FAMILIE & FREIZEIT

17.10.2013

Ein Symbol für die Sternenkinder (Foto: angieconscious_pixelio.de)
angieconscious

Mein Sternenkind

Ich bin Vater einer sechsjährigen Tochter. Und wenn das Schicksal seine Würfel ein wenig anders in die Gegend geschleudert hätte, wäre ich ebenso Vater eines zweiten Kindes. Die Fehlgeburt erwischte uns in einer relativ frühen Schwangerschaftswoche, so dass wir keine Chance hatten, zu erfahren, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen bekommen hätten. Hätte, hätte, hätte. Der Konjunktiv ist manchmal ein grausames Ding. Das ist jetzt vier Jahre her.

Von Falk Enderlein

Fehlgeburten haben eine gute Chance auf eine tolle Platzierung in den Top 10 der gesellschaftlichen Tabuthemen. Und dementsprechend sind die üblichen Reaktionen auf besonders frühe Fehlgeburten. Der öffentliche Konsens ist die ignorante Verwunderung, wie man denn ein Wesen betrauern kann, das noch nicht einmal ansatzweise seine 40 Schwangerschaftwochen im Bauch der Mutter verbracht hat, das praktisch "nie wirklich da gewesen ist".

Der Sternenkinder-Dresden e.V. bemüht sich um eine angemessene Würdigung der Problematik und ist Anlaufstelle für Menschen, deren Kinder versterben, bevor sie ein Gewicht von 500 Gramm erreicht haben. Diese bizarr und bürokratisch anmutende 500-Gramm-Marke kennzeichnete bis 2009 nach dem Sächsischen Bestattungsgesetz die Grenze zwischen offizieller Bestattungspflicht und anonymer "klinischer Bestattung". Aus einem Arbeitskreis entstanden und seit 2006 als Verein eingetragen, unterstützt der Sternenkinder-Dresden e.V. betroffene Eltern und Angehörige bei einem würdevollen Abschiednehmen und der Bewältigung ihrer Trauer. Zweimal im Jahr organisiert und gestaltet der Verein eine gemeinschaftliche Trauerfeier mit anonymer Erdbestattung früh verstorbener Kinder auf dem Neuen Katholischen Friedhof auf der Bremer Straße - dabei aber völlig frei von Glauben oder Religion. Damit soll nicht zuletzt jenen Eltern, die sich eine individuelle Bestattung finanziell nicht leisten können, die Möglichkeit eines angemessenen Abschieds gegeben werden. Über diese praktische Unterstützung hinaus ist es Anspruch der komplett ehrenamtlichen Vereinsarbeit, Betroffenen und Unterstützern Impulse zur selbstständigen Netzwerkarbeit zu geben und das Thema des ganz frühen Todes verstärkt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Mut macht dabei das zum 16. Mai 2013 in Kraft getretene Personenstands-Änderungsgesetz. Die Geburt eines Sternenkindes kann nun offiziell beim Standesamt festgehalten werden. Scheinbar eine Formsache, in Wahrheit aber eine Geste mit großer Symbolkraft. Neue Mitglieder und Sponsoren sind dem Verein auf seinem Weg, die Gesellschaft für die Problematik der Sternenkinder zu sensibilisieren, jederzeit willkommen.

Meine Tochter ist sich übrigens sicher, dass es ein Mädchen war, das uns da im Oktober vor vier Jahren verlassen hat. Sie klingt dabei so überzeugt, dass ich es vorziehe, ihr einfach zu glauben. Auch wenn sich meine Trauer immer irritierend abstrakt anfühlte, ist sie bis zum heutigen Tag präsent. Selbst wenn mein zweites Kind nie größer als ein Gummibärchen geworden ist, es war nicht nichts.

 

 

 

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