FAMILIE & FREIZEIT

08.08.2013

Nicht immer bedeuten Kinder ein Geschenk

Zwischen zwei Vorlesungen erfuhr sie, dass sich ihr Leben ab sofort drastisch verändern sollte. Auf der Uni-Toilette machte sie einen Schwangerschaftstest. Positiv. Zwei klare Linien waren zu sehen. Wie würde ihre Zukunft aussehen? Ohne abgeschlossenes Studium, vom Vater ihres ungeborenen Kindes weiß sie nur den Vornamen. Neun Monate lang versucht sie, ihr Geheimnis für sich zu behalten. Der Bauch bleibt relativ klein. Nach der Geburt bleibt die frischgebackene Mama mit ihrem Kind auf dem Bauch zwei Stunden lang im Kreißsaal. Doch ihre Lebenssituation lässt es nicht zu, dass sie das Baby behält. Maria gibt ihren Sohn zur Adoption frei.

Von Julia Vollmer

„Trotz der schwierigen Lage hat mich diese Frau beeindruckt“, erzählt Uta Jarsumbeck vom Dresdner Verein Kaleb. Die Sozialpädagogin betreut innerhalb des Vereins das Projekt „Findelbaby“. Mit dem Projekt soll Frauen in schwierigen Lebenslagen geholfen werden. Die Mitarbeiterinnen von der Bautzner Straße begleiten die werdenden Mütter zu anonymen Geburten ins Krankenhaus und bieten ein umfangreiches Beratungsangebot an. „Meist werden die Frauen von großen Ängsten durch ihre Schwangerschaft begleitet“, berichtet die Sozialarbeiterin Uta Jarsumbek. Viele Mütter verheimlichen selbst vor dem Vater ihres Kindes und ihren Familien die Schwangerschaft. Über einen Mütter-Notruf sind die 16 Mitarbeiterinnen rund um die Uhr erreichbar und haben ein offenes Ohr für die Probleme. Ist das Baby einmal auf der Welt, haben Frauen die Möglichkeit, in einer von Kaleb e.V. gestellten Krisenwohnung Unterschlupf zu finden und aus ihrem sozialen Umfeld herauszukommen. Einmal in der Woche besuchen die Mitarbeiterinnen die jungen Mütter, ihren Alltag sollen sie aber selbst bewerkstelligen.

Ein Buch lesen, den Abwasch machen oder einfach nur mal in Ruhe duschen – was so einfach klingt, ist mit einem Säugling im Haus schon eine Herausforderung. Genau für die Herausforderungen haben sich die Frauen von Kaleb mit ihrem Hausbesuchsservice angenommen. Während sich die Mama einmal gründlich ausschläft oder in Ruhe Zeitung liest, kümmern sich die Ehrenamtlerinnen um den Einkauf oder die Kinder. „Das soziale Netz in spürbar dünner geworden. Immer seltener wohnen die Omas noch in der Nähe. Viele Großmütter sind heute auch älter und körperlich nicht mehr in der Lage, sich um die Enkelkinder zu kümmern“, bedauert Uta Jarsumbek.

Als letzten Ausweg betreibt der Verein seit 2001 eine Babyklappe.Verzweifelten Müttern wird so die Chance eröffnet, ihre Babys in die sichere Obhut zu geben. Ein Mechanismus verhindert, dass die Klappe geöffnet werden kann, bevor die Vereinsmitarbeiter das Kind an sich nehmen konnten. In der Babyklappe findet die Mutter einen Brief, den sie mitnehmen und mit ihren persönlichen Daten ausfüllen kann. Die Dresdner Adoptionsvermittlungsstelle vermittelt das Baby in eine geeignete Adoptionspflege. In einem Zeitraum von acht Wochen kann die Mutter ihre Entscheidung überdenken und ihr Kind zurücknehmen. Rechtskräftig wird die Adoption erst nach einem Jahr. Neben dem Projekt „Findelbaby“ bietet der Verein eine große Palette weiterer Angebote. Die Themen der Selbsthilfegruppen reichen von Stillberatungen über Fehlgeburt bis hin zu Abtreibungen. „Vielen Frauen tut es einfach gut, über ihre Probleme zu sprechen und den Mut gefunden zu haben, uns aufzusuchen. Niemand gibt gern zu, dass er mit etwas überfordert ist“, so Anja Arlt. In den offenen Gesprächsrunden beraten Anja Arlt und ihre Kolleginnen Frauen aller Altersgruppen. „Wir befinden uns im ständigen Spagat zwischen den 40-jährigen Müttern, die zu kopflastig jeden ihrer Schritte überdenken und den Teenagermüttern, die an manche Dinge zu unbedarft herangehen“. Der Türöffner zum Verein sei meist die integrierte Kleiderkammer. Hier können Eltern aus einem riesigen Fundus an Hosen, Oberteilen, Schlafanzügen, aber auch Autositzen auswählen und für einen gewissen Zeitraum ausleihen. Unbürokratisch werden die Sachen verteilt, ohne Kontrolle von Ausweisen. Die Eltern zahlen nur eine Nutzungsgebühr von zwei Euro. Der 2001 gegründete Verein finanziert sich durch Spenden und eine Grundförderung des Jugendamtes. „Wir freuen uns immer über Geld- und Sachspenden“, so die Sozialpädagoginnen. Außerdem ist der Verein immer auf der Suche nach ehrenamtlichen Helferinnen für die Hausbesuchsprojekte. Und diese Hilfe erleichtert hoffentlich noch mehr Müttern in Dresden sich für ihr Kind zu entscheiden.

Maria hat sich auch nach einem Jahr gegen das Leben mit Kind entschieden. Ein Ultraschallbild hat sie ganz tief in ihrem Geldbeutel versteckt.



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