FAMILIE & FREIZEIT

17.06.2013

Eltern (Rainer Freynhagen / pixelio.de)
Rainer Freynhagen/pixelio.de

Vereinte Krabbelkräfte

Ein Kind sei die einzige Art der Unsterblichkeit, derer wir sicher sein können, sprach einst der Schriftsteller und Schauspieler Peter Ustinov. Wenn sich das Trotzköpfchen wieder wie ein Brummkreisel wild zeternd im Wohnzimmer verausgabt oder die Lieblingsvase zwischen den kleinen Händchen zu Bruch geht, wissen Eltern zwar manchmal nicht, ob sie Ustinovs übernatürliche Weissagung tatsächlich erfüllen wollen. Doch wenn das Trotzköpfchen dann sein schönstes Lächeln zeigt oder die Händchen sanft an Mamas Wange legt, wissen Eltern, dass sie in der Tat unsterblich sind.

Von Frances Heinrich

Kinder kann man eigentlich kaum genug glorifizieren. Wir alle waren einmal solch hilflose Wesen. Wir alle sind heute jene, die die Welt gestalten. Nun stelle sich einer vor, in ein paar Jahren ist mit der Unsterblichkeit nicht mehr viel zu wollen, weil die von uns gemachte Welt keinen Platz mehr für das hat, was altersunabhängig noch in jedem von uns schlummert. Dresden rühmt sich mit dem Titel Geburtenhauptstadt. Doch hinter dieser ehrbaren Auszeichnung kämpfen auch jene, die sie Elbflorenz einbrachten: die Eltern. Zu viele Knirpse, zu wenig Kinderbetreuungsplätze. Um dem unterschwelligen Wissen ein Podium zu geben, versammelten sich im Februar des vergangenen Jahres Mütter und Väter vor dem Dresdner Rathaus, um den Menschen hinter den Mauern zu sagen: Helft uns!
Unmögliches erledigen wir sofort, Wunder dauern etwas länger. Viele Eltern haben den Eindruck gewonnen, dass die Betreuung ihrer Sprösslinge nach der Elternzeit und der wirtschaftlich wie auch persönlich wichtigen Rückkehr ins Erwerbsleben tatsächlich etwas Wundersames sein muss. Und um neben der Unsterblichkeit nicht länger auf eine zweite überirdische Kraft warten zu müssen, gründeten jene Eltern 2012 das Elternnetzwerk.
Gemeinsame Plattform für das aktive Netzwerken ist die gleichnamige Internetseite. Zum Projekt sprachen wir mit Susan Rauert.

1. Susan, inwiefern bist du in das Elternnetzwerk Dresden involviert?

Ohne die großartige Zusammenarbeit des gesamten Teams, bestehend aus Eltern aller Coleur mit unterschiedlichsten Talenten, könnte unser Portal nicht funktionieren. Programmieren, Recherchieren, Events vorbereiten und durchführen, Artikel schreiben, Vereinsgründung, Social Media... es gibt immer viel zu tun. Ich schreibe und recherchiere Artikel zu Neuigkeiten im Bereich Eltern, Kinder, Familie, Betreuung und dergleichen mehr. Außerdem vertrete ich das Elternnetzwerk oft nach außen in Interviews und Anfragen wie diesen.

2. Die Betreuung der Kinder ist das Hauptaugenmerk des Elternnetzwerkes. Ihr argumentiert, dass die Stadt in dieser Hinsicht zu wenig reagiert. Woran könnte das liegen? Oder hat man euch aus dem Rathaus dazu konkrete Gründe genannt?

Das Rathaus, vertreten durch Herrn Seidel, Sozialbürgermeister der Stadt, argumentiert mit unerwartet hohen Zuzügen und unerwartet hohen Geburtenraten. Wir glauben, dass diese Dinge bereits viel früher abzusehen waren und man eher hätte reagieren müssen. Nun ist das Kind in den Brunnen gefallen. Aber wir wollen mit unserer Plattform die schwierige Situation erleichtern, indem wir einen weiteren Weg zu freien Betreuungsplätzen bieten.

3. Müsste man sich als Eltern nicht weit vor der Geburt Gedanken zur Betreuung machen oder ließ sich das so weit im Vorfeld noch nicht einschätzen?

Viele Eltern – und auch wir selbst - haben sich schon mit dem Wissen um das heranwachsende Leben auf die Suche nach einem Platz begeben, oftmals mit niederschmetternden Ergebnissen. Auch das ist einer unserer Kritikpunkte an die Stadt: Eine Schwangerschaft dauert einige Monate. Das sollte doch reichen, um abzusehen, wie viele Betreuungsplätze in etwa zu erwarten sind. Wir erwarten keine exakte Verplanung aller Betreuungsplätze, aber die Situation heute wäre so eventuell zu vermeiden gewesen. Vielleicht ist es am Ende eine Verwaltungsproblematik nach dem Motto: „Was noch nicht geboren ist, berechnen wir nicht“, aber das kann ich nicht mit Sicherheit beantworten.

4. Fordern ist das eine, Fördern das andere. Habt ihr dem Rathaus in der Schaffung von Betreuungsplätzen Unterstützung angeboten? Ist das überhaupt gewollt oder möglich?

Wir haben die Zusammenarbeit mit dem Rathaus immer angestrebt. Unser Credo lautet: „Gemeinsam viel erreichen“. Das gilt auch und gerade für das Zusammenwirken mit den „Oberen“. Wir stehen im ständigen Kontakt mit den verantwortlichen Stellen, kommunizieren zwischen Eltern und Stadt hin und her, übergeben offene Briefe, planen Aktionen und führen sie durch. Außerdem bieten wir selbst eine Plattform an, auf der Tagesmütter, Kitas und Krippen offene Plätze melden und Eltern Plätze suchen oder tauschen können. An unseren Zugriffszahlen und Erfolgsberichten sehen wir auch, dass das gut angenommen wird.

5. Wie genau hilft nun das Elternnetzwerk betroffenen Eltern?

Wir bieten mit unserem Kleinanzeigenmarkt die Möglichkeit, Betreuungsplätze, Unterstützung oder Austausch zu suchen oder anzubieten. Außerdem berichten wir aktuell über politische und wirtschaftliche Entwicklungen im Bereich Familie. Aber auch die erfreuliche Seite findet Erwähnung: Wir berichten über Events, familienfreundliche Unternehmen, aktuelle Trends oder tolle Ideen.

6. Besteht nun nicht die Gefahr, dass sich die Stadt auf eurem Engagement „ausruht“?

Keinesfalls. Wir bieten keinen Ersatz für die Stadt, sondern sehen uns als ernstzunehmenden Partner der Stadt in diesem Bereich. Allenfalls kann man eine Unterstützung in unserem Portal sehen. Ablösen wollen und können wir die Stadt in diesem vielseitigen Bereich nicht.

7. Gibt es mittlerweile Fortschritte innerhalb der Politik die Betreuungsplätze betreffend?

Wir konnten beobachten, dass gerade die Unternehmen in Dresden familienfreundlicher werden. Sie finden selbst Lösungen, Arbeit und Familie vereinbar zu machen. Dabei ist eine bemerkenswerte Kreativität zu sehen: Tagesmütter in Unternehmen, eigene Betriebskindergärten, neue Arbeitszeitmodelle – die Liste wird täglich länger. Es wäre erstrebenswert, diese Anstrengungen auch durch Förderung oder Unterstützung von städtischer Seite zu bestärken. Außerdem muss man die Bemühungen und Erfolge der Stadt bei der Schaffung der vielen Plätze durchaus würdigen. Wir befinden uns auf einem langen, aber erfolgversprechenden Weg in unserer schönen Stadt.

8. Worauf müssen sich Eltern bei einer Tagesmutter, einem Tagesvater oder einem Babysitter generell verlassen können?

Vertrauen, Zuverlässigkeit und ein ähnliches Wertemodell bilden eine gute Basis. Und natürlich absolute Ehrlichkeit. Mit einer guten Kommunikation untereinander kann so eine erfolgreiche und für alle Seiten angenehme Betreuung der Kinder erfolgen.

9. Können Arbeitgeber in diesem Diskurs (noch mehr) helfen?

Je nach Größe der Firma sind individuelle Lösungen gefragt. Es gibt kein Patentrezept, wie man das gesamte Potenzial von Eltern erhält und ihnen die Möglichkeit gibt, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Das Beste ist wohl, die Betroffenen selbst zu fragen. Bei dem Einen hilft ein flexibles Arbeitszeitkonto, beim Nächsten die Möglichkeit, auch zu Hause zu arbeiten, wenn das Kind krank ist. Manchmal helfen schon Kleinigkeiten, die Situation für arbeitende Elternteile erheblich zu verbessern.

10. Verzweifelt man als Eltern bisweilen, dass sich die Umwelt in Bezug auf die Kindererziehung so kompliziert gestaltet?

Ich würde sagen, das kommt auf Tagesform und eigenen Charakter an. Die Bandbreite der Emotionen reicht von einem belustigten milden Lächeln bis hin zu heftigsten Diskussionen mit unerwünschten Ratgebern.

11. Ist Dresden in deinen Augen kinderfreundlich?

Alles in allem ist Dresden auf einem guten Weg. Im Vergleich zu vielen anderen Städten stehen wir gut da: Wir haben verschiedenste Einrichtungen, Kitas, Spielplätze, kinderfreundliche Angebote. Doch nur weil wir in diesen Bereichen „besser als schlecht“ sind, ist es noch lange kein Grund zur Freude. Ich betrachte das lieber als Ausgangssituation für Verbesserungen aller Art.

12. Was passiert, wenn es in Sachen Kinderbetreuung keine Problemlösung gibt?

Dann wird die Situation eskalieren, Fachkräftemangel, Geburtenrückgang, wirtschaftliche Einbußen in erheblichem Maße für ganze Regionen und Städte könnten die Folge sein. Oder – und das Szenario wäre mir lieber – die Eltern finden gemeinsam eine alternative Übergangslösung, bis das Betreuungsproblem von städtischer Seite gelöst wird. Gegenseitige Betreuung, Teilen von Tagesmüttern oder Kinderbüros könnten einige solcher Lösungen sein. Ich denke aber, dass Stadt und Eltern bereits gemeinsam an einer Lösung arbeiten und wir uns daher solchen düsteren Gedanken nicht hingeben müssen.

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