FAMILIE & FREIZEIT

21.01.2014

Als Freiwilliger in Israel

Farid Galal beim Freiwilligendienst in Israel
VoluNation

Seit Oktober 2013 arbeitet der Dresdner Farid Galal für ein Jahr als Freiwilliger in Israel. Gerne berichtet er von seiner Arbeit in einem arabischen Kindergarten in der Stadt Shefa' Amr im Norden Israels. Seine Impressionen aus dem Freiwilligendienst sind Erfüllt von der Gastfreundlichkeit der Araber.

Von Farid Galal

Israel ist ein unglaublich facettenreiches Land und ich bin immer wieder erstaunt, wie die Menschen trotz unterschiedlicher Meinung und Kultur hier mit einander leben können. Über die Organisation VoluNation habe ich mich zur Freiwilligenarbeit informiert und mich dann bewusst für die Arbeit in einer arabischen Stadt Israels entschieden.

Da ich einen ägyptischen Großvater habe, war die Umstellung in der arabischen Umgebung für mich nicht zu groß und auch in der Kultur fand ich mich relativ schnell zurecht. Shefa' Amr liegt im Norden Israels. Ein Großteil der hier lebenden Bevölkerung sind arabische Christen. Es leben hier auch relativ viele Drusen, sunnitische Muslime und Beduinen. Das Zusammenleben dieser vier Gruppen ist wirklich sehr interessant und faszinierend. Ich habe den Eindruck, dass das Zusammenleben trotz kleiner Konflikte hier sehr gut funktioniert und dass die unterschiedlichen Gruppen sehr viel Toleranz füreinander haben. Das sieht man auch daran, dass es zwar christliche und muslimische Schulen gibt, jedoch sind die Schüler in diesen Schulen meistens gemischt. Auch der Kindergarten, in dem ich arbeite,beherbergt christlich und muslimisch erzogene Kinder.

Stürmische Begrüßung im Kindergarten

An meinem ersten Arbeitstag wurde ich sowohl von den Kindern als auch von den Erzieherinnen unglaublich herzlich willkommen geheißen. Die Kinder stürmten sofort auf mich zu. Sie freuten sich unglaublich und begrüßten mich mit Geschrei und vielen Küssen. Es ist jedes Mal eine Freude, wenn ich die Tür zum Klassenzimmer öffne.

Sobald ich angekommen bin, trinke ich erst mal eine Tasse Kaffee oder Tee und führe einen kleinen Smalltalk mit den Erzieherinnen in meiner Klasse. Konversation und kleine Gespräche sind im arabischen Kulturkreis sehr wichtig und es ist eher unhöflich, wenn man sich bei einer Begegnung nicht die Zeit nimmt. Die Floskeln und Sätze, die man dafür braucht lernt man sehr schnell und obwohl ich kein Arabisch spreche, kann ich mich doch irgendwie verständigen. Meist frage ich nach dem Wohlbefinden des Gesprächspartners und wir sprechen über die neusten Nachrichten in der Umgebung.

Spielen, kochen und planschen

Die Kinder involvieren mich immer ganz aufgeregt in ihre Spiele und so entstehen Häuser aus Stühlen, Restaurants aus Tüchern und Puppengeschirr und Zoos aus Bauklötzen und Spielzeugtieren. Danach singen die Erzieherinnen in einem Kreis mit den Kindern wer kleine Aufgaben gemeistert hat, die sich die Erzieherinnen und ich jeden Tag ausdenken, darf sich als erster an die Tür stellen und dort warten, bis es mit den anderen nach draußen geht.

Während die Kinder draußen spielen, bereite ich das Essen vor. Damit ist der Tag schon fast um, allerdings wird nach dem Essen noch eine Geschichte erzählt. Ich wasche in der Zeit meistens mit zwei Kindern ab. Das Abwaschen ist ein begehrter Job in meiner Gruppe, da jedes Abwaschen in einem großen Planschen im Waschbecken endet. Wenn dann die ersten Eltern kommen, um ihre Kinder abzuholen, wird noch geputzt. Jeden Tag erleben wir etwas Neues. Wir machen viele Ausflüge, musizieren an einigen Tagen und Feste und Feiertage werden auch gefeiert.

Über Pünktlichkeit lacht man hier nur

Ich finde es stark, mit wie viel Mühe sich die Lehrerinnen und Erzieherinnen um die Kinder und uns Freiwillige kümmern. Auch jetzt, nach ein paar Monaten, treffen wir auf unglaubliche Gastfreundlichkeit und lauter Nettigkeiten. Vom Kind einer Lehrerin wurden wir zu einem Geburtstag eingeladen. Wir Freiwilligen aus Deutschland kamen natürlich viel zu früh, denn was wir nicht beachtet hatten war, falls eine arabische Familie um sieben Uhr zum Essen einlädt, will sie eigentlich, dass man frühestens um acht Uhr auftaucht. Es ist erst recht kein Problem, wenn man noch später kommt. Wir haben dies allerdings nicht bedacht und standen Punkt sieben auf der Matte. Uns war das zwar etwas unangenehm, aber die Gastgeber haben nur gelacht und sich über ein paar mehr helfende Hände gefreut. Als dann alles fertig und angerichtet war, bog sich der Tisch förmlich unter der Last des vielen Essens.

Nächtliches Abenteuer bei Nazareth

Nach einem Ausflug zur Westbank (Palästina) wollten ein paar Freiwillige und ich über Nazareth mit dem Bus nach Schefa' Amr. Es war schon sehr spät und wir sehr müde. Wir stiegen in einen Bus, von dem wir annahmen, dass er uns nach Nazareth bringen würde. Das tat er nicht. Stattdessen fuhr er in einen Vorort, der Nazareth Illit hieß. Wir waren todmüde und realisierten erst, dass wir falsch waren, als der Busfahrer verwirrt nach hinten schaute und uns fragte, wo wir denn eigentlich hin wollten. Als wir Nazareth sagten, schaute er uns verständnislos an und fing sofort an, sich auf Arabisch mit dem letzten Fahrgast zu unterhalten, der außer uns noch im Bus saß. Es wurde sehr schnell klar, dass kein Bus mehr nach Nazareth oder Schefa' Amr fuhr.

Wir stiegen aus und waren drauf und dran, bis nach Nazareth zu laufen, um von da aus zu versuchen, zu trampen. Der junge Mann, der außer uns noch im Bus gewesen war, kam auf uns zu. Er fragte, wo wir denn hin wollten und ob er uns helfen könne. Wir erklärten unsere Lage und er entgegnete: „Es ist zu spät, um noch nach Schefa' Amr zu fahren. Kommt lieber mit in mein Haus, übernachtet dort und morgen früh könnt ihr mit dem Bus fahren.“ Wir zögerten, weil wir den jungen Mann nicht kannten. Bevor wir antworten konnten, fanden wir uns schon zusammen mit seinem Bruder in einem Auto wieder und waren geradewegs auf dem Weg in sein Haus. Diese Hilfsbereitschaft gegenüber fremden war für uns unfassbar.

Umsorgt wie die Söhne des Hauses

Die Familie, bei der wir Zuflucht fanden, war sehr religiös und lebte in einem einfachen, aber schönen Haus. Obwohl sie selber in schlichten und einfachen Verhältnissen lebten, bemühten sie sich, dass wir uns so wohl wie möglich fühlten und warteten nach 23 Uhr noch mit Tee und kleinen Speisen auf. Wir hatten ein wirklich schlechtes Gewissen, dass wir ohne eine Gegenleistung so umsorgt wurden. Die Mutter der Familie erzählte viel von ihren fünf Söhnen und dass sie in ihrem Haus schon oft Volontäre oder Gäste aus Europa hatte. Sie freute sich sehr über unseren nächtlichen Besuch und machte gleich klar, dass wir jederzeit wieder herzlich willkommen seien. Wir waren immer noch geschockt, wie plötzlich das alles passierte. Nach einem ausgiebigen schönen Essen gingen wir schlafen. Am nächsten Morgen tranken wir noch Tee, bedankten uns vielmals und gingen zum Bus. Auf dem Weg nach Hause in Schefa' Amr waren wir ganz erfüllt von so viel Gastfreundlichkeit.

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