FAMILIE & FREIZEIT

05.12.2013

Kommerzblüte Dresdner Neustadt?

Es wird sie immer geben, die Nörgler, die Rückwärtsgewandten, die sich stets die guten alten Zeiten zurückwünschen und argwöhnischen Blickes jede noch so kleine Veränderung bekläffen. Leben, so viel steht wohl fest, heißt immer auch Veränderung. Doch wenn Veränderung anfängt nach Repression zu riechen, wird es heikel.

Von Jane Jannke

Was ist die Äußere Neustadt? Wohn- oder Vergnügungsviertel? Synonym für „live fast, die young“ oder der Ort, an dem die meisten Familien mit Kindern leben und Spielplätze und Kitaplätze Mangelware sind? Wertewandel ist ein Phänomen, von dem gewiss nicht nur die Neustadt heimgesucht wird. Man denke an das Hamburger Schanzenviertel oder den Prenzlauer Berg in Berlin. Wer hier aufgewachsen ist und die Entwicklung über die letzten 20, 30 Jahre verfolgt hat, der spürt ihn deutlich. Und so prallen hin und wieder mit Macht die Fronten der Alteingesessenen und der Zugezogenen aufeinander.

Mit dem Einsetzen des Sanierungsbooms in der Äußeren Neustadt Mitte der 90er-Jahre ließen sich hier die verschiedensten Menschenschläge nieder, alle brachten ihre Pläne und ihre Geschichten mit. Sie hauchten dem tot geglaubten Viertel nach der von Hausbesetzungen und politisch motivierten Unruhen geprägten Wendezeit neues Leben ein. Doch gerade jene bewegten Jahre davor haben wiederum die Identifikation vieler Alteingesessener mit ihrem Viertel nachhaltig geprägt. Nur wenige Spuren dieser Zeit sind heute noch im Antlitz des Stadtteils sichtbar, als etwa das Projekttheater entstand, die Bewegung NURR geheimnisvolle Botschaften an Hauswänden hinterließ und in einer bierseligen Runde in der später von Nazis abgefackelten Kult-Kneipe „Bronx“ in der Alaunstraße noch vor der Einheit die Bunte Republik Neustadt ausgerufen wurde.

Kaum eines der ursprünglich hier angesiedelten Geschäfte konnte dem Modernisierungsdruck standhalten. Ob Milchmann und Wurst-Seifert in der Görlitzer, Konzertklause und Goldenes Hufeisen in der Alaunstraße oder die Matratzenbude am Bischofsweg – alle waren schon zu Beginn der 90er-Jahre verschwunden. Den Wandel in seinem Lauf halten eben weder Graffiti noch bunte Republiken auf. Die verbliebenen Reste des alten sozialen Gefüges wurden spätestens in dieser Phase endgültig über den Haufen geworfen.

Mitte der 90er-Jahre war die Äußere Neustadt ein anderer Ort geworden. Es entstand jenes eigentümliche Flair des Nichtalltäglichen, das viele locken sollte – ein Duft nach Aufbruchstimmung und Abenteuer, nach Szene und ach so herrlichen Night-Outs in noch reichlich vorhandenen Abrisshäusern. Was war das schön, die schwammigen Treppen zum alten „Cafe Hieronymus“ in der Louisenstraße hinaufzusteigen, um dort im schummrigen Rotlicht zwischen alten Möbeln, die vermutlich von den geflüchteten Mietern zurückgelassen worden waren, und blätterndem Putz Gin Tonic zu schlürfen und selbst durch den dichten Zigarettenrauch hindurch den süßlichen Modergeruch der Altbausubstanz wahrzunehmen. Das sprach sich schnell herum – und die Neustadt wurde das Mekka für alle, die nach dem Unverwechselbaren suchten.

Leben in der Neustadt ist „in“ - auch, wenn von den ursprünglich erhofften Freiräumen nicht mehr viel übrig ist. Mehr als 17.000 Menschen – etwa die Bevölkerung Heidenaus – teilen sich eine Fläche, die einem Elftel der Kleinstadt entspricht. 15.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: In München leben 4.500 Menschen auf der gleichen Fläche, in Gorbitz – von bösen Zungen oft als Massenquartier gescholten – waren es selbst zu Spitzenzeiten um 1990 weniger. Die Kapazitäten sind erschöpft. Auf dem Alaunplatz, dem einzigen noch verbliebenen öffentlichen Freiraum, zeigt sich die ganze demografische Katastrophe an schönen Tagen von ihrer hässlichsten Seite, wenn Kinder sich zwischen unzähligen Einweggrills einen Platz zum Ballspielen ergattern müssen. Und dennoch hängen an den Bäumen und Laternenmasten weiterhin Zettel: „Paul und Betty, 31&30, sauber, integer, in Arbeit, suchen un- oder teilsanierte Wohnung in der Neustadt, 2-3 Zimmer, mit Ofenheizung, maximal 350 Euro warm....“ Liebe Pauls und Bettys, un- und teilsanierte Wohnungen mit Ofenheizung in der Neustadt sind leider aus. Aber wie wäre es mit Mietkauf? Eure Äußere Neustadt...

Jede noch so kleine Brache musste längst dem Hunger nach Wohnraum, die alten kultigen Kneipen aus der Vor- und Nachwendezeit fast alle dem undurchdringlich gewordenen Dschungel auf Lifestyle und Genuss ausgerichteter Lokale und Bars weichen. Einmütig und anonym reiht sich eine an die nächste – zur einen Tür raus, zur nächsten direkt wieder rein. Drinnen warten ständig wechselnde und gestresste Pauschalkräfte statt kauziger Originale in Gestalt von Wirten und Kellnern, die jeden Stammgast noch beim Vornamen kannten. Nur wenige wie das Hebedas oder das Bautzner Tor erzählen noch von den alten Zeiten. Wo früher über Generationen eine Familie eine Kneipe betrieb, wechseln heute in schwindelerregendem Tempo Betreiber und Konzepte. An jedem Wochenende wälzen sich Massen von Feierwütigen durch das Viertel. Dass ringsum Menschen wohnen, tritt dabei oft in den Hintergrund. Am Sonntagmorgen pflastern Erbrochenes, halb verspeiste Döner und Scherben den Weg zum Bäcker, und im Hauseingang stinkt's nach Urin. Der Club nebenan ist mittlerweile auf dem besten Weg zur Großdisco und raubt den Anwohnern dreimal pro Woche nachts den Schlaf – das müsse man wohl ertragen in einem Vergnügungsviertel, meint der Eigentümer. Muss man? Muss ich eine solch extreme Umetikettierung meines Stadtteils vom Wohn- und Geschäftsviertel zur Party- und Schmuddelmeile wirklich hinnehmen? Muss ich tapfer lächelnd auch mit dem linken Schuh reintreten, wenn der zehnte Versehrte seinen Hund vor meine Haustür machen lässt? Kann es sein, dass ich alt werde? Oder sind die Zeiten endgültig vorbei, als die Neustadt noch das Viertel von Visionären mit Blick fürs Gemeinwesen war?

Seien wir mal schonungslos ehrlich: Die Neustadt war schon immer ein Ort der Unterhaltung und des gepflegten Besäufnisses. Und sie war gewiss immer dreckig und schäbig. Früher eilte ihr der Ruf als Kneipenviertel und Hort der Asozialen weit voraus. Die Bausubstanz verfiel immer weiter, und die Sitten taten es ihr gleich. In den lauschigen Ecken des Alaunplatzes verdrängten irgendwann die Säufer die Muttis mit ihren Kinderwagen; in verräucherten Spelunken, in die sich bald kein anständiger Mensch mehr traute, saßen stets die üblichen Gestalten und schlugen sich mit Elbeschiffern und sowjetischen Offizieren um Schellwenzel und so manche Herzdame. Bis heute sind mir die schmissigen Klänge irgendeines Pianos haften geblieben, die einem an lauen Sommerabenden auf der Alaunstraße schon von Weitem durch die geöffnete Tür der Konzertklause entgegenwehten, dazu das kehlige Gelächter der Trinkenden und der nächtliche Krawall, wenn der Sohn von Holmgrens nebenan mal wieder sturzbetrunken und lautstark um Einlass ersuchte...

Wer konnte, entfloh damals dem sich bereits ab Ende der 60er-Jahre abzeichnenden Trauerspiel. Andere hingegen hingen an ihrem Viertel und blieben, und wieder anderen boten seine leerer werdenden Häuser und räudigen Innenhöfe Raum zur freieren Entfaltung abseits des allgegenwärtigen Kollektivzwangs. Ende der 80er-Jahre war die Äußere Neustadt maximal entvölkert. Nicht mal 10.000 Menschen lebten damals noch dort – etwas mehr als die Hälfte der heutigen Einwohnerzahl. Die Wohnsubstanz lag zu 30 Prozent brach. Und dennoch hatte das Leben hier etwas, das heute nahezu verschwunden ist: Zusammenhalt. Jeder konnte damals sagen, wer in welchem Haus seines Blockes wohnte, in den Geschäften konnte man auch schon mal „anschreiben“ lassen, und die Hausgemeinschaft war ein verschworener Bund, in dem sich alle gegenseitig halfen. Noch heute sehe ich unsere Hausmeistergattin Jutta Jähnig mit einem Teller dampfenden Essens die zwei Etagen zur bettlägerigen alten Frau Mammitzsch hochsteigen, die von ihr bis zu ihrem Tod gepflegt wurde.

Die Arbeiter und Handwerker, die früher hier das soziale Gefüge beherrschten, sind heute längst verdrängt von Akademikern, Gewerbetreibenden und Bildungsbürgern – und am „Assi-Eck“ treffen sich die, die eins davon mal werden wollen, zum öffentlichen Rudelsaufen und stehen dazu. Vor Jahren noch hieß die Kreuzung zwischen Görlitzer, Rothenburger und Louisenstraße übrigens „Meinel-Eck“, nach einem der letzten Neustädter Urgesteine, „Musik-Meinel“, der hier bis vor einigen Jahren die Stellung hielt und dann doch aufgeben musste. Hier bekam ich 1985 meine erste Blockflöte und kaufte mir 1999 mein erstes Gitarrenstimmgerät. Eine traurige Geschichte, wie sie die Neustadt viele zu bieten hat – sie versickern oft am Rande eines lauter und hektischer werdenden Viertels, das für die leisen Töne seiner Vergangenheit immer seltener ein Ohr hat. Wie viele alte Institutionen war der Name Meinel schnell aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. Und auch der wehmütige Ruf nach den schönen alten Kneipen und der oft etwas schnodderigen, aber dennoch herzlichen Art der Ur-Neustädter wird leiser. Ist das Nostalgie? Rückwärtsgewandtheit? Vielleicht. Ein bisschen.

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