FAMILIE & FREIZEIT

27.06.2013

Bahnfahrt, Wahnfahrt

Gleisgeschichten aus dem gelben Schlangenkorpus

Als manischer Straßenbahnpassagier erlebt man auf seinen Kilometern in den gelben Schlangen von Dresden so einige Anekdötchen. Mitunter drollig, oftmals allerdings auch reif für das Privatfernsehen. Dann fragt man sich, ob manche Menschen ihren Geist gegen die Fahrkarte getauscht oder aus Versehen ihr Hirn abgestempelt haben.

Von Mariska Rot

In der Straßenbahn sitzt eine Gruppe offensichtlich verschiedenartig beeinträchtigter Kinder. Weil das Riesentaxi recht gut gefüllt ist, hat sich ein kleiner Junge auf einen der Klappsitze in Höhe der Schiebetüren niedergelassen. Plötzlich rammelt eine offenbar sonnenbanksüchtige Dame mit Kinderwagen in die Bahn. Im Wagen mehr Einkaufstüten als Kind. Fast hätte sie sich mit dem Geklimper an ihrem Arm an den Haltegriffen verfangen. Sie wirft sich das totgeföhnte Haar über die Schultern zurück, besser hätten sie es in Baywatch nicht performen können. Der kleine Junge schaut noch aus dem Fenster und ist mit seinen Gedanken wahrscheinlich in einer Ritterburg oder saust mit Spiderman über die Dächer Dresdens. Vor ihm wäre für das Gefährt der Braunbärin ausreichend Platz gewesen. Aber nein, der Junge muss mit quäkenden Lauten attackiert werden. Ein kurzer Figurcheck in der spiegelnden Fensterfront, ehe sich die in Augenkrebs förderndes Türkis gewandete Lady erneut an ihr Opfer wendet: „Halloooo? Hörste mal?“ Eine Erzieherin eilt dem Jungen nun zur Schützenhilfe und fordert ihn sanft zum Aufstehen. Nicht erst jetzt kann man sehen: Hinter seinen kleinen Ohren türmen sich zwei unübersehbare Hörgeräte auf.

Skandal! Gedankenverloren döse ich auf einem Sitz dieser Viererplatzgruppen, die mit dem Laptop gefüllte Arbeitstasche dicht neben mir, Musik im Ohr und schaue aus dem Fenster. Der Platz nebenan und beide gegenüber sind frei. Nur die Überschlagklappe meiner Tasche ragt ein klein wenig auf die benachbarte Hinternfangstation. Es ist kurz nach 20 Uhr. Ich habe einen langen Arbeitstag hinter mir. Der Spiegel meinte auch, das sei unübersehbar.
Während ein wildes Gitarrensolo mein Trommelfell ausklopft und draußen das Dresdner World Trade Center an mir vorbeisaust, werde ich plötzlich unsanft an die Straßenbahninnenwand gewuppt. So in etwa muss sich ein Auto in der Schrottpresse fühlen. Der kleine Klapprechner in meiner Tasche kommt auf Kuschelkurs. Wieder zurück in der Realität schaue ich in zwei mit Aschenbechern bebrillte Glotzhöhlen. Obwohl die mich gerade an den Einkaufswagenchipschlitz erinnern. Fast instinktiv möchte ich nach einem Euro kramen. „Müssen Sie hier zwei Sitze belegen?“, brüllt der Schlitzguckerich los. Ich hole Luft, um Atem für eine – wie ich finde eigentlich unnötige – Entschuldigung zu holen. „Na wird’s bald?“, legt das tobende Dickerchen nach und kickt mit dem Ellenbogen, der noch wenige Nanosekunden zuvor auf dem Haltegriff einer Krücke ruhte, meine Tasche fort, die frohlockend an den Vordersitz kracht. Ist ja nur ein Laptop drin, macht ja nichts. Da der Umhängegurt der Tasche fest mit mir verankert ist, muss ich mit nach vorn schnellen. Böses denkt, wer jetzt meint, ich hätte nun mal a) in Ruhe etwas erwidern oder b) meine Tasche zurechtrücken können.
Nun sitzt es da. Ach was, es thront! Inbrünstig schnaufend. Die drei grauen Haare mit Schweiß in Form gelegt. Das ausladende Heck klebt mit einer Backe fast auf meinem Schoß, die andere schleift vermutlich auf dem Boden und versperrt den Gang zum gesamten hinteren Bahnabteil. Plötzlich ein starker Geiferitisschub. In sonorem Bariton brummelt es. Die fetten Ärmchen in zwei schlumpfeisblaue Krücken gestopft. Hätt' ich den einen nicht wedeln sehen, hätte ich fast geglaubt, hier säße ein Cyborg neben mir.

Respektiere das Alter. Ein Erziehungsgrundsatz meiner Eltern, wovon der eine Teil sogar Lehrkörper ist. Meines Erachtens habe ich diese Sozialbasis bis heute recht vortrefflich beibehalten: Ich halte selbst mit zwanzig Einkaufstüten beladen den alten Omis mit ihrem schweren Stück Butter die Supermarkttür auf. Ich lächle die klapprige Rolllatorsekte trotzdem an, wenn ich im Fußgängerampelstau stehe und drei Grünphasen brauche, um endlich die Straße überqueren zu können. Und überhaupt helfe ich unheimlich gern und viel.

Die sprichwörtlichen Latten am Zaun frage ich allerdings auch von den betagten Herrschaften ab, wenn sie sich wie die Axt im Walde benehmen und dann noch auf „die“ Jugend hacken. Da wird die Krücke von Sandkorn zu Sandkorn gehievt oder auf ebenem Boden der Slow-Motion-Ausstieg aus dem Fahrzeug geprobt. Aber wehe, ein junger Mensch ist mal eher an den Schiebetüren der Straßenbahn dran! Dann mutieren die gebrechlichen Alten plötzlich zu athletischen Astralwesen. Die Krücke transformiert sich zum Schwert, mit dem sie nun ihren glorreichen Kampf gegen die Nachfolgegenerationen führen können. Und da sie den Kamm für ihre Glatze ja nicht mehr brauchen, scheren sie einfach alle jungen Leute darüber.

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