FAMILIE & FREIZEIT

28.06.2013

Erzähl mir nüscht von Leuten!

Jeden Morgen schaue ich sorgfältig im Spiegel, ob da nicht vielleicht doch heimlich ein Schild auf meiner Stirn prangt. Aufschrift: „Ich habe weder eine Lebensgeschichte noch Probleme, bitte erzähl' mir deine!“. Bisher konnte ich es nicht entdecken. Dennoch scheine ich eine unheimliche Feuerungskraft für den Wortschwall wildfremder Menschen zu haben.

 

Von Soy Rasmus

Der Bus. Ich. Und ein einziger weiterer Fahrgast. Wie selbstverständlich setzt er sich neben mich und fängt an zu reden. Augenkontakt? Fehlanzeige. Trotzdem erfahre ich von ihm, dass er sich voll und ganz für jemanden einsetzen würde – also auch fremdes – wenn der in Gefahr wäre. Zivilcourage und Achtung vor Frauen sei ihm nämlich wichtig. Er könne es einfach nicht ertragen, wenn Frauen schlecht behandelt werden. So wie seine Exfreundin jetzt von ihrem neuen Freund.
Soweit so unspektakulär. Angst verspüre ich vor diesem mir seltsamen Weggefährten nur, als er mir sein Klappmesser zeigt. Naja, stumpf ist es sicher, so wie einige seiner eindeutig rechten Parolen, die er dann einfügt, und klein, so wie sein Verstand vermutlich, doch lassen wir das.
Ich war vermutlich noch nie so froh über eine nahende Haltestelle wie in diesem Moment. Und ich war vermutlich auch noch nie so hart im Nehmen, einige Kilometer bibbernd durch die Nacht zu laufen.

Nächster Tag. Büro. Anruf eines Dienstleisters. Obwohl ich beim professionellen Themencocktail bleibe, erfahre ich sein gesamtes Lebensdrama. Streit mit Geschäftspartnern, UNMÖGLICHE Kunden, den unbedingten Willen, ganz tolle Produkte herzustellen und sein tägliches Scheitern damit im realen Leben. Zudem seine Einstellung zu Feierabend, Freelancern, Kindern, Essen, Arbeitszeit und seiner schwangeren Frau. Äh – Danke. Wann erhalte ich das Angebot? Wobei: Vielleicht kümmern Sie sich jetzt mal lieber um Ihre Familie?! Rufen Sie nicht uns an, wir rufen Sie an.

Oft scheinen es eben gescheiterte, tragische oder verzweifelte Personen zu sein, die mich gern auch mitten auf der Straße ansprechen, mir ihre Story vor die Füẞe legen und gehen. Mehr als die erfahre ich häufig nicht. Woran das liegt? Das wüsste ich selbst gern. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, nicht übermäßig vertrauenerweckend auszusehen, das Freud-Shirt habe ich nur sehr, sehr selten übergezogen, und im Übrigen habe ich noch nie in meinem Leben eine Klappcouch für Therapiefreudige dabei gehabt.
Nur dass mich ab und an scheinbar normale Menschen ansprechen, verhindert, dass ich ab sofort nur noch in Camouflage und mit bösem Blick bewaffnet auf der Straße zu sehen bin. So freut es mich, kleine Einblicke in die Perspektive von Dresden-Besuchern zu erhalten. Ich genieße es, wenn sie sich in meine kleine schöne Heimatstadt verlieben. Zur Belohnung gebe ich diesen Menschen gern kleine geheime Tipps, wie sie nur ein Ur-Dresdner geben kann. Dass sie sich im Bus ja nicht so zeigen sollten, als wären sie nicht beschäftigt, zum Beispiel.

 

Zurück