ESSEN & TRINKEN

17.06.2013

Vortrefflich höflich:
Von Fledermäusen und Philosophiestudenten

Um mögliche Missverständnisse gleich auszuräumen: Ich liebe gutes Essen. Ich vergöttere die Idee des Restaurants an sich, die Kombination von Genuss, Ästhetik und Behaglichkeit. Ich bin nicht reich, aber auch nicht arm. Man sollte also meinen, man fände mich regelmäßig in diesem oder jenem neu eröffneten Gourmettempel - besonders wenn ihm irgendein abgefahrenes Konzept zu Grunde liegt. Dass der Bauer nicht fräße, was ihm unbekannt, ist eine Redensart, die auf mich nicht zutrifft: Je abstruser und unorthodoxer die Beschreibung eines kulinarischen Mordanschlags, desto sicherer, dass ich mich ausgerechnet dafür entscheide. Fledermausfilet in Lakritzkaramell und Currymantel. Her damit!

Von Falk Enderlein

Der Grund, warum ich Restaurants meide, ist, dass ich mich nur äußerst ungern bedienen lasse. Diese Abneigung habe ich eine Zeit lang zu unterwandern versucht, indem ich versuchte, das gastronomische Personal an Höflichkeit noch zu überbieten. Ich bin nicht direkt aufgesprungen, um ihnen die Teller auf halber Strecke abzunehmen und selbst an meinen Tisch zu tragen, aber es hat auch nicht viel gefehlt. Und ich begann, mit Trinkgeld in Höhe von jeweils hundert Prozent um mich zu schmeißen. Eine Art Ablasshandel - gewiss. Und dabei völlig nutzlos.

Aber ich konnte die Gedankenketten nicht stoppen: Wie eine Art Frankenstein bastelte ich mir im Kopf den prototypischen, leidenden Gastronomiemitarbeiter zurecht: Philosophiestudent mit dem Potenzial, unseren ganzen morschen Zeitgeist krachen gehen zu lassen, Vater mit Leberzirrhose im Endstadium und nicht in der Lage, seinen Sohn finanziell zu unterstützen, Mutter meinetwegen komplett verschollen, dann die teuren Mieten der Dresdner Neustadt - die schillernd bunte Welt der Gastronomie als einzige Chance, das ökonomische Überleben mit der Wahrung eines Restes von Menschenwürde in einem einigermaßen zivilisierten Kontext zu verbinden. Völlig einleuchtend, dass der Philosophiestudent seinen Job nicht als „Berufung" begreifen kann und seine Höflichkeit - auch wenn es nicht böse gemeint ist - immer ein bisschen heuchelt. Mir war bewusst, dass es keine Lösung sein konnte, diese gesellschaftlich legitimierte „Großen Gastronomischen Lüge" mit übertriebener Höflichkeit zu sabotieren, aber mir fiel nichts anderes ein. Ich klammerte mich daran, so wenigstens meinem Gegenüber zu signalisieren: „Hey, ich weiß, dass du eigentlich die kommende philosophische Granate bist und hier nicht hingehörst. Lass mich dir das beweisen, indem ich mich weigere, mich füttern und windeln zu lassen, lass mich dich stellvertretend für all die Idioten, die dich wie einen hübschen Roboter behandeln und austicken, wenn sie sich von dir auch nur eine Sekunde zu spät beachtet fühlen, die totale Unterwürfigkeit von dir verlangen und die überhaupt völlig vergessen zu haben scheinen, dass du genau wie sie zur menschlichen Spezies gehörst - lass mich für diese armen Seelen Buße tun und dir Entschädigung leisten, indem ich hier meinen Geldbeutel vor dir entleere."

Als ich dann dazu überging, die Kampfzone auszuweiten und andere Restaurantbesucher in der Manier des einsamen Rächers für ihre Flegelhaftigkeiten zur Rede zu stellen und ihnen die Kleidung mit dem, was sie gerade auf dem Teller hatten, zu customizen, erhielt ich in kürzester Zeit Hausverbot in nahezu sämtlichen Restaurants unserer schönen Landeshauptstadt. Mittlerweile darf ich ab und zu wieder mit elektronischer Fußfessel die eine oder andere Lokalität besuchen, eine Drohne kreist immer über mir. Aber passen Sie auf. Ich bin immer noch auf Kriegszug. Behandeln Sie mir meinen Philosophiestudenten gut!

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