FAMILIE & FREIZEIT

27.06.2013

Der erste Kuss (Foto: privat)
privat

Der erste Kuss

… und wie er die Instinkte des Mamitiers herausfordert

Meine Tochter hat heute ihren ersten Kuss bekommen. Okay, es war mehr so eine feuchte Ko-Existenz seiner Lippen und ihrer Wange - aber trotzdem. Mamiherz war erst entzückt ob des niedlichen, sehr sehr jungen Paares. Beide Lebensalter ergeben summiert eine Zahl unter zehn. Doch abends kamen die Gedanken.

Von Soy Rasmus

Bisher hatte sie nur die elterlichen – und mit viel Geduld meinerseits – großelterlichen Lippen auf ihren Pausbäckchen gespürt. Und nun das! Sind das etwa die ersten Anfänge von engster Beziehung zu anderen Personen außer mir, dem Mamitier? Und das, nachdem ich für dieses, zugegebenermaßen natürlich unermesslich niedliche Kind mein selbstbestimmtes Leben, ein gutes Stück meiner Karriere und ein nicht wiedergutzumachendes Stück meiner Figur geopfert habe? Dieses kleine strahlende Wesen soll mir von einem schnöden männlichen Wesen entrissen werden?

INAKZEPTABEL! Heimlich denke ich mir fiese Fragen für den Antrittsbesuch „echter“ erster Freunde aus, binde vor dem inneren Auge diese neue Familienbibel in schwarzes Leder. Philosophie! Politik! Physik! Geschichte! Aktuelles Tagesgeschehen! Wer meine Tochter entführen will, muss die Welt und was in ihr vorgeht, bestens im Blick und selbstverständlich im Griff haben. Da regt sich der Gollum in mir - mit dem Unterschied, dass ich eher mich als meinen Schatz in die Lava stürzen würde.

Doch dann, schließlich und Gott sei es gedankt, bevor meine blonde Lebensbereicherung das pubertäre Lebensalter erreicht hat, setzt mein Verstand wieder ein. Und der sagt mir in gewohnt lakonischer Art, was dieser doch stark hormonell-emotional getriebene Wunsch zur Folge hätte: Nie wieder abenteuerliche Roadtrips ins Land meiner Wahl! Ausgehen? Jede Bar schließt, ehe du einen Aufpasser gefunden hast!
Taxifahren für den Nachwuchs zu allen Orten seiner Wahl, Einkaufs-, Reinigungs-, Kochabsprachen bis in alle Ewigkeiten, sehr beschränkte Badnutzungszeiten, Zickerereien, spontane Kreditabfragen... und natürlich die ganzen Diskussionen, wenn eine dieser Anforderungen nicht so durchgesetzt werden wie die Madam es möchte.
Also, potenzieller Romeo: Du kriegst deine Chance. Sei nett zu ihr! Und lies ihr jeden Wunsch von den Augen ab! Das gefälligst natürlich mit meinem Blick.

Zur Not habe ich noch die Familienbibel. Und ich verleihe ihr gern Flügel in Richtung Romeo.

Zur Not tröste ich mich jetzt: Immerhin habe ich noch 16 Jahre Zeit, bis Madam mir statt Trotzkreisels den Personalausweis unter die Nase hält und auf der darin prangenden 18 beharrt.

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