FAMILIE & FREIZEIT

02.08.2013

Home Is Where the Art Is

Es ist kurz nach Mitternacht und ich muss noch mal schnell mit dem Hund raus. Ich biege soeben in die Timaeusstraße ein - der Hund macht wie üblich, was er will, und als wäre da nie irgendeine Art von Erziehung gewesen – da zeichnet sich im Licht der Laterne geradezu riesenhaft der Schatten einer buckligen Gestalt ab. Ich weiß, dass mich mein Hund nicht verteidigen wird und plane schon en détail unsere Flucht, als mich der Lichtkegel einer Taschenlampe - aus schätzungsweise zehn Zentimetern Entfernung auf mein Gesichtgerichtet - komplett orientierungslos und damit handlungsunfähig macht.

Von Falk Enderlein

„Ach, Sie sind es“, höre ich eine Stimme mit leicht militärischem Duktus. „Und ich dachte, ich hätte einen dieser Schmierfinken erwischt.“ Der Lichtkegel bricht in sich zusammen und auf meiner Netzhaut entwickelt sich langsam und scherenschnittartig das Abbild von Rentner Rolf. Rentner Rolf ist Gründer der „Bürgerwehr Förstereistraße“ - und ihr einziges Mitglied. In der einen Hand hält er die amerikanische Armeetaschenlampe, in der anderen einen restaurierte Vorderladerpistole aus dem Dreißigjährigen Krieg (damit hat sich vermutlich schon Wallenstein den Sack gekrault).

„Schon wieder neues Gekritzel!“ schimpft Rolf und umfährt mit dem Lichtstrahl seiner Taschenlampe das neueste Werk der "Twenty Freaks". „Scheiß Graffiti!“, knurrt er und macht sich Notizen in ein senfgelb gebundenes Notizbuch.

„Das sind keine Graffiti“, korrigiere ich ihn sanft, während mein Hund hingebungsvoll uriniert. „Das ist Streetart.“

Rentner Rolf hört noch ganz gut: „Street was?“

„Ach, Rolf“, sage ich, „zwing' mich nicht, das in diesem Fall so hölzern und steif klingende Wort unserer Walther-von-der-Vogelweide-Sprache zu bemühen, welches da wäre: Straßenkunst. Stellst du dir da nicht auch fälschlicherweise einen Gaukler vor, der mit zwei Pfirsichen jongliert?“

„Ähm, ja...“ brummelt Rentner Rolf.

„Im Unterschied zu Graffiti integriert Streetart wesentlich mehr Bilder, arbeitet mit den verschiedensten Materialien, bezieht Gegebenheiten wie Architektur, Untergrund, Räumlichkeit und Verfall clever mit ein und ist - meiner Meinung nach - ein ganzes Stück intelligenter, als es Graffiti je sein könnten. Wenn gleich die Abgrenzung schwammig ist und Schnittmengen zwischen Streetart und Graffiti durchaus existieren.“

„So habe ich das noch nie gesehen“, murmelt Rentner Rolf. Lange Sätze erinnern ihn an seine Zeit in der Parteischule - ich weiß nicht, ob NSDAP oder SED - und bringen ihn prinzipiell aus dem Konzept, „es ist also Kultur?“

„Na klar. Illegal zwar, aber", (Rolf zuckt zusammen, als das Wort „illegal“ fällt) ,“findest du nicht auch, dass diese Bilder ein wunderbar sensibles und romantisches Element in unseren sterilen, von Ökonomie und Vernunft geprägten Alltag bringen? Dass es mal ausnahmsweise so aussieht, als ob man von fühlenden, denkenden Menschen mit Sinn für Humor und Ästhetik umgeben wäre?“

„Wenn du meinst…“ sagt Rentner Rolf zögerlich und leicht irritiert. Ist schon blöd, wenn man Probleme mit langen Sätzen hat.

„Mir geht jedenfalls das Herz auf, wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit neue Werke hier in der Neustadt entdecke. Das entschädigt für hundert verkniffene Gesichter in der Straßenbahn. Also, Rolf: Wenn du ihnen begegnest, schieße sie bitte nicht über den Haufen, sondern richte ihnen meinen ausdrücklichsten Dank aus. Machst du das?“

Auf irgendeine bizarre und nicht seinem Typ entsprechende Art mag mich Rolf. Ein Lächeln geht über sein Gesicht und er nickt.

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