FAMILIE & FREIZEIT

03.07.2013

Die Familienstabilisierungsmethode

Vater Juan Carlos mit Tochter Charlotte (Foto: privat)
privat

Ein Mann in Elternzeit

Ständig in einer Zerreißprobe zwischen Job und Familie zu leben, hat Carlos auf Dauer genervt. Der Druck musste weg! Deshalb nahm sich der 31-jährige Vater zwei Monate Elternzeit. Die gemeinsame Erfahrung mit seiner acht Monate jungen Tochter öffnete eine Welt voller Verständnis, Verantwortung und Kleiderwirrwarr.

von Juan Carlos Oliver-Vollmer

Als meine Tochter Charlotte acht Monate alt wurde, war ich am Zug: Ich konnte mich als Vater und Hausmann in zwei Monaten Elternzeit beweisen. Seit Charlottes Geburt fühlte ich mich immer zerrissen zwischen Job und Familie. Das würde sich nun ändern. Nach einer 50-Stunden-Woche als leitender Online-Journalist mit sekündlich eintretenden Problemen und Katastrophen, musste die Betreuung meines Kindes doch ein Zuckerschlecken werden.
Nie wieder um 18 Uhr auf die Uhr schauen und sich dann mit schlechtem Gewissen doch erst um 19 Uhr auf den Heimweg machen. Nie wieder erste Meilensteine von Charlotte verpassen. Dafür endlich mit Charlotte in aller Ruhe spielen, ohne das Ticken der Uhr im Nacken. Endlich alle Zeit der Welt für mein Kind, aber auch für meine Frau haben.

Raus aus der Arbeit, rein in den Haushalt

Die ersten Tage fühlten sich wie ein Urlaub mit Mini-Job an. Vormittags Oktobersonne beim Wäscheaufhängen genießen und nachmittags mit Charlotte zu lange vernachlässigten Alben tanzen, meiner Tochter Abendbrei geben und danach die Kleine ins Bett bringen. „Jetzt ist Charlotte aus dem Gröbsten ja auch raus!“, protestierte meine Frau, als ich vom Partyprogramm zwischen Vater und Tochter erzählte. „Außerdem geht sie ja jetzt vormittags in die Kita!“
Dieser Freizeitluxus wurde allerdings auch benötigt: Für 67 Prozent meines Brutto-Gehaltes bzw. mein Elterngeld musste ich einige Telefonate, Treffen und jede Menge Nachreichungen von Dokumenten über mich ergehen lassen. Andererseits hatte ich seit dem BAföG an der Uni nicht mehr mit so wenig Aufwand so viel Geld bekommen.

Zu Hause bin jetzt ich Chef!

Für zu Hause hatte ich einen Schlachtplan: Ich wollte mir – und irgendwie auch meiner Frau – beweisen, dass Kind und Haushalt gut vereinbar sind.
Punkt 1 auf meiner Liste war daher auch Charlottes Kinderzimmer samt Kleiderschrank. Da ich keine Ahnung hatte, wo was war, musste ich dort aufräumen. Das Ordnungssystem meiner Frau konnte ich zumindest nicht nachvollziehen – falls es denn überhaupt je eins gegeben hatte. Dank Geschenken von Familie und Freunden besaß Charlotte eine Vielzahl an verschiedenen Kleidungsstücken in etwa zehn bis 20 verschiedenen Größen. Socken, Bodys, Strumpfhosen, Hosen, Kleider, T-Shirts und Dinge, die ich nicht zuordnen konnte wie z.B. von meiner Frau als Jumpsuits bezeichnete Mischungen aus Latz- und MC-Hammer-Pluderhosen. Zum Vergleich meine beiden Regale im Schrank: ein Stapel T-Shirts, ein Stapel Pullover, daneben hängen vier Hosen und sechs Hemden, darunter in einer Box Socken und Unterwäsche – alles in der Größe M.

Routine gibt es nicht!

Ich mag Routine. Schade, dass Kinder nur etwa zwei Monate so etwas wie Routine zulassen. Ein Spielzeug wird irgendwann langweilig, Bananen schmecken plötzlich nicht mehr und während der Eingewöhnung in die Kita erwischte Charlotte zum ersten Mal eine Erkältung. Während für meine Frau eine Welt zusammenbrach und sie aufgeregt zwischen Nase putzen und Internetrecherche hin und her rannte, spielte ich bestmöglich mit, fragte mich aber andererseits auch, wo das Problem war. Wir sprachen schließlich von einer Erkältung! Faszinierend beim Umgang mit Krankheiten bei einem Kind fand ich folgende Punkte: Fieberthermometer in den Po schieben wird zur Selbstverständlichkeit, genauso wie die Deutung von Rotze und Windelinhalt.

Was lernt man aus der Elternzeit?

Die zwei Monate Elternzeit gingen überraschend schnell vorbei, denn man verbringt jede Menge Zeit mit seinem Kind und verliert auch schnell das Interesse daran, seine Zeit zu vergeuden.
Beeindruckend fand ich auch die Meinungen der Groß- und Urgroßeltern zu meiner Elternzeit. Ich hörte Respekt und Lob, aber auch etwas Neid, weil „das früher bei uns so nicht möglich gewesen ist“. Wahrscheinlich haben wir es heute wirklich besser und sollten uns darüber freuen, dass nicht nur die Männer um jeden Preis arbeiten gehen müssen, sondern wir auch gesellschaftlich anerkannt auf unser Kind aufpassen dürfen.
Nach der Elternzeit haben wir unsere Aufgaben besser aufgeteilt. Dank meines Arbeitgebers war auch ein Teilzeitvertrag möglich. Was ich jetzt weniger verdiene, gleicht meine Frau aus. Dadurch können wir beide wieder arbeiten und haben trotzdem beide gleich viel Zeit für unser Kind. Für uns ist das die beste Lösung, um Mama, Papa und Tochter glücklich zu machen. Die Chancen, ein neues Wort oder eine neue Fähigkeit zu erleben, sind damit fünfzig-fünfzig aufgeteilt. Und weil wir riesiges Glück hatten, durften wir den ersten Schritt unserer Tochter sogar gemeinsam erleben.

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