FAMILIE & FREIZEIT

30.09.2013

Die Prinzessin auf dem Kletterturm

Ein normaler Herbsttag im normalen Dresden. Nach einem normalen Arbeitstag holte ich meine normale Tochter ab, um mit ihr auf einen ganz normalen Spielplatz ein normalen aber schönen Nachmittag zu haben. Soweit der Plan. Leider befindet sich das kleine entzückende Wesen in einem Stadium der Entwicklung, die, sagen wir schwierige Phasen beinhaltet. Das böse gefürchtete Wort mit „T“ schwebt nicht mehr über meiner hinreißenden Tochter, sie schwimmt darin.

Von Soy Rasmus

Trotzanfälle mit Schreien, Heulen, Hauen gehören dazu. Und sind ganz normal, sagen das Internet und die gängigen Pädagogikbücher. Auch Anzahl und Heftigkeit ihrer Ausbrüche zeugen von einer gesunden Egoentwicklung – meinen die Experten. Was man allerdings macht, wenn die einzige Lieblingstochter, überrascht vom eigenen Mut, im Zwei-Meter-hohen Kletterturm über dem Kopf der Mutter einen solchen Trotzschreikreisel veranstaltet – konnte ich leider noch nicht nachschlagen.

Klar, der tolle Spielplatz im Dschungellook mit Trampolin und Spiralrutsche ist toll und sollte unser Ausflugsziel sein. Nicht so klasse fand ich aber, dass mein Mini-me langsam aber sicher nach oben in den schier unendlichen Turm kletterte. Mein flauer Mamimagen konnte bisher alle Kletterpartien in Griffhöhe tapfer ertragen. Doch jetzt übernahm neben meiner Vernunftsstimme: „Hey, sie muss auch mal was ausprobieren, und so trainiert sie auch das Gleichgewicht, ist doch toll dass sie sich das klettern traut“ eindeutig mein Panikzentrum: „Oh mein Gott... sie rutscht ab, was, wenn sie fällt.., Himmel ist das hoch...oh Gott der Turm ist auf der andren Seite ganz offen!“

Mit großer Willenskraft unterdrückte ich den Reflex, sie einfach von den Kletterseilen zu pflücken. Doch mit der war es vorbei, als das Töchterlein, trotz engelsgleicher verbaler Überzeugungskunst meinerseits, eine Abkürzung in Sachen Rückweg ausprobieren wollte. Gerade als sie den zweiten Fuß Richtung „Absprung“ bewegte, schmiss ich meine Handtasche davon, schwang ich mich so schnell es ging in meinem Mamipumps den Aufstieg hoch, verständigte in Action-Film-Manier eine andere Mutter, sie möge sich zum Auffangen platzieren (was sie verwirrt tat) und wurde damit von jetzt auf gleich die Attraktion des Spielplatzes. Richtig prima wurde es, als mein kleiner Blondschopf – nun von mir am Absprung gehindert genau das doof fand – einen Trotzkreisel vom Feinsten hinlegte: in zwei Meter Höhe.

Und während ich, selbst mit Müh und Not um Balance bemüht, sie davon abzuhalten versuchte, sich selbst per Trotztritt vom hohen Kletterturm zu befördern, erhielt ich Blicke der Verachtung von den Miteltern auf dem Spielplatz. Ja, verbal war ich sicher nicht mehr der Mahatma Ghandi der Kleinkindpädagogik - nein, natürlich ist den Herren und Damen sicher NOCH NIE ein SOLCHER Anfall geschehen – aber ein klein wenig Mitgefühl oder tatsächliche Unterstützung wären unglaublich nett gewesen.

Als ich schließlich die in ein Monster verwandelte Prinzessin zum Sich-beruhigen gebracht hatte, gab es ein weiteres Problem. Höhenangst. Super, dass sie das erst da oben festgestellt hatte, nach dem sie gefühlte zehn Runden auf dem Boden des Kletterturms gedreht hatte. Sie krallte sich an mir fest... und ich versuchte nun, irgendwie die steile Seilleiter wieder runter zukommen. Wie sich das anfühlt? Nun, in etwa wie mit Presswehen im 25.Monat auf einem schaukelnden Schiff die Seile hinabzusteigen... so in etwa. Denn je panischer das Kind, desto fester sein Griff -umso unmöglicher wurde es mir da herunterzukommen. Ich rief einen anwesenden, gaffenden Vater um Hilfe. Inzwischen war ich in den Augen der Anwesenden ohnehin die schimpfende Monstermami – was hatte ich also zu verlieren?

Er pflückte mein Zögling von mir und setzte das schreiende Kind behutsam ab. Als nun alles wieder gut war, ich mich bei meinen zwei unfreiwilligen Helfern bedankt hatte, blieben wir noch ein bisschen. Die Mütter und Väter versuchten sich in „es ist nichts passiert“-Gesprächen miteinander, werteten aber hörbar mein schreckliches Verhalten aus. Ich – jetzt wieder auf normal Null – ignorierte es geflissentlich und ließ meine Prinzessin alles ausprobieren, worauf sie noch Lust hatte (und das keine zwei Meter hoch war).

Mit unaufhörlicher innerer diebischer Freude ließ ich mein Töchterlein auch mit den anderen Kindern spielen – die hatten nämlich gerade eine prima Lektion gelernt, was sie demnächst so machen können, um ihre Eltern in Wallung zu bringen.

Epilog: Schon am nächsten Tag beim Abholen meiner Prinzessin fragte diese ganz freudig: „Gehen wir auf anderen Spielplatz hopsen?“ Gut, dass sie sich den Part des Ausflugs gemerkt hat.

 

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