BÜHNE & MUSIK

25.02.2013

Überzeugte in ihrer ersten Hosenrolle – Christa Mayer als Orlando. (Foto: Matthias Creutziger)
Überzeugte in ihrer ersten Hosenrolle – Christa Mayer als Orlando. (Foto: Matthias Creutziger)

Paranoide Kämpfe, gewaltige Themen – Kriegenburg in Dresden

Einfallsarmut kann ihm wahrlich nicht vorgeworfen werden. Andreas Kriegenburg liebt den Bilderrausch und lebt ihn meist hemmungslos aus. Die Maxime „Weniger ist mehr“ trifft fast nie auf die von ihm erschaffenen Theater- und Opernwelten zu. Über all dies besteht weitestgehend Konsens in den Presseberichten zu seinen Inszenierungen und in den Zuschauerreaktionen darauf, nur die Wertung variiert. Wenn Kritiker richtig gemein sein wollen, dann behaupten sie, Andreas Kriegenburg hätte lieber Tischler bleiben sollen. Wenn sie zum großen Lob ausholen, dann verklären sie ihn und seinen Ansatz bis ins Übermenschliche. Die Wahrheit, wie so oft, liegt womöglich irgendwo dazwischen.

Von Radostina Velitchkova
Wahr ist, dass das, was Andreas Kriegenburg als Regisseur macht, weder Kritiker noch Zuschauer kaltlässt. Wahr ist ebenfalls, dass man es grundsätzlich mögen und bejahen muss, um sich darauf einzulassen. Ganz und gar unvoreingenommen – ohne Werkkenntnis oder mindestens einen Blick ins Programmheft – sollte man in die Stücke Kriegenburgs lieber nicht gehen. So inszeniert waren auch seine ersten Premieren in Dresden – Händels „Orlando“ an der Semperoper und Sartres „Die Fliegen“ am Staatsschauspiel. Pauschal betrachtet zwei Stücke, die nicht nur unterschiedlichen Genres angehören, sondern auch sonst wenig gemein haben. Man könnte dennoch gewisse Ähnlichkeiten darin erkennen, die Kriegenburg gereizt haben mögen. Beide Werke werden selten aufgeführt, weil sie als schwer inszenierbar gelten; beide behandeln und verhandeln die ewigen Themen der Menschheit archetypisch und mit kammertheatralischer Konzentration – ein perfekt zu beackerndes Feld also mit viel Potenzial für jemanden, der die große Geste bevorzugt und sein Publikum lieber über- als unterfordert.

Sanft-poetische Rhythmik
„Orlando“ ist die Oper, die Georg Friedrich Händel im Zenit seiner Karriere für ein schmales Ensemble von nur fünf Solisten komponierte. Die Protagonisten auf der Bühne sind getrieben von der Liebe – der Grundkonflikt ist ein fast paranoider Kampf zwischen Leidenschaft und Pflicht. Als solcher wird er vor allem innerlich ausgetragen. Die Oper Händels ist demensprechend eine Aneinanderreihung von Arien, in welchen die widersprüchlichen Gefühle und ihre Konsequenzen reflektiert werden. Musikalisch ein durchaus aufwühlendes Werk, spannungsreich wie das Innenleben seiner Protagonisten, szenisch jedoch nicht gerade von Kurzweil. Diesem Mangel begegnet Kriegenburg mit einem großartigen Einfall. Er stellt den Sängern Tänzer zur Seite, die als Übersetzer und Deuter des seelischen Brodelns agieren. Choreografiert von Zenta Haerter bringt diese konsequent umgesetzte Regie-Eingebung eine sanft-poetische Rhythmik in Händels barocken Klangdonner. Aus einem Guss und wunderbar zum Grundtenor von Stück und Inszenierung passend sind auch das Bühnenbild von Harald Thor und die Kostüme von Andrea Schraad. Alles in allem eine solide, bildmächtige Inszenierung mit präzise dosierter Symbolkraft und für Kriegenburg fast schon minimalistisch zurückhaltend. Ganz anders der Ansatz bei Sartres „Die Fliegen“ – bildübermächtig und vor Symbolkraft geradezu strotzend.

Clownesk-groteske Züge
„Die Fliegen“, Jean-Paul Sartres Résistance-Drama, wurdet 1943 im besetzen Paris, in einem gerade „arisierten“ Theater und an der Zensur vorbei, uraufgeführt. Es ist demgemäß bedeutungs- und andeutungsschwer, keine leichte Kost, sondern ein Stück, das sein Publikum erschüttern und aufschrecken soll. Gewaltige Themen – Schuld, Sühne, Freiheit – werden vom Autor als Gestalten der griechischen Tragödie „Orestie“ auf Bühne und Tagesordnung gebracht. Diesen Gestalten verpasst Kriegenburg clownesk-groteske Züge und lässt sie mit viel Körpereinsatz aufeinander und aufs Publikum los. Wer sich dem großen Bildermacher ausliefert, sollte wirklich dazu bereit sein. Er trägt nämlich gern und selbstbewusst viel zu dick auf, sodass hier und da das ursprüngliche Stück hinter dem Ideenüberbau verschwindet.

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