FAMILIE & FREIZEIT

17.06.2013

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Aufstand der Gutgelaunten

Rebell. Er schnappt sich auf ungalante Weise, was ihm nicht gehört. Er klaut am laufenden Band. Er kommt von der See, wo er auch die meisten seiner Untaten zelebriert. Im Eifer der Gefechte um das Hab und Gut anderer bezahlt er manches Mal auch mit Hand oder Auge. Ein rund geschwungener Haken ersetzt dann die gierige Klaue, eine Augenklappe macht ihn für alle zu dem, was er ist. In Dresden sieht man ihn nicht allzu häufig, es sei denn, er zieht seinen Säbel im Wahlkampf. Zur Bunten Republik Neustadt aber schlurft er täglich durch den staubigen Sand, geifert zwischen Strohspielplatz und Musikkrach und lächelt trotzdem adrett, wenn dann mal einer seine Linse auf ihn richtet.

Von Frances Heinrich

Den Schurkenruf hatten Piraten zwar schon immer, geächtet wird ihre meuternde Zunft allerdings erst seit dem fünften Jahrhundert v. Chr. In dieser Zeit schloss Athen mit zahlreichen griechischen Staaten den sogenannten attischen Seebund. Galt die Beauftragung eines Piraten zuvor noch als meist ehrwürdige Geste, wandelte sich der Seeräuber nun vom Feind zum Verbrecher. Ihn zu bekämpfen, sollte fortan das geschlossene Motto aller Weltvölker sein. Parteien und Marktwirtschaft hießen im Angesicht des Bundes von Ost- und Westdeutschland die Schurken in Dresden kurz vor 1990. Ein drittes Gesellschaftsmodell neben dem der bestehenden Republiken wandelte sich nun vom Traum zur Utopie. Sie im kleinen Nukleus dennoch zu leben, sollte fortan das geschlossene Motto der Bunten Republik Neustadt (BRN) sein.

Am Mauerrand des Lustgartens, zwischen einem von quietschenden Kindern bevölkerten Spielplatz aus Stroh, einer Bogenschussstation und wummerndem Lärm aus Riesenlautsprechern lauert ein Halunke, der in weiblicher Begleitung auf vorbeischlenkernde Republikaner gafft. Statt Augenklappe hat er das sonst eigentlich auf dem Kopf thronende Tuch um den Guckapfel gespannt und sich, vermutlich um sich vom niederen Gesocks seiner Zunft abzugrenzen, mit einen Zylinder behütet. Ein rüpelhafter Habitus lenkt den ein oder anderen Blick auf sich. Da am Nachmittag allerdings eher Eltern, Kind und allerlei Kegel durch den Lustgarten wandeln, muss sich der Bursche etwas zurückhalten, ehe man ihn wegen eines in den Sand gestürzten Sprösslings noch auf Rum verklagt.
Trotzdem ist dieser Pirat mein heimlicher Held der Bunten Republik Neustadt. Mein Symbol für Dresdens Mentalität. Nein, nicht etwa, weil wir als elbflorentinische Diebesbande über die Elbe heizen, sondern weil wir echte Kerle sind. Weil wir den Menschen den Kummer aus der Seele klauen und sie mit goldblinkender guter Laune überhäufen. Weil wir leidenschaftlich leben, was in der Welt als Semperoper oder Kunstsammlung, Stollen oder Scheelchn Heeßer, Spitzenmedizin oder Exzellenzuniversität bekannt ist. Und weil wir auch ganz anders sind.
In Dresden feiern wir ja allerlei Feste und Festchen. Eigentlich machen wir hier an der Elbe nichts anderes. Ein Kalenderkracher kickt den nächsten aus der Wochenspalte. Gearbeitet wird hierzulande nur in den Feuerwerksmanufakturen, irgendeiner muss das ständige Geballere und Geknattere ja möglich machen. Dabei fällt mir ein: Gab es zur Wochenendfatsche eigentlich ein gebührendes Höhenfeuerwerk?

Im Grunde bin ich ja gar keine waschechte Dresdnerin. „Zugezogenes Gelumpe“, wie man mich in meiner ersten Begegnung mit einem leicht betrunkenen Urgestein liebevoll bei einem anderen Namen nannte. Aber in meinem nunmehr elften Jahr in dieser Stadt ist in meiner Aura vom Brandenburger Herkunftsimperium kaum mehr etwas zu merken und ich nenne Elbflorenz heute gern mein Zuhause. Ich habe erfolgreich Sächsisch gelernt, mir die schwungvolle Prosodie des Dialektes in vielen Stunden Privatunterricht einverleibt und die bedeutendsten Events wenigstens einmal mitgemacht. Während die meisten Festivitäten doch eher den hochkulturellen Knacks weghaben, ist die Bunte Republik mein Lieblingshaudrauf geworden. Weil ich meine, dass sich Dresden hier von seiner schönsten Seite zeigt, nämlich so, wie wir Dresdner wirklich sind. „Was, volltrunken?“, werden die einen nun sagen. Freilich, auch das. Aber es haben ja auch schon Schnappschüsse von Celebrities jenseits der Nüchternheitsgrenze auf dem Semperopernball die Medienrunde gemacht. Nicht umsonst ist im Duden auch von trinkfest zu lesen.
Nein, wir Dresdner sind bunte Hunde. Ungemein gut drauf, solidarisch und mit immer genug Bananenvorrat unter dem Ladentisch. Am dritten Juniwochenende eines jeden Jahres seit 1990 formiert sich in der Äußeren Neustadt von Dresden ein Dreitagefest der besonderen Art. Überall dudelt es, an jeder Ecke gibt es was zu Essen, selbst der einsamste Mensch wird hier mal ordentlich durchgeknuddelt – ob er will oder nicht, das Platzangebot ist die einzige Mangelware, die der BRN noch ein Stück Ostalgie verleiht.

Um den Osten ging es auch in den Ursprüngen der Republik. Deutsche Einheit, Marktwirtschaft und Parteiendemokratie hissten vor den Augen basisdemokratischer und linksalternativer Ostbürger ein rotes Tuch. Der Kapitalismus wedelte mit der scharfen Klinge, der Traum von einer in Geist und Portmonee ausgeglichenen Gesellschaft jenseits der in DDR und BRD schien geköpft. Wenn es andere nicht hinkriegen, nehmen wir es eben selbst in die Hand, sagte sich eine Schwatzrunde in der Dresdner Bronxx, einer Kneipe auf der Alaunstraße. Zwischen Bautzner, Königsbrücker sowie Prießnitzstraße und Bischofsweg formierte sich das Territorium der Bunten Republik. „Eine 'ordentliche provisorische Regierung' wurde gebildet. Geleitet von einem 'Monarchen ohne Geschäftsbereich' und allen möglichen und unmöglichen Ministern für Wehrkraftzersetzung, Finanzen, anderen Kirchenfragen, Unkultur und Unterseeboote etc. Die Regierung forderte den Anschluss an den Vatikan und es wurde eine Regierungserklärung beschloßen“, lernen die Dresdner Kinder es bereits in der Vorschule.
Die politische Dimension, die Neustadtmark – einst republikexklusives Zahlungsmittel – und die Bronxx gehören heute ebenfalls der Geschichte an, nicht aber die BRN und ihre symbolträchtige Flagge. Reckt die ährenumkränzte Micky Maus die Knollennase vom schwarz-rot-gelben Trikolorit, treffen sich in der Neustadt bei Weitem nicht nur die durchgeknallten jungen Leute. Nein, auch die Generationen Fünfzig plus und Zehn Minus tummeln sich dann auf den Straßen des hippen Stadtteils. Auf den Gehwegen brummt und summt es. Gut beraten ist, wer noch ein paar Sätze Ohren und Augen dabei hat. Da zappelt dann auch bei einer eingefleischten Rockermieze der Fuß zum Elektrokrach. Überhaupt sollte man vor dem Besuch der Bunten Republik wohl überlegen, wie hoch der eigene Zumutungspegel steigen darf. Warten und mit dem eigenen Gusto fremdelnde Impressionen sammeln sind zwei der Hauptbeschäftigungen, denen man hier nachgehen muss. Zeit, die allerdings rasend schnell vergeht, wenn man kleinen Prinzessinnen bei der Jagd nach Seifenblasen zuschauen kann, während abseits der gut besuchten Bar eine Meute hundsgemein fetziger Jungs in Saite und Schlagzeug ficht. Zeit, die wie im Flug an einem vorbeisaust, während man beim Comeback-Konzert lokal gefeierter Rockstars als Kühe verkleidete Menschen bei wilden Tänzen verfolgt.

Und irgendwo im Gemenge hinkt ein Pirat. Statt Augenklappe hat er das sonst eigentlich auf dem Kopf thronende Tuch um den Guckapfel gespannt und sich, vermutlich um sich vom niederen Gesocks seiner Zunft abzugrenzen, mit einen Zylinder behütet. Ein rüpelhafter Habitus lenkt den ein oder anderen Blick auf sich.

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