FAMILIE & FREIZEIT

19.08.2013

Ein Garten des KGV Seewiesen (Foto: Hermann Kosbi)
Hermann Kosbi

Blicke über den Gartenzaun: Dresdens Laubenpieper

Die Hängematte schaukelt im Wind, nebenan sägt der Nachbar Holz, und vom Holunderbusch her strömt ein betörender Duft. Kaum zu glauben, dass man mitten in der Großstadt ist. Der eigene Garten macht's möglich. Er bereichert den Esstisch, gibt Gestaltungsdrang und Erholungsbedürfnis Raum. Und doch war und ist Garten in Dresden nicht gleich Garten. Von den Anfängen im Mittelalter bis zum heutigen Kleingartenwesen war es ein langer Weg. Und die Entwicklung geht weiter, denn nicht für jeden ist der klassische Laubenpieper heute noch zeitgemäß.

Von Jane Jannke

Die Gartenkultur in Dresden ist alt, fast so alt wie die Stadt selbst. Keiner weiß das besser als Hermann Kosbi, denn der 77-Jährige hat ein Buch über die jahrhundertealte Geschichte des städtischen Kleingartenwesens geschrieben. Die hält einige überraschende Momente und so manch dunkles Kapitel parat. Selbst seit fast 35 Jahren mit Leib und Seele Kleingärtner, hat Kosbi die Geschichte der heute 365 Dresdner Kleingartenvereine bis zu ihren frühesten Vorläufern im Hochmittelalter zurückverfolgt. Ein Klostergarten, errichtet auf gestiftetem Land der Wettiner, etwa im Bereich des Taschenbergs, gilt als eines der frühesten erwähnten Gartenbauprojekte der Stadtgeschichte.

Damit war ein Grundstein gelegt für eine Entwicklung, die ständig weitergedacht wurde und sich bis zu den jüngsten Ansätzen der Gemeinschaftsgärten weiterspinnen lässt. Die sind vor wenigen Jahren aus Amerika zu uns herübergeschwappt und haben sich als Alternativbewegung zum oftmals als starr und restriktiv empfundenen Regularium des klassischen Kleingartenwesen formiert, dessen Abhängigkeit von Land- und Gesetzgeber sich nicht zuletzt im Dritten Reich als verheerend erwiesen hatte. Schon bald nach der Machtergreifung im Januar 1933 hatten die Nazis das ursprünglich von den Idealen der Lebensreform- und der Schreberbewegung geprägte Dresdner Kleingartenwesen in ihre Blut-und-Boden-Ideologie integriert. Mitglied, so steht es in der gesetzlichen Neuregelung von 1933 zu lesen, könne nur werden, wer „Reichsdeutscher arischer Abstammung“ sei. „Für Juden waren Kleingärten von da an verboten“, sagt Hermann Kosbi. Stattdessen mussten die Laubenpieper ihre Vereinsheime für Schulungen der Hitlerjugend öffnen.

Kinder und Jugend in Dresdens Schrebervereinen früher. (Foto: Hermann Kosbi)
Hermann Kosbi

Auch heute, sagt Grünen-Stadtrat Torsten Schulze, sei gelegentlich zu beobachten, wie die extreme Rechte versuche, in die stark überalterten Vereinsvorstände zu gelangen, um den alten Idealen vom „deutschen Boden“ wieder zu Geltung zu verhelfen. „Die Idee der Gemeinschaftsgärten funktioniert anders. Es geht nicht einfach darum, eine Parzelle zugeteilt zu bekommen und diese dann gegen feste Pachtgebühren und nach strengen Regelvorgaben zu gestalten“, erläutert Schulze. Die Idee sei vielmehr, dass Menschen sich generationen- und nationalitätenübergreifend zusammenfinden, um gemeinsam eine brach liegende Fläche urbar zu machen und zu gestalten. „Und auf diese Weise auch etwas an die Gesellschaft zurückzugeben.“ Davon profitierten auch die Eigentümer solcher Brachflächen, die meist als wilde Müllkippen endeten. Hermann Kosbi, seit einigen Jahren Vorsitzender des Kleingartenvereins „Seewiesen“ zwischen Elbepark und A4, wiegt da skeptisch den Kopf. „Es bleibt abzuwarten, ob solche Projekte auf lange Sicht funktionieren, oder ob sie nach kurzer Zeit wieder in sich zusammenfallen, weil jegliche organisatorische Struktur fehlt.“

Stolze Ernte (Foto: Hermann Kosbi)

Dass es ganz ohne Regeln nicht geht, ist inzwischen auch bei den Gemeinschaftsprojekten auf fruchtbaren Boden gefallen. Denn auch hier müssen Kosten bestritten und Aufgaben verteilt werden. Und auch sonst sind sich die verschiedenen Ansätze näher als mancher denkt. Immer schon spielte der Versorgungsgedanke eine wesentliche Rolle. Auch Gemeinschaftsgärtners Herz lacht, wenn er die Früchte seiner Arbeit genießen kann – in sauberer Erde möglichst unbelastet angebaut. So waren es vor allem die Kleingärten, die während und nach den Weltkriegen das Überleben der Dresdner Bevölkerung sicherten. „Damals wurde dort einfach alles angebaut, sogar Mais und Getreide“, sagt Hermann Kosbi. Auch seien erst durch die große Not viele neue Flächen zu Anbauland geworden, das heute von Laubenpiepern bewirtschaftet wird.

Mit der Industrialisierung kam zudem der Wohlfahrtsgedanke wieder stärker zur Geltung, der heute auch bei vielen Gemeinschaftsprojekten in abgewandelter Form eine Rolle spielt. So bieten sie häufig auch Menschen aus niederen sozialen Schichten Möglichkeit zur Teilhabe und Verwirklichung sowie zur Versorgung mit selbst angebauten Lebensmitteln. Schon im Mittelalter hatte die Kurfürstenfamilie armen Dresdner Bürgern kleinere Anbauflächen zur Verfügung gestellt. „Die sogenannten Armengärten waren ein Zugeständnis der Herrscher, um die größte Not zu lindern“, erläutert Hermann Kosbi. Im 19. Jahrhundert mussten die Menschen in den Städten noch enger zusammenrücken, der Garten wurde zum Fluchtpunkt. Lebensreform- und Schreberbewegung propagierten die Besinnung auf die Natur: Raus aus dem Mief der stinkenden Großstadt, hinaus ins Grüne, wo es reines Wasser gab und frische Luft. „Das waren die eigentlichen Vorläufer der heutigen Kleingartenvereine“, sagt Kosbi. Ein erster solcher Garten der Naturheilbewegung ist um 1890 in Löbtau überliefert. Die ersten Kolonien entstanden ab 1892 entlang von Bahnstrecken in Pieschen und Trachau. Generell fällt auf, dass viele Kleingartenanlagen entlang solcher Verkehrsadern liegen. Richtig beobachtet, sagt Hermann Kosbi: „Die Bahn begann damals damit, die freien Flächen entlang der Strecken als Bauland an ihre Angestellten zu vergeben. Zum Häuschen kam bald der Garten, die Angestelltenzahlen stiegen. Geblieben sind Gartensparten, noch heute befinden sich sechs Anlagen in Dresden im Eigentum der Deutschen Bahn.

1911 gründete sich schließlich der Verband Dresdner Garten- und Schrebervereine“, der bis heute als Stadtverband Dresdner Gartenfreunde e.V. fortbesteht. Jeder zehnte Dresdner ist mittlerweile in einem Kleingartenverein aktiv. Die meisten davon findet man in Cotta, Striesen sowie in einem Gürtel von der Neustadt bis zum Wilden Mann. Jede seiner 107 Parzellen in den „Seewiesen“ sei in festen Händen, verrät Hermann Kosbi stolz. Selbst die unsicheren Zeiten nach der Wende 1989, als der Fortbestand fast die Hälfte der Dresdner Gartensparten aufgrund ausufernder Investorenpläne auf Messers Schneide stand, hat er überstanden.

Währenddessen versucht Torsten Schulze, den Gemeinschaftsgärten eine Perspektive zu schaffen. Ziel sei es, den Zugang zu Brachland zu erleichtern. „Das ist gar nicht so einfach, weil es in Dresden kaum noch Leerflächen gibt.“ Die strengen Regeln in Kleingartenvereinen schreckten jedoch vor allem junge Leute ab. „Die haben einen größeren Freiheits- und Selbstverwirklichungsdrang als jemand, der bereits bodenständig ist und Kinder hat.“ Angestrebt werde daher eine Kooperation mit der Stadt zur gezielten Vermittlung von Brachflächen an willige Initiativen, wobei die Nutzung dann möglichst in eine langfristige Pacht überführt werden solle.

Noch bis zum 27. September zeigt eine Ausstellung im Bürgerbüro der Neustadt-Grünen „Grüne Ecke“, Bischofsplatz 6, eine Ausstellung mit Impressionen aus dem Pieschener Aprikosengarten (siehe Bildergalerie), einem von mehreren Gemeinschaftsgarten-Projekten in Dresden. Am 2. September soll ab 19 Uhr in einer Podiumsdiskussion über neue Wege des Gärtnerns gesprochen werden. Hermann Kosbis „Seewiesen“ feierten derweil in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag. Gartenkultur, so viel steht fest, wird in Dresden immer ihren festen Platz haben. Ob nun im Klein- oder im Gemeinschaftsgarten: Der Mensch muss manchmal einfach Herr über seinen (auch noch so kleinen) Acker sein dürfen.

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