FAMILIE & FREIZEIT

31.07.2013

Dresden Silhouette (Foto: Anja Upmeier)
Anja Upmeier

Liebe meines Lebens

Ach Du bist einfach bezaubernd. Dein Antlitz ist weltbekannt, du veränderst dein Äußeres nur schwer, ein recht agiles Völkchen Gegner jeglichen Fortschritts sorgt dafür, dass du nur nicht zu wenig der gewohnten Fassade zeigst. Und wehe, man will dir eine metallene Krücke in den Leib schlagen. Da wird prozessiert, bis die Straßen vor Verkehr überlaufen. Doch ich liebe dich. So wie du bist, so wie du bleibst und dich nur im saisonalen Wandel befindest. Der Rest ist schleichende Geschichte.

Von Soy Rasmus

Schon als Kind habe ich dich kennengelernt. Die alten, ratternden Bahnen fuhren durch dein zerfurchtes Gesicht, ein viel zu lauter und für mich schier riesiger unheimlicher Ikarus brauchte eine Stunde, um in deine Mitte zu kommen. Dein kaputtes Herz hat man zur Mahnung stehen gelassen, manche Bereiche mit postmodernen Ersatzorganen bestückt. Es hat mich nie gestört. Ich liebte die Pusteblumenbrunnen auf der Prager Straße genauso wie den Zwinger mit seinem mir mystisch scheinenden Nymphenbad. Liebte das moderne Antlitz des Kulturpalastes für die Erinnerungen an das Brückenmännchen genauso wie die gute alte Sandsteinflussquerung, die damals noch kein Flutdenkmal trug. Fasziniert betrachtete ich die sozialistische Einkaufswelt der ehemaligen Webergasse – die selbe unschuldige Bewunderung brachte ich den vergangenen Generationen auf dem Fürstenzug entgegen.

Ich lernte dich bereits in frühester Schulzeit genauer kennen. Heimatkunde hieß das Lernfach. Doch ich saugte wie so viele andere hier auch deine Familiengeschichte wie spannende Erzählungen auf. Deine Kuriositäten, die Geschichtsepisoden und Menschen, die du beherbergt hast. Wenn ein Tourist mich gefragt hat, konnte ich ihm nun berichten: von den wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Personen, die dich prägten. Und ich tat es. Stolz und überzeugt. Du warst wie ein toller Freund, mit dem man angeben wollte.

Die Schwärmerei wurde ernst.
Erste Episoden eigener erlebter Geschichte verknüpfte ich mit manch unspektakulären Straßenecke. Verlieben - und Trennen, Leben, Tod, Geburt, Schulabschluss, Ausbildung, Arbeit, Führerschein, Freunde, Feinde, Sport, Kultur. Alles hat seinen Platz. Staunend betrachtete ich, wie sich dein Herz erholte, wie Unmengen von Menschen dich mit vielen kleinen Spenden in die Höhe stemmten. Plötzlich war der Glanz, den ich nur an jeder Ecke und Kante gespürt hatte, deutlich sichtbar. Auch für Unmengen von Touristen, die nun fast tagtäglich durch dich hindurchströmen und dabei dennoch nur einen winzig kleinen Teil deines ganzen Charakters kennenlernen würden. Sie werden sich verlieben, ich weiß es. Doch was für diese Menschen nur ein Flirt, ist für mich eine ernste Angelegenheit. Eine echte Liebesheirat. Und immer wenn ich heimkehre, von der Autobahn herab in das Tal blicke, in dem du auf mich wartest, spüre ich es wieder ganz genau: Du bist es. Meine Heimat. Mein Dresden. Meine Liebe meines Lebens.

 

 

 

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