FAMILIE & FREIZEIT

02.07.2013

Abenteuer auf dem Dorf: High Noon Shopping

Franchise ist eine prima Sache. Vorgegebenes Rahmenkonzept, Design, Grundstruktur und dennoch Selbständigkeit und Mitbestimmungsmöglichkeiten. So ist es auch bei den hiesigen Supermarktketten der Fall. Doch wer denkt, in anderen Gebieten ein Stück Heimat in Form des gewohnt konsumorientierten Einkaufserlebnis zu finden, der irrt.

Von Soy Rasmus

Wochenende. Wir fahren zu den Großeltern aufs Land. Doch dann! Schreck! Schockschwerenot! Einige existenzielle Produkte fehlen im Landkühlschrank. Na gut, also noch mal in die Metallkutsche Richtung Supermarkt gefahren. Das allein dieser Weg schon mal gut 45 Minuten benötigt, hätte für mich Warnung genug sein müssen.

"Eine Tüte Milch."

Die allerliebste Lieblingsoma hat nur eine Bitte: „Eine Tüte Milch“. Ich sage nichts, freue mich über die antiquierte Bezeichnung und reite gen Supermarktkette. Das wäre doch gelacht, wenn eine Großstadteinzelkämpferin wie ich mit ein bisschen Dorfflair nicht klarkäme. Am hiesigen Verpflegungspunkt angekommen, bin ich neben meinem im Smartphone gespeicherten Einkaufszettel auch noch mit der Pfandflaschensammlung der Schwiegereltern bewaffnet. Der Parkplatz ist leer. Ein kleiner Motorroller steht schüchtern in der Ecke, als hätte er sich verfahren. Absolute Stille. Nur das Rattern meines mit Pfandflaschen befüllten Einkaufswagens, mein ab und an nach Strom japsendes Handy stören die Idylle. Es scheint, als würden selbst die Grillen Mittagsruhe halten.

"So'n exotischen Kram ham wir hier ni."

Die erste Herausforderung begegnet mir am Pfandautomaten. Das technische Wunderwerk der allerersten Generation hat schon mal Standortvorteil. Direkt gegenüber dem Bäcker befindet sich die Möglichkeit, sich seinen gläsernen Überbleibseln aus Junggesellenabschieden oder Grillpartys zu entledigen. Sicher nie, ohne dabei von der Angestellten des Gebäckvertreibers argwöhnisch beobachtet zu werden. So ein Glück, dass diese selbst wenn sie in ihrem Kabuff auf dem Hocker sitzend ihr Mettbrötchen verzehrt, noch mitzählen kann, wie viele Flaschen man in das Monstrum steckt. Das bekannt behäbige Gerät hat zudem seine Mühe mit meinen „exotischen“ Bierflaschen eines örtlichen Getränkeherstellers. Auf meine Frage, warum der Markt denn einen regionalen Anbieter nicht annehmen würde, kommt ein gelassenes „So'n exotischen Kram ham wir hier ni.“ Exotisch. Feldschlösschen. Aha.

"Isch muss nor Schteeks einlegen. Mache dich fort."

Es folgt der Eintritt in das Einkaufsparadies. Ich versuche, mich zu orientieren, doch der Eigenspielraum der Einrichtungs- und Produktwahlfreiheit wurde hier in Gänze ausgeschöpft. Die Palette der Produkte ist erstaunlich, war dieses Angebot nicht vor ca. drei Monaten in Dresdner Regalen des selben Anbieters zu finden? Als ich mich letztlich leicht verwirrt am Milchregal einfinde, kann ich gerade noch so den wie aus dem Nichts aufgetauchten Landbewohnern ausweichen. Unbeirrt rammt eine weibliche davon einem älteren Herrn ihr Einkaufsvehikel in die Hacken. „Herbert, geh ma weg doa, du weeßt doch, dass mir heud grilln. Isch muss nor Schteeks einlegen. Mache dich fort.“ Der Mann quittiert es mit einem Lächeln. Was Herbert, Steaks und Milch für einen Sinnzusammenhang haben, ist mir bis heute schleierhaft.
Als wäre diese Aussage Anlass, sich spontan zu versammeln, werden es immer mehr dieser mir so fremden Speziesvertreter. Der tiefsächsische Dialekt dringt mir bis ins Knochenmark. Mein Stadttierinstinkt ruft nach 'nem Koffeinschub. Ich kralle mich an meinem Metallkorb fest und frage eine der Angestellten nach einem Coffee to go. Staunendes Schweigen. So langsam verstehe ich die Grillen auf dem Parkplatz draußen. „Was woll'n se?“ „Einen Kaffee, zum Soforttrinken bitte.“ „Gübts dor beim Bäcker.“ - Bei der Frau, die mürrisch parallel zum Gerät gezählt hat, wie viele leere Behälter ich eingegeben habe? Um mir ein potenzielles Gespräch über eingelegte Schteeks mit, für oder wegen Herbert zu ersparen verzichte ich auf meine Lieblingssucht und meinen letzten Anker zum städtischen Leben. Mein Handy hat sich in der Zwischenzeit lieber dem Stromsuizid ergeben.

Seltsam, dass ich hier noch keine wimmernden in der Ecke kauernden Großstädter gefunden hab. Hier in diesem Dorfshoppingdschungel könnte ich es verstehen. Noch dazu ohne Kaffee! Ich hab's! Ich mach' mich selbstständig: mit Führungen durch diese irre Parallelwelt. Und wenn das Erfolg hat: Mach ich ein Franchisekonzept daraus.

 







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