ESSEN & TRINKEN

06.08.2013

Manche Geschichte geht durch den Magen

Iwan Arestow, Koch im Herrenhaus (Foto: Herrenhaus Gorbitz)
Herrenhaus Gorbitz

Historische Gebäude und gutes Essen sind zweierlei Paar Schuhe? Im Prinzip richtig, doch ergibt beides miteinander kombiniert mitunter eine äußerst ansprechende Symbiose. Nämlich dann, wenn liebevoll kredenzte Speisen in einem auf ebensolche Weise restaurierten Haus serviert werden, das zu den ältesten Dresdens gehört.

Von Jane Jannke

Eine solch reizvolle Kombination aus Genuss und Geschichte ausgerechnet im wegen seiner sozialen Probleme und gleichförmigen Plattenbauten oft verrufenen Gorbitz zu finden, würde man wohl weniger vermuten, ist aber so. Ganz versteckt liegt der Gasthof Herrenhaus der Familie Schumann zwar zugegebenermaßen nicht inmitten des Neubauviertels, sondern jenseits der Kesselsdorfer Straße im alten Gorbitzer Ortskern. Hier, an der Kaufbacher Straße, hat Bauingenieur Klaus Schumann im Herrenhaus des früheren kurfürstlichen Kammergutes ein beinahe ländlich anmutendes Idyll mitten in der Großstadt geschaffen.

Direkt nach der Wende erwarb der 62-Jährige gemeinsam mit einem Partner den alten Hof von der Treuhand. Da hatte er schon viele Jahre leer gestanden. „Die Ursprünge des Hauses reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück“, erzählt der Mann mit dem weißen Vollbart. „Diesen enormen städtebaulichen Wert wollten wir unbedingt erhalten.“ Schon lange hatten Schumann und sein Kompagnon das herrliche Gebäude im Auge, das zu DDR-Zeiten mehr und mehr verfiel. Anfangs, so Schumann, schien das Haus eine Nummer zu groß. Doch dann bewarb man sich schließlich doch, und erhielt für 160.000 D-Mark den Zuschlag. „Wir wollten einfach ausprobieren, was man aus solch einem Haus machen kann.“

Und „gemacht“ hat Schumann daraus in Anbetracht des desolaten Zustandes beim Kauf ein echtes Schmuckkästchen. Umgeben von schön restaurierten historischen Gebäuden und gepflegten Gärten, erstrahlt das ehemalige Herrenhaus seit Abschluss der Rekonstruktion 1998 in neuem Glanz, im Jahr 2000 zog im Erdgeschoss der gleichnamige Gasthof ein, den Klaus Schumanns Frau Dagmar betreibt. Atemberaubende Gewölbe lassen den Gast ahnen, wie im Mittelalter gebaut wurde. Türen, Fenster und Interieur – alles hat Klaus Schumann mangels vorhandener Originalteile aufwendig nach historischen Vorbildern nacharbeiten lassen. So ein Haus saniere man nicht eben mal schnell, das brauche Zeit, sagt der Ingenieur. Neun Jahre, um genau zu sein.

Ein Blick ins Herrenhaus (Foto: Herrenhaus Gorbitz)
Ein Blick ins Herrenhaus (Foto: Herrenhaus Gorbitz)
Herrenhaus Gorbitz

Die feine Landhaus-Atmosphäre im Gasthof bildet ein wohliges Gegenstück zum schrillen Used-Look der Neustadtkneipen und dem modernen ChicChic der Inner-City-Lokale. Alte gusseiserne Kerzenleuchter zieren den Gastraum – ein riesiger geschmiedeter Kronleuchter, wie er im Mittelalter jeder guten Schänke alle Ehre gemacht hätte, fesselt den Blick. Dass man sich hier im früheren Viehstall des Hofes befindet, deuten dem geübten Auge allerhöchstens die kleinen, hoch gelegenen Fenster an. „Wir wollten einfach etwas machen, das nicht der gängigen Mode unterworfen ist“, erläutert Schumann.
Die regelmäßig wechselnde Speisekarte bietet dann doch die eine oder andere Konzession an moderne Ansprüche. Neben vielen Anleihen bei bodenständiger deutscher Küche gibt es erfreulich viele Ausflüge in die europäischen Nachbarländer – und sogar noch weiter gen Osten. Kein Wunder, denn Chefkoch Iwan Arestow kommt aus Russland, und so erspäht mein erfreutes Auge beim Praxis-Test auch solch herrlich gewagte Kompositionen wie Blinis (Plinsen), gefüllt mit Moskauer Sahneeis an Wodkabrombeeren. Wie schade, dass schon nichts mehr in den Magen passt.

Was auffällt: „Normal“ scheint es in Arestows Sprachschatz nicht zu geben. So wird zum auf Buchenholzspänen und Wacholder hausgeräucherten Fjordlachs eben kein simpler, sondern ein Mandelspinat, und statt Stampfkartoffeln ein Meerrettich-Kartoffelpüree gereicht. Den Klassiker Creme-Brülee verfeinert er mit Pistazien, das Garnelen-Risotto wird mit einer kräftigen Prise exotischen Safrans zu einem wahren Genusserlebnis.

„Wir lassen unserem Küchenchef hier freie Hand“, sagt Schumann. Und der versteht sein Handwerk gut. Vor eineinhalb Jahren kam Arestow nach so renommierten Stationen wie dem Gourmetrestaurant Julius Kost nach Altgorbitz. Die Zutaten für seine Gerichte kauft er höchstpersönlich und frisch bei regionalen Händlern ein.

Arestows Kunst auf dem Teller (Foto: Herrenhaus Gorbitz)
Herrenhaus Gorbitz

Und so spiegeln sowohl Speise- als auch Weinkarte die kulinarischen Farben der jeweiligen Jahreszeit wider. Der Wein stammt hauptsächlich aus deutschen Landen und ist mit bis zu 5,20 Euro pro Glas auch recht preisintensiv. Dafür findet man hier mit etwas Glück auch mal echte Raritäten wie etwa Süffiges von einem kleinen Pesterwitzer Weingut. Die Gerichte sind angesichts der Qualität der Speisen fast schon wieder günstig und liegen mit 10 bis 15 Euro pro Hauptgang im mittelpreisigen Bereich. An lauen Sommerabenden empfiehlt es sich unbedingt, in den hauseigenen Biergarten umzuziehen, denn hier sitzt man zwischen Weinranken und üppigem Grün wahrlich wie in einem Dorf mitten in der Provence. Derzeit ist er besonders abends gut besucht, sodass man besser vorab reservieren sollte. Das geht bequem online.

Das Herrenhaus ist eine ideale Adresse für alle, die Gemütlichkeit und einen entspannenden Abend bei gutem Essen und edlem Wein bevorzugen. Hektik, ständiges Handy-Klingeln und nerviges Milch-Aufschäumen im Minutentakt wird man hier nicht finden. Grillenzirpen und Sternenschein sind stattdessen hier zu Hause. Wer dieses Ambiente zum Aushängeschild einer privaten Hochzeits- oder Geburtstagsfeier machen möchte, kann den Kaminsaal des alten Herrenhauses mieten. Hier sitzt es sich insbesondere im Winter sehr gemütlich.

Das Geheimnis des Gasthauses ist der Mut seiner Betreiber zur Langsamkeit. Nichts, so sagt Klaus Schumann, wird hier dem Kommerz geopfert. „Der Zigarettenautomat flog nach kurzer Zeit wieder raus, und auch ein Raucherzimmer gibt es bei uns nicht.“ Das hätte das Flair kaputt gemacht, ebenso wie hässliche Heizkörper an den gekalkten Wänden. Stattdessen hat Schumann eine Fußbodenheizung eingebaut. „Bei solch einem Haus braucht jede Neuerung eine intensive Planung.“ Im Falle des geplanten Tresens im Gastraum dauert das schon mal Jahre. Dafür weiß jeder Gast ganz genau, wo er da gerade speist: In einem Haus, dessen Wurzeln weiter zurückreichen als die der evangelischen Kirche und die Entdeckung Amerikas.

Das Herrenhaus hat von Mittwoch bis Samstag 17 bis 23 Uhr und am Sonntag 12 bis 23 Uhr geöffnet. In der unweit gelegenen Badescheune, die Schumanns direkt nebenan betreiben, lässt sich das Wohlfühlerlebnis übrigens optimal mit einem Wellnessprogramm verlängern.

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