begehren selbst in Dresden, wo die Ohren einen so fruchtbaren melodischen Nährboden erlauschen dürfen, nicht wirklich erfüllt wird, können sich die Musiker kaum erklären. Vermutlich liegt es an der Übersättigung durch die musikalische Schizophrenie. Vielleicht sind es auch die Eintrittspreise, wenngleich diese oft äußerst gering sind. „Man muss auch sehen, wie viel Arbeit in Musik steckt“, gibt Stefan zu bedenken. „Das sind nicht nur die Minuten, die man auf der Bühne spielt.“ Und ja, bis ein Lied bühnenreif einstudiert ist oder die Stücke für das Album aufnahmebereit geprobt sind, vergehen Monate.
Neben Luc Stargazer haben alle noch andere Projekte, in denen sie ihre Talentvielfalt ebenfalls ausleben. Lazy flüstert mit den Saiten bei „Whispers in the Shadow“. Christoph zeigt der Welt, wie es ist „When Jester rules“. Stefan musiziert gemeinsam mit Gitarrist Kater nebst anderen Musikern in der auch als Imperativ zu verstehenden Formation „Lasse Reinstroem“ und macht außerdem noch einen weiteren Abstecher ins All, allerdings nicht irgendwohin, sondern ganz zielgerichtet auf einen Planeten: als Drummer bei „Sands of Mars“. Apropos Universum... Wer bisher den Glauben verfolgte, ein Teil des Bandnamens sei auf eine Führungskraft der Sternenflotte zurückzuführen, sollte nun seine tierliebe Seite zeigen. Pate des Star-Trek-verdächtigen Namens ist eine Katze namens Lucy, jahrelang samtpfötige Herzdame des im Wortlaut ähnlich klingenden Herrchens Lazy.

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