FAMILIE & FREIZEIT

01.10.2013

Manns genug

„Viele Männer sind verunsichert“, titelte gestern eine Dresdner Lokalzeitung. In stetem Bemühen, diese interessante Spezies zu verstehen – und nein, meine Damen und Herren, das meine ich nicht ironisch – las ich in den Artikel hinein. Jeder Dritte erachte es der zitierten Studie nach als „schwer, seine Rollenerwartungen zu erfüllen“. Um die zwei Drittel meinen, die Gleichberechtigung der Frau sei zur Genüge erreicht. 71 Prozent der Männer sehen sich in der Pflicht, die Familie zu ernähren. „Nur 60 Prozent der Frauen“ haben denselben Mus im Auge, glaubt man der Studie. Was zum Teufel haben Frauen überhaupt in einer Befragung zum Selbstverständnis des Mannes zu suchen?

Beruhigend, dass Studien nur erfunden worden sind, um die Beschäftigungstherapie von Wissenschaftlern und Hobby-Marktforschern in Zahlen zu rechtfertigen. Für die hier genannte Untersuchung wurden zudem lediglich 950 Männer bedrängt. Ein humanvoluminöser Klacks im Vergleich zur maskulinen Gesamtmenge also und keinesfalls repräsentativ.
Überdies wäre es nett gewesen, wenn der Beitrag mal erläutert hätte, welche Rollenerwartungen überhaupt vorhanden sind. Mich zumindest interessiert, welche gesellschaftlichen Krücken dem Mann von heute oktroyiert sind. Das weiß ich nicht mal als Frau, woher sollen die armen Prinzen es wissen? Was erwarten wir von Männern? Mmh, nichts anderes als sie von uns. Hoffe ich, in Mitleid mit den 71 Prozent der studierten Männer und von den 60 Prozent der studierten Frauen empört.

Von Frances Heinrich

Bemüht man Google – übrigens mit von Studien entlarvter frauentypischer Suchstrategie, nämlich in Form einer konkreten, syntaktisch kompletten Frage – darum, wie viele Männer in Deutschland leben, rangiert an Position sechs ein gar witziges Snippet: „Daneben leben noch viele Amphibien wie Salamander, Frösche, Kröten, Unken und Molche in Deutschland, welche jedoch alle auf der Roten Liste bedrohter...“ Während die einen nun gewiss aus dem Stegreif den Zusammenhang zwischen Mann und Amphibien herzustellen in der Lage sind, versuchen die anderen hoffentlich eine Verknüpfung zur Bedrohung. Natürlicher Feind des Mannsbildes sind keineswegs Rollenbilder oder an feminine Noten angeglichene Rasierwässerchen, es ist das Weib selbst.

Der Mensch neigt dazu, sich unlösbare Aufgaben zu stellen.

Millionen Jahre haben wir ins Land gehen lassen, immer war es in Ordnung, dass der Mann hinaus zieht, uns ein Mammut zu jagen, eine tolle Erfindung zu machen oder den vollen Kasten Mineralwasser die Treppen hinauf zu schleppen. Und nun plötzlich sausen wir wie die Furien hinter unserem Feuer hervor, drücken dem starken Männlein das brüllende Windelpaket in die Hand und fahren mit dem seinem Geiste entsprungenen Auto Richtung Chefposten. Da ist der Kerl doch einfach bekloppt, wenn er den genetischen Code nach Jahrmillionen nicht einfach mit einem Fingerschnipps umzuprogrammieren imstande ist! Mediale Aufmüpfigkeit und hinter Rauten zu gesellschaftlichen Synonymen avancierte Substantive zeigen dem Monster namens Mann, wo der Hammer hängt (Bitte, meine Damen, schenken Sie sich das Gelächter an dieser Stelle.) Die Stärkung der Rechte des Vaters in Bezug auf die Kinder, wenn es mal zur Trennung von der Mutter kommt, und großzügige arbeitsfreie Monate während der Elternzeit dürften doch wohl ausreichend Entgegenkommen sein. Meine Herren, langsam sprengen Sie unseren Geduldsfaden! Wir Frauen möchten uns eine neue gesellschaftliche Relevanz beigemessen wissen, darum tun Sie sich mal nicht so schwer, die ihre stillschweigend zu leben. Wir können uns von heute auf morgen mit unserem alternierenden Rollenverständnis arrangieren. Warum Sie nicht, werte Herren? Dass Sie es nicht darauf angelegt und das Männliche nun mal seit jeher im Blut haben, ist an dieser Stelle irrelevant.

Frauen sind die einzig wahren Gutmenschen. Dass in unserer hyperpostpostmodernen Zeit die Stühle in Konzernvorständen noch von faltigen Altherrenallerwertesten verstopft werden, lässt sich doch ruckizucki ändern. Schaut euch die Bundeskanzlerin an, die hat es auch geschafft. Als Physikerin erforscht sie heute nicht den Weltraum, sondern ganz bodenständig das Rückgrat ihrer Mitmenschen. Überhaupt gäbe es nur Heiterkeit auf diesem Planeten, wären mehr Frauen an der Macht. „Die Welt“ betitelt unsere Häuptlingin (die Sprache gehört reformiert, ich wittere die Diskriminierung der Frau) gar als eine moderne Kriegerin.

Überhaupt stellt die „Welt“ eine Frage, die in der Geschlechtergrundsatzdebatte nicht unwesentlich ist: Gehört die Frau in den Krieg? Neuerdings dürfen wir ja auf dem Schlachtfeld mitmischen. Ein Sieg für die Gleichberechtigung. Aber auch ein Sieg für Mann und Frau?

Sicherlich verfügen wir über vortreffliche Zielfähigkeiten und können unsere genetisch angeborene Leidenschaft für das Putzen auch auf militärische Analogien, etwa die Waffe oder den Stiefel, übertragen.

Wenn ein Streit entbrennt, rennen wir aber von Natur aus selten vor die Kneipe und schlagen uns gegenseitig den Eckzahn aus der Visage. Frauen duellieren sich verbal oder mit Ignoranz. Neben dem Schießpulver sicherlich die langwierigere Strategie, aber mit männlicher Imposanz gleichrangig großem Potenzial zur Vernichtung. Bodenkämpfe machen uns schließlich das Kleid schmutzig.
Krieg ist die vermutlich expressivste Verteidigung von Besitz bzw. die ruchloseste Taktik, ihn zu mehren. Wären Männer in Urzeiten liebevoller mit ihren Frauen umgegangen und hätten sie so studiert, wie wir es heute machen, hätten sie sich bestimmt nicht um Land, Pretiosen oder andere dingliche Habseligkeiten prügeln müssen. Aber wenn sich die Langeweile schon nicht totschlagen lässt, dann vielleicht die Zeit. Am besten mit dem Glotzen in die Fremde. Und hier liegt die geschlechterunabhängige Crux: Toleranz ist auf beiden Seiten des Öfteren Mangelware. Akzeptierte man, dass der andere mehr hat und lernte sein Eigenes zu schätzen, fände man andere Kulturen als der Erde von Natur aus gegebene Vielfalt und hörte man viel mehr auf die zwischenmenschliche Melodie, gäbe es den Zwist nicht. Geld macht nicht glücklich, viel Land bedeutet verdammt viel Fläche zu harken. In der Habgier haben wir die Gleichberechtigung allerdings längst übertroffen.

Wenn das so einfach wäre. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, wie ich meinem anvertrauten Männchen Unrecht tue und seinen Habitus mit völlig haltlosen Predigten abstrafe.

Natürlich zeichnet allein der genetische Code im Duett mit leichten Defiziten im Erziehungstalent der Aufzugsbevollmächtigten dafür verantwortlich, dass der Mann überwiegend ein unordentliches Tier vor dem Herrn ist.

Der arme Kerl kann einfach nichts dafür, dass sich binnen Sekunden, nachdem sich Frauchen mit Putzen, Waschen und Bügeln abgerackert hat, wieder Sockenhäufchen, Krümelkolonien oder Zeugnisse des gesunden Haarwachstums auf dem Boden finden. Im Herbst, wenn es draußen öfter regnet und die Schuhsohlen nass werden, kann man auch wahrlich nicht verlangen, dass das Männchen sein Fußkleid vor der Haustür abstreift. Pfeif' doch einer auf den Dreck, mit dem er das frisch gewischte Laminat benetzt, solange er nicht am großen Zeh friert, weil die Schuhe des Nachts im kalten Hausflur gestanden haben!

Auch die kommunikative Begabung von Männern sollte Frau nicht überbewerten. Verständigung beruht auf Sprechakten. Männer halten das Drama kurz, die Weltliteratur ist schließlich schon von anderen geschrieben worden. Prinzipiell ist es zu Hause nichts anderes als im Arbeitsalltag: Hier möchten wir eine klare Stellenbeschreibung im Arbeitsvertrag, sprechen uns mit dem Team über Aufgabenverteilungen, Ziele und Zeitleisten ab, schätzen klare Ansagen vom Chef und freuen uns über ein Bienchen im Muttiheft. Weshalb also in der heimischen Höhle alle Regeln über Bord werfen? Männer sind eben sparsame Zeitgenossen, auch in syntaktischen Belangen. Und das ist auch gut so. Wo hätte sonst unser Geplapper denn in den Dialogen noch Platz? Und mal ehrlich: Frauen, die subtil die übernatürliche Kraft des Gedankenlesens von ihrem Männchen erwarten, sollten mal das eigene Mana überprüfen – oder habt ihr etwa alle ein Zauberlasso dabei?

Ich möchte ihn ja auch nicht umerziehen, immerhin hat Frau sich einst en Detail in genau dieses Exemplar von Mann verliebt. Gekauft ist gekauft, und ihn einfach so sich selbst überlassen – oh nein, dafür sind wir Frauen doch viel zu herzenszart. Die Umbildung der Persönlichkeit eines Mannes funktioniert auch nicht über Imperative oder emotional eingefärbte Sprachmelodien. Entweder transformiert man sich selbst in den Zustand der ewigen Meditation und summt sich die aufsteigende Wut bei der tausendsten verwaisten Socke einfach hinfort oder man lanciert ein an das Ordnungsverhalten des Männchens angepasstes Chaosbewusstsein. Wohl gemerkt ist das eine hohe Kunst, vor allem, wenn man dem eigenen Kopftornado ein idyllisches Wiesentemperament der Wohnung entgegensetzen muss, um sich im Leben einigermaßen zurecht zu finden.
Natürlich möchten die modernen Männer zumindest einem Rollenklischee entsprechen und "das starke Geschlecht" ausleben. Wenn man sie nun anbrüllt wie ein kleines Kind, das den Umgang mit den Förmchen nicht kapiert, fühlen sie sich freilich diskriminiert und in ihrem anthropologisch eindeutig zugewiesenen Status unterminiert.

Ich finde es auch gar nicht verwerflich, die Herren der Schöpfung als starke Ausgabe des göttlichen Ebenbildes zu umschreiben. Insgeheim wissen wir Frauen es natürlich: Auch wir können ein Rad wechseln, schwere Einkaufstüten tragen, ein schwedisches Regal zusammenbauen, Software installieren, Bier trinken, als gäbe es kein Morgen oder ein ganzes Wochenende im Hobbykeller verbringen. Aber mal ehrlich – lieben wir unsere Männer nicht genau deshalb, weil wir all das mit ihnen gemeinsam machen können? Rufen wir nicht wie von King Kong bedroht, wenn die Karre nicht anspringt, die Waschmaschine den Geist aufgibt oder der Computer von einem hämischen Virus zerfressen wird nach unseren Helden? Und wenn wir uns ein mental ebenbürtiges Männchen geangelt haben – wozu emanzipierte Frauen schließlich imstande sein sollten – dann eilt es uns zu Hilfe. Irgendwann vielleicht auch dann, wenn uns die Socke zu schwer zum Aufheben ist...

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