FAMILIE & FREIZEIT

06.12.2013

Verkaufsstelle der Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik Richard Selbmann Fotografie, um 1900 Stadtmuseum Dresden, Museen d. Stadt DD
Verkaufsstelle der Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik Richard Selbmann Fotografie, um 1900 Stadtmuseum Dresden, Museen d. Stadt DD

Wie die Schokolade nach Dresden kam

Lebkuchen, Stollen, Printen: Überall duftet es dieser Tage weihnachtlich – die perfekte Zeit also, um einem echten Dresdner Aushängeschild eine ganze Ausstellung zu widmen, das für die Weihnachtsbäckerei unverzichtbar ist: der Schokolade. Im Dresdner Stadtmuseum steht bis zum 2. März alles im Zeichen der samtig-braunen Köstlichkeit, deren Herstellung und Vermarktung in der Elbmetropole auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickt. Wir haben vorab einen Blick riskiert und Kurator Holger Starke Dresdens leckerstes Geheimnis nach dem Christstollen entlockt...

Herr Starke, warum ausgerechnet eine Ausstellung über Dresden und die Schokolade? Die großen Schokoladenhochburgen vermutet der Unbedarfte ja eher in der Schweiz oder in Belgien.
Natürlich wurde die Schokolade in Dresden nicht erfunden. Dennoch ist die Stadt eng mit ihr verwoben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie das Zentrum der deutschen Schokoladenindustrie schlechthin. Die Dresdner Schokoladen-Ära hat viele namhafte Hersteller wie etwa die berühmte Fabrik von Gottfried Jordan und August Friedrich Timaeus hervorgebracht, die weit über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung erlangte und 1851 sogar auf der Londoner Weltausstellung vertreten war.

Rein interessehalber: Wie kamen Sie denn überhaupt zu diesem Thema? 
Die Idee selbst ist eigentlich schon uralt. 1995 schrieb ich für das erste Dresdner Geschichtsbuch einen Aufsatz über Dresden als Stadt des Genießens, der die Grundlinien für eine spätere Ausstellung zu diesem Thema skizzierte. Manche Dinge brauchen aber eine gewisse Weile. Für Schokolade habe ich mich naturgemäß schon als Kind interessiert (lacht). Das wissenschaftliche Interesse kam mit meiner Tätigkeit als Kustos für Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte. Mich fasziniert vor allem die Bedeutsamkeit, die die Genussmittelindustrie für Dresden hatte und hat.

Wie kam denn die Schokolade nach Dresden, und warum hat sie ausgerechnet hier solch eine Bedeutung erlangt?
Die Funktion Dresdens als Residenzstadt spielte eine fundamentale Rolle für die Herausbildung der Schokoladentradition, denn Schokolade war lange Zeit den Wohlhabenden und Adeligen vorbehalten, und in Dresden gab es schon immer eine relativ vermögende Bevölkerung. Schon im 17. Jahrhundert kam die Schokolade über den französischen Hof des „Sonnenkönigs“ Ludwig des XIV. an die Elbe, aber erst unter August dem Starken setzte sie sich Mitte des 18. Jahrhunderts am Dresdner Hof und auch im Bürgertum durch.

Aha. Heißt das, dass die Schokolade eine französische Erfindung ist, die die Dresdner perfektioniert haben?
Nein, die Ursprünge des Schokoladengenusses liegen viel weiter weg. Die spanischen Eroberer der Neuen Welt brachten sie im ausgehenden Mittelalter von den Ureinwohnern Mittelamerikas mit. Dort trank man Schokolade ungesüßt, aber mit Gewürzen versetzt. Die Spanier setzten dem Kakao Zucker zu – das machte ihn für die europäischen Höfe erst interessant. Allerdings wurde in Dresden anderweitig Pionierarbeit geleistet, denn hier wurden die Porzellangefäße erfunden, aus denen man klassischerweise Schokolade trank. Einige originale Stücke, darunter das Brühl'sche Schwanen-Service, hat uns die Dresdner Porzellansammlung als Leihgabe bereit gestellt.

War Schokolade denn schon immer ein reines Genussmittel?
Im Prinzip ja, aber ihr wurden über Jahrhunderte hinweg auch heilende Funktionen nachgesagt. So war sie anfangs fester Bestandteil der königlichen Hofapotheke. Später, im Industriezeitalter, als Schokolade in großen Mengen gefertigt wurde, galt sie als nahrhaft und kräftigend und wurde auch entsprechend beworben. Soldaten wird bis heute eine Ration Schokolade ins Marschgepäck gegeben. Nach dem Wandel in der Wahrnehmung von Alkohol und Zigaretten hin zum Negativen ist die Schokolade deshalb eines der letzten „unschuldigen“ Genussmittel.

Reklameplakat für Hartwig & Vogel Entwurf: Willy Petzold (1885–1978) Stadtmuseum Dresden, Museen der Stadt Dresden
Reklameplakat für Hartwig & Vogel, Stadtmuseum Dresden

Sie sprachen die Bedeutsamkeit der Schokoladenindustrie für die Stadt Dresden bereits an. Wie äußerte sich das genau?
Ein entscheidender Impuls kam 1823 mit Jordan und Timaeus. Die Firma blieb viele Jahre die bedeutsamste Dresdens. Andere Hersteller wie Otto Rüger oder Hartwig&Vogel zogen nach. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts gab es in Dresden 28 Schokoladen- hersteller; mehr 10000 Menschen bot die Branche Lohn und Brot. Man darf ja nicht vergessen: Es mussten dafür Maschinen gebaut, Gussformen und Verpackungen gefertigt werden. Ein Fünftel aller Angestellten in der Schokoladenindustrie deutschlandweit arbeiteten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Dresden.

War da der Konkurrenzdruck bei so vielen Herstellern nicht enorm?
In der Tat. Das führte Ende des 19. Jahrhunderts zu einem regelrechten Unterbietungswettkampf, der jede Globalisierung in den Schatten stellte. Es gab da Schokoladen von ganz furchtbarer Qualität, teilweise mit Farbmehl versetzt. Deshalb wurde im Jahr 1879 in Dresden mit der Gründung des Verbandes deutscher Schokoladenfabrikanten eine Instanz der Qualitätskontrolle geschaffen und ein Reinheitsgebot für Schokolade verabschiedet.

Schauen wir mal ins Hier und Heute. Da sieht es mit der Schokoladenstadt Dresden aber schon ein wenig anders aus, oder?
Heute gibt es natürlich auch noch Hersteller in Dresden. Aber die DDR-Zeit hat der Branche schwer zugesetzt. Die alteingesessenen Fabriken wurden verstaatlicht und im VEB Süßwarenkombinat Elbflorenz vereint. Fast alle Hersteller gingen daraufhin in den Westen und gründeten dort neue Firmen. Oft nahmen sie auch ihre Produkte mit, z.B. der mit Schokoladenfiguren gefüllte Weihnachtskalender der Firma Pea – eine original-Dresdner Erfindung.

Stimmt die weit verbreitete Auffassung, dass die DDR-Produkte zu wünschen übrig ließen?
In jedem Fall wurde das Sortiment stark verknappt. Um Kosten zu sparen, wurden in jedem Zweig des Kombinats nur noch zwei bis drei Produkte gefertigt. Fertigungstechnisch sehr aufwendige Sachen wurden eingestellt – wie etwa der berühmte Dresdner Tell-Apfel aus Schokolade, der ab 1970 nicht mehr hergestellt wurde.

Wie geht die Ausstellung vor? Was erwartet den Besucher?
Die Grundlinie verläuft schon chronologisch und führt durch 350 Jahre Dresdner Schokoladengeschichte. Im Grunde zeichnet sie den Weg der Schokolade vom Hof in die Stadt nach – von der kurfürstlichen Epoche, als sie vor allem Mittel der Abgrenzung war, verbunden mit dem Nimbus der gepflegten Langeweile, über die Stadtkonditoren, die ersten Schokoladenverkaufsläden, die handwerkliche bis hin zur industriellen Schokoladenherstellung. Aber auch die Verpackungen und die Bewerbung von Schokolade zu den verschiedenen Zeiten. Es wird außerdem begleitend zur Ausstellung fast täglich Führungen und andere Rahmenveranstaltungen sowie ein Buch geben, das viele der gezeigten Stücke noch einmal näher beleuchtet.

Wo kommen all die Exponate eigentlich her?
Insgesamt haben wir auf 600 Quadratmetern Fläche rund 400 Ausstellungsstücke. Ohne eine Vielzahl an privaten Sammlern und öffentlichen Einrichtungen wie die Staatlichen Kunstsammlungen wäre das nicht möglich gewesen. Besonders stolz bin ich auf eine originale Tafel Schokolade von 1890 aus dem Hause Jordan & Timaeus, die wir vor zwei Jahren auf einer Auktion erwerben konnten.

Denken Sie, dass ihre Leidenschaft für Schokolade bei den Dresdnern und vor allem den Touristen auf ein ebensolches Echo stoßen wird?
In jedem Fall! Wir rechnen mit großem Zuspruch. Unsere Führungen sind bereits bis Mitte Dezember ausgebucht, das zeigt, wie groß das Interesse ist. Der Zeitpunkt zur Weihnachtszeit war ja auch nicht zufällig gewählt, denn gerade jetzt spielt das Thema ja eine große Rolle.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jane Jannke

Info: Der Eintritt zur Ausstellung kostet 4, ermäßigt drei Euro.

www.stadtmuseum-dresden.de

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