GESUNDHEIT & WELLNESS

25.10.2013

Lebenshelferinnen für Baby und Mama

Babys (Foto: Julia Vollmer)
Julia Vollmer

Lange, weiße Flure. Ein Geruch nach Desinfektionsmittel und Krankheit. Dieses Szenario haben viele Frauen im Kopf, wenn sie an eine Geburt im Krankenhaus denken. Bei mancher werdenden Mama fällt dann die Entscheidung für eine Geburt im Geburtshaus. Kerzenlicht, eine entspannte Atmosphäre wie in einem Wohnzimmer dafür hat sich die 33-jährige Nele vor gut einem Jahr entschieden. Sie brachte ihren Sohn Paul in einem Dresdner Geburtshaus zur Welt. „Mein Freund und meine Hebamme waren bei der Geburt dabei und niemand sonst, das war für mich genau richtig“, erzählt die stolze Mama. Und weiter: „ Die beiden waren wie Schatten um mich herum, so dass ich mich fallen lassen konnte und ich trotzdem wusste, es sind die beiden Menschen an meiner Seite, denen ich gerade am meisten vertraue.“

Von Julia Vollmer

Hebamme Petra Radick wich ihnen dabei nicht von der Seite. Die 36-Jährige lebt ihren Beruf mit vollem Einsatz. Gelernt hat sie an der Uniklinik. Von Beginn an begleiten die Hebammenschülerinnen die Frauen von den Wehen bis zur Geburt. Auch Nacht- und Wochenendschichten übernahm Petra Radick gleich. „Unseren Beruf muss man mit ganzem Herzen und viel Enthusiasmus machen. Absitzen kann man hier seine Stunden nicht“, so die Hebamme, denn auch nachts werden genauso viele Babys geboren wie am Tag. Im Wechsel zu der Arbeit im Krankenhaus drückte die Hebammemschülerin die Schulbank und lernte die Grundlagen der Geburtshilfe. Rund 1600 theoretische Stunden umfasst die Ausbildung, Gynäkologie und Kinderheilkunde stehen unter anderem auf dem Stundenplan. Im Krankenhaus durchlaufen die Hebammen-Schülerinnen viele Abteilungen wie etwa den Kreißsaal, Wöchnerinnen- und Neugeborenen-Station. Am Ende der 36-monatigen Ausbildung zur Hebamme steht das Staatsexamen, gegliedert in einen schriftlichen, praktischen und mündlichen Teil.

Petra Radick suchte nach der Ausbildung nach einer neuen Herausforderung und entschied sich für die Arbeit im Geburtshaus. „Ich wollte die Frauen intensiver begleiten, mehr Zeit für Gespräche und Beratung haben.“ Vier freiberufliche Hebammen arbeiten im Geburtshaus zusammen.

Was hier so wundervoll klingt, könnte bald der Vergangenheit angehören, denn die Haftpflicht-Versicherungssummen für selbstständige Hebammen, die auch die Geburt begleiten wollen, steigen immer weiter. Von ursprünglich rund 2000 Euro im Jahr stiegen die Kosten im Jahr 2010 auf 3600 und erreichten 2013 die 4000 Euro-Marke. „In Relation heißt das, dass jede einzelne Hebamme die ersten zehn bis zwölf Geburten im Jahr nur begleitet, um diese Summe zu begleichen“, so Petra Radick.

Pro Jahr legen die Kosten um fast 15 Prozent zu. Dabei machen die Geburtshelfer nicht mehr Fehler als früher. Angestiegen sind jedoch die Heil- und Pflegekosten. Wenn bei der Geburt etwas schief gehen sollte, nehmen die Krankenkassen der Eltern Regress in größerem Umfang als bisher bei der Haftpflichtversicherung der Hebamme.

Die Geburtshelferin ist sauer: „Ich übernehme sehr viel Verantwortung in meinem Job, und das mache ich gern. Wenn ich dann aber so gar keine offizielle Wertschätzung, außer die der Familien erfahre, dann werde ich richtig wütend. Um mich zu schützen, kann ich mich dann eigentlich nur beruflich umorientieren“.

Steigen die Kosten für die Versicherungskosten weiter an, sind viele Hebammen gezwungen, ihren Beruf aufzugeben. Die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen ist eines der größten Probleme für die Hebammen. „Die Krankenkassen knebeln uns“, so Petra Radick. „Wir sind gesetzlich an die Preise gebunden, die die Kassen zahlen. Das heißt, wir dürfen z. B. auch für Vorbereitungs- und Rückbildungskurse nichts aufschlagen“. Die Stundenlöhne sind dabei sehr gering. Viele freie Hebammen leben am Existenzminimum. „Die Kassen zahlen furchtbar schlecht, vor allem in Relation zu unseren Ausgaben, behaupten aber: „Wir übernehmen die Hebammenleistungen komplett.“

Bei weiter steigenden Versicherungskosten können viele Hebammen vor allem die Geburten zu Hause oder in den Geburtshäusern schlicht nicht mehr anbieten. Doch die Vorteile einer Haus- oder Hausgeburt seien groß, so Petra Radick. „Geburten sind hormonell gesteuerte, komplexe und störanfällige Prozesse.“ In ihren Augen ist eine Geburt im Geburtshaus oder zu Hause der natürliche Weg. Mit einer vertrauten Hebamme, die der Schwangeren die gesamte Zeit über zur Seite steht.

Die Hebamme bedauert es, dass sich viele Frauen von ihrem eigentlich Wunsch, in einem intimeren Rahmen zu entbinden, abbringen. „Wenn uns jemand sagt: 'für die Sicherheit Deines Kindes', dann tun wir alles“, erzählt Radick.

Für die werdenden Mamas und frisch gebackenen Eltern würde die Einschränkung der Hebammenleistungen einen großen Verlust bedeuten. Eine Hebamme ist doch so viel mehr als eine medizinische Hilfe. Sie sind den Frauen wichtige Vertrauensperson in der aufregendsten aller Zeiten.

„Meine Hebammen betreuten meine sämtlichen Vorsorge-Untersuchungen und waren immer für meine Sorgen und Nöte da“, berichtet Franziska, die im Januar Mutter einer Tochter wurde. Und weiter: „Gespräche kommen bei den Besuchen beim Gynäkologen oft zu kurz. Viele Mediziner können oder wollen sich keine Zeit für Fragen der Frauen nehmen“.

Sich Zeit zu nehmen, da zu sein, das ist für die Hebamme selbstverständlich. Für Nele, die im Geburtshaus ihren Sohn auf die Welt brachte, standen zwei Hebammen im Wechsel drei Wochen vor und zwei Wochen nach dem Geburtstermin in Rufbereitschaft rund um die Uhr bereit. 250 Euro kostet diese Rufbereitschaft, nicht alle Krankenkasse übernehmen die Kosten dafür. Während des Wochenbettes nach der Geburt besuchen die Hebammen die jungen Familien zu Hause, zuerst täglich, danach nach Bedarf. Eine wichtige Hilfe, denn in den ersten Wochen nach der Geburt tauchen so viele Fragen auf.

Fragen hatte Nele eine ganze Hand voll. „Ich war glücklich, dass ich meine Hebamme immer anrufen konnte. Hoffentlich kommen alle Mütter weiter in diesen Genuss“.

 

 

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