FAMILIE & FREIZEIT

27.11.2013

Terra Dresda Incognita: Mit Bus und Bahn die eigene Stadt neu entdecken

Ich bin in Dresden geboren. Trotzdem kenne ich außer Löbtau und Gorbitz (meine Hooliganjahre von 0 bis 19) und der Neustadt (wo ich in diesen Tagen mit dem Hund ausgehe und im Alaunpark Dreijährigen Rilke vorlese) von dieser Stadt nahezu nichts. Ein bisschen von Dresdens Mitte habe ich natürlich auch schon gesehen, die Frauenkirche und all das andere von Disney, auf meinen Reisen von Gorbitz in die Neustadt und zurück. Dass ich also praktisch nichts von dieser Stadt kenne, obwohl ihr Name gleich zweimal auf meinem Grabstein auftauchen wird, ist - gelinde gesagt - peinlich. Und das muss behoben werden. Schon 1991 präsentierte mir mein Großvater bei einem Spaziergang durch den Tharandter Wald eine Lösung für dieses Dilemma.

Ich könne mich doch einfach in irgendeine beliebige Straßenbahn setzen und dahin fahren, wohin mich der Zufall verschlägt. Und das wieder und wieder und wieder. Bis ich auch die entferntesten Ecken von Drežďany kenne. Über zwanzig Jahre später erinnere ich mich daran. Also packe ich mir Proviant in die Umhängetasche: ein Snickers und eine kleine Flasche Mineralwasser - und schon kann die Expedition beginnen.

Kolumbus startete seine berühmte vermeintliche Indienreise in Palos de la Frontera in Portugal, Amundsen brach von Kristiansand in Norwegen zum Südpol auf - Expeditionen in die unerforschte Wildnis von Dresden beginnt man am besten am Postplatz. Meine Freundin begleitet mich. Falls wir Kannibalen begegnen, kann ich sie vielleicht im Austausch für mein Leben anbieten. Die schwarz-gelbe Armada der Dresdner Verkehrsbetriebe schickt uns als erstes eine Straßenbahn der Linie 12 vorbei. Striesen kenne ich vom Hörensagen, angeblich bin ich auch schon einmal dort gewesen. Das muss gewesen sein, bevor die Alzheimersache so richtig brenzlig wurde. Wir rollen hinaus in den nebligen Dresdner Sonnabendmorgen. Unsere Straßenbahn fährt ein spiegelverkehrtes Fragezeichen, die bizarre Triade von Ackis Sportsbar, Gläserner Manufaktur und Sarrasanis Jurte bildet den Punkt bei diesem "?". Nach Fetscherplatz und Universitätsklinik passieren wir die Grenze zum Goldstaubviertel, gedanklich reserviere ich mir schon mal die prächtigste Villa, die sich finden lässt - nur für den Fall, dass das mit dem Literaturnobelpreis doch noch irgendwann klappt, wovon ich fest ausgehe. Am Schillerplatz sieht man nur Kinder und Rentner - und ihre jeweiligen Betreuer. Vielleicht ein geheimes Mehrgenerationen-Experiment der Regierung. Aus dem Nebelmeer ragt romantisch das Blaue Wunder (als es erbaut wurde, fand niemand es romantisch), die Bahn schlängelt sich nach rechts in die Tolkewitzer Straße, links von uns lauert die Elbe auf die nächste Gelegenheit für ein kleines Hochwasser. In der Ludwig-Hartmann-Straße verwandelt sich die 12 ganz spontan in eine 10 und kehrt über die Schandauer Straße in die Stadt zurück. Wir steigen um.

Die 4 gilt als längste Straßenbahnlinie der Stadt, sie überschreitet auch drastisch deren Grenzen und im Verlauf einer einfachen Fahrt könnte man nahezu einen kompletten Spielfilm schauen. Wir passieren zum zweiten Mal an diesem Tag den Pirnaischen Platz. Angeblich gibt es nirgendwo sonst in Deutschland so viele Ampeln an einer Stelle wie hier. Ruhig schiebt sich die 4 in die Wilsdruffer Straße, vormals Ernst-Thälmann-Straße, noch vormalser Johann- bzw. König-Johann-Straße. Auf dem Altmarkt werkelt man final an den Buden des Striezelmarkts, es bleiben nur noch wenige Tage bis zur Eröffnung.

Das schönsten Stück Dresdner Straßenbahngeleis ist zweifellos die elegante Kurve zwischen Zwinger, Taschenbergpalais, Semperoper und Hofkirche. Mit der Eleganz ist es aber schnell wieder vorbei, als die 4 sich daran macht, in die endlose Weite der Leipziger Straße einzudringen. Ein Blick in die Glaskugel, die ich vorsorglich an Bord habe, verrät mir, dass man diese sich letztlich immer noch nach Postkutschentrasse anfühlende Straße eines Tages in Wolle-Förster-Straße umbenennen wird. Aber vielleicht träume ich das auch nur. Im Heck der Straßenbahn ist es kuschelig warm.

Wir überqueren die Stadtgrenze zu Radebeul, die Geschäfte werden verträumter, die auf den Straßen bewegten Autos größer und teurer. Auf den Stufen vor dem DDR-Museum sitzt der Geist von Karl May und vertickt gestohlene Taschenuhren. Spätestens hinter Omsk (manche schreiben es Coswig) wird es dann endgültig dörflich: Pferde begleiten galoppierend links und rechts unsere Transsibirische Eisenbahn, nur leicht verblichene Plakate von 1918 verkünden die Abdankung des Kaisers. Endlich fährt die 4 in Weinböhla ein, der Fahrer verdrückt sich mit einer Zigarette in die Pause. Die Zielanzeige der 4 ändert sich in "Laubegast". Mitgereiste Händler bieten den Eingeborenen buntglitzernde Glasperlen an. Hinter dem Kirchturm von Weinböhla - ich weiß nicht, ob es der einzige ist - ziehen die Wolken hastig vorüber. Dann setzt sich die 4 wieder in Bewegung und wir machen uns auf in Richtung Laubegast. Aber davon berichten wir bei anderer Gelegenheit.

 

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