FAMILIE & FREIZEIT

04.10.2013

Die Jagd nach dem Lebendigen im Toten: Urban Exploring

Urban Exploring (Foto: Jane Jannke)
Jane Jannke

Die Jagd nach dem Lebendigen im Toten: Urban Exploring

Das Trio bewegt sich unauffällig auf das große, hell getünchte Gebäude zu. Hinter modernen Kunststofffenstern gähnen schwarze Höhlen und verraten den Leerstand, die Einfahrt ist zugewuchert. Das ist es, was Frank und Robert aus Dresden reizt: verlassene Orte mitten in der Zivilisation. Ihnen wollen sie ihr Geheimnis entlocken. Frank und Robert sind sogenannte Urban Explorer, und ich war mit ihnen auf Tour.

Von Jane Jannke

Wir sind in Pirna. Ausgerechnet hier in der „Provinz“ soll es eine Vielzahl interessanter Objekte geben, viel mehr als im urbanen Dresden. Hier draußen hingegen gibt es noch Raum für Verfall, kann er seine morbide Schönheit voll entfalten. Ein verlassenes Klinikgebäude steht auf dem Programm. Eines ihrer Lieblingsobjekte. „Weil hier einfach noch so viel Originales erhalten ist“, sagt der 26-jährige Robert. Zusammen mit seinem um ein Jahr jüngeren Freund streift er, der im zivilen Leben Informatiker ist, bereits seit vielen Jahren durch die Lande, auf der Suche nach dem Abenteuer und dem Reiz des von der Welt Vergessenen. Mit einer alten Hühnerfarm hatte alles begonnen, mittlerweile dürfen es gerne alte Industrie- oder Kasernenanlagen sein. Auch beliebt: verlassene Kirchen. Dafür fahren sie schon mal bis nach Tschechien.

Zielsicher steuert Frank auf ein großes Tor direkt an einer befahrenen Straße zu – Mist, verrammelt. Dann eben hinten rum. Das klappt besser, kein Tor versperrt den Weg. Durch regennasses hüfthohes Unkraut tappen wir durch den räudigen Hof, das Wetter ist düster und grau und verstärkt das gespannte Kribbeln im Nacken. Der Einstieg ins Gebäude birgt einen Hauch dessen, was das „Urbexen“ für viele so reizvoll macht: Nervenkitzel. Offene Türen gibt es nicht. Doch Frank kennt seine Ruine: „Da! Das Fenster ist offen.“ Ein etwas unsicherer Tritt auf den Heizkörper, ein Sprung 1,20 Meter tief nach unten – und schon stehen wir im Keller der früheren Klinik. Streng genommen haben wir gerade Hausfriedensbruch begangen. Frank und Robert wissen das auch. Es ist ein Teil des Reizes. Erwischt oder gar angezeigt wurden sie noch nie. „Was wir machen, ist ja kein Vandalismus“, betont Robert. „Im Gegenteil. Das lehnen wir absolut ab. Wir gehen nur durch Türen, die bereits offen sind, aufbrechen würden wir nie eine.“ Für viele ehrenhafte Urbexer ist das ein ungeschriebenes Gesetz: nichts zerstören, nichts mitnehmen, um auch der Nachwelt ein möglichst unversehrtes Relikt zu hinterlassen. Es geht darum, die ureigene, oft fast schon mystische Stimmung verlassener Orte einzufangen und andere daran teilhaben zu lassen. Wem sie die Identität ihrer Objekte verraten, prüfen Frank und Robert genau. „Wir bekommen viele Anfragen auf unserer Facebook-Seite. Wir geben das prinzipiell auch weiter, aber wir schauen zuerst, ob derjenige vertrauenswürdig ist.“ Souvenirjägern oder Sprayern bleibt ihr Wissen verborgen.

Für eine Stunde tauchen wir nun ab in das Dunkel des riesigen toten Hauses. Modriger Klinikgeruch umfängt uns. Unglaublich, wie lange der sich hält. Robert klemmt einen Besen in den Türspalt – eine Vorsichtsmaßnahme. „Die könnte zufallen, und dann bekommt man sie plötzlich nicht mehr auf und sitzt fest.“ Alte Häuser sind wie alte Leute – gebrechlich und manchmal ein bisschen merkwürdig. „In den Heilstätten Beelitz stand plötzlich mal ein Mann vor uns. Der lief wortlos an uns vorbei – und versperrte die Tür von außen, durch die wir gekommen waren. Da ging uns ganz schön die Pumpe“, erzählt Frank. Aha... nervös starre ich in die Schwärze des Kellerganges vor mir: Will ich da wirklich rein?

Wüst sieht es in den endlosen Krankenhausgängen aus. Kabel hängen aus den Wänden, Deckenverkleidungen in Fetzen herab. Unter jedem Schritt knirscht zerborstenes Glas, dass man sich fragt, wo das eigentlich alles herkommt. Im Erdgeschoss erinnern bunte Bilder an den Wänden daran, dass hier einmal Kinder auf Heilung warteten. Im ehemaligen OP-Bereich hängen noch die Desinfektionsmittelspender. An das Chaos, den Verfall und die Totenstille gewöhnt man sich bald. Dann geht es weiter in einen Nebentrakt – die ehemalige Pathologie. Jetzt wird mir doch etwas unbehaglich, als wir durch den ehemaligen Kühlraum hindurch laufen und in einem königsblau gefliesten Raum vor dem massiven Seziertisch aus Edelstahl stehen bleiben. Darüber klemmen noch völlig unversehrt die Neonlampen, ein Brausekopf zum Säubern der Tischplatte erzeugt unschöne Bilder im Kopf. Ohne meine ortskundigen Begleiter hätte ich mich hier wahrscheinlich hoffnungslos verlaufen, und dann... ich mag gar nicht daran denken, hier – in der Pathologie...

„Das ist schon nicht ungefährlich, besonders wenn man das erste Mal irgendwo ist“, bestätigt Robert. Deshalb sind beide stets als Team unterwegs, Handy und Taschenlampe sind unverzichtbare Begleiter. Findet man den Weg nicht mehr nach draußen, wird die Polizei gerufen. „Aber auch sonst ist das sehr wichtig“, sagt Frank. „Man weiß ja nie, wo man hinkommt. Wenn man wirklich mal abstürzt oder sich verletzt, würde man erst nach Tagen oder Wochen gefunden.“ Verletzt wurde noch keiner von beiden, man ist vernünftig. „Wenn wir sehen, dass ein Ort gefährlich ist, gehen wir nicht rein, mit der Zeit bekommt man dafür einen ziemlich sicheren Blick.“ Viele seien da waghalsiger, riskierten Kopf und Kragen für den einen, unvergleichlichen Schuss. Immer wieder gebe es sogar Todesfälle zu beklagen.

Neue interessante Locations finden beide über die immer besser vernetzte Urbexer-Szene, die hauptsächlich im Internet zu Hause ist. Doch nur selten ziehen Robert und Frank mit anderen los. Zu viele Leute stünden sich nur gegenseitig im Weg. Fast jedes zweite Wochenende ruft der Verfall. Mehr als 80 verlassenen Orten im gesamten Land haben sie bereits nachgespürt und dabei so manch skurrile Entdeckung gemacht. „In der alten Kleiderkammer der sowjetischen Armee in Berlin haben wir einen ganzen Haufen Uniformen und Gasmasken gefunden, das war schon krass“, erzählt Frank. Aber auch ganze Aktenschränke und sogar Krankenakten samt Röntgenbildern seien ihnen schon vors Objektiv geraten. Wie man die da so offen liegen lassen konnte – eines von vielen Rätseln. Der besondere Kick ist stets, einen Ort zu finden, der bislang wenig oder bestenfalls noch nie fotografiert wurde. Die beste Zeit zum Urbexen sei im Winter, erklärt Robert, „dann ist alles nicht so zugewachsen und sieht dann auch noch ein bisschen toter aus – und das Licht ist einfach besser.“ Für ihn ist das, was er macht, Kunst. Anders als andere mögen er und sein Kumpel die klaren, möglichst realistischen Motive. Fotobearbeitung findet nur zu einem Minimum statt. „Manche verändern mittels moderner Bearbeitungsprogramme ihre Bilder so, dass sie völlig surreal aussehen, das ist nicht unser Ding“, sagt Frank.

Dass immer mehr ihrer schönen, alten Relikte vergangener Zeiten der allgemeinen Sanierungswut zum Opfer fallen, finden beide tragisch, aber ebenso unvermeidbar. „Richtig traurig ist das beim Lahmann-Sanatorium in Dresden. Dort hätten wir wirklich gerne noch fotografiert, bevor daraus Luxuswohnungen werden. Leider war das Gelände stets gut bewacht, und eine Anfrage beim Eigentümer wurde negativ beschieden.“

Eine Dreiviertelstunde habe ich mit Frank und Robert in der Pathologie gestanden und mir von ihren Abenteuern erzählen lassen. Orte wie die alte JVA Plauen, das Leipziger Parkkrankenhaus und die alten Malzwerke in Niedersedlitz sind an mir vorbeigezogen. Draußen ist es duster geworden, hier drinnen sieht man fast nichts mehr. Zeit hier wieder rauszukommen. Das Wichtigste, ruft mir Robert zu, während wir uns durch die dunklen Gänge zurückkämpfen, sei immer, dass nichts passiert. Safety first. Ich bin erleichtert, kurz darauf wieder Tageslicht zu sehen.

Zurück