GESUNDHEIT & WELLNESS

29.07.2013

Eine zerstörte Zigarette. (Foto: Falk Enderlein)
Falk Enderlein

Im Niemandsland des kalten Rauchs

Zu Weihnachten schenkte mir meine Tochter einen wunderschönen, interessant zwischen rosa und grau changierenden Heilstein. Der sollte mir helfen, mit dem Rauchen aufzuhören. Dieses Ziel hatte ich selbst in den Wochen zuvor im Plätzchenbackdelirium lautstark postuliert und mich dabei in Mythen und Legenden über meine starke Willenskraft verloren.

Von Falk Enderlein

Jedenfalls stand nun sogar der Weihnachtsmann mit dem Zeigefinger wedelnd vor mir, mit einer Lücke von zehn Zentimetern zwischen Kinn und Bartansatz und redete mir ins Gewissen, diesen edlen Vorsatz endlich in die Tat umzusetzen und meine Lungenflügel wieder in ihren Originalzustand zu versetzen.

Ich habe drei Wochen durchgehalten. Drei weitere Wochen habe ich erfolgreich meine Tochter belogen und heimlich geraucht.

Ich kokettiere gern mit der Behauptung, ich sei der klassische Genussraucher. Das ist ein stark idealisiertes Bild. Vielmehr steht mein Inhalieren von Teer und Nikotin schon lange in keinerlei Zusammenhang mehr zu irgendeiner Art von kultiviertem Lebensstil. Nix da mit nobler Zigarre zu teurem Wein beim Nachspielen einer Karpov-Kasparov-Partie. Ich rauche meine Zigaretten hektisch und absolut zwischen Tür und Angel. Trotzdem wehre ich mich intensiv gegen die bedingungslose Kapitulation, jenem Moment, in dem das Rauchen zur kaum noch wahrgenommenen Standardroutine des Alltags geworden ist.

So gleicht meine Beziehung zum Rauchen einem ständigen und anstrengenden, meine Umgebung verwirrenden Wechsel aus Vollgas und Vollbremsung. Mein Körper hat längst aufgegeben, mich verstehen zu wollen.Die Argumente für das Rauchen sind haarsträubend und wenige. Es macht Spaß – aber Spaß ist im Jahr 2013 ein Argument für so ziemlich gar nichts mehr. Dann die ikonischen Vorbilder: James Dean, Helmut Schmidt, Jean-Paul Sartre, der Wolf (Nu Pagadi!). Das war es schon an Positivem.

Auf der anderen Seite so viel Offensichtliches, das gegen das Rauchen spricht. Die vergilbten Finger, die stinkenden Klamotten, die nach allen Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft nicht unbedingt gesundheitsförderliche Wirkung. Das schöne, schöne Geld. Ich ringe immer heftig mit mir, bevor ich die nächsten 5 Euro im Zigarettenautomaten versenke - dafür bekomme ich auf iTunes das eine oder andere begehrte Album aus dem Backkatalog dieser oder jener Band. Und dann – Trommelwirbel – vor allem die in den letzten Jahren unglaublich forcierte gesellschaftliche Ächtung des Rauchens, die sich nur noch mit dem öffentlichen Grillen von Katzen und Hunden übertreffen ließe.

Als sich eine Ausstellung im Foyer der Dresdner Schauburg der bösen Tabakindustrie widmet (ironischerweise ohne den im gleichen Raum befindlichen Automaten zu zerstören oder wenigstens zu blockieren) und ich begreife, dass es keine - absolut k.e.i.n.e. - ethisch korrekt und fair produzierten Zigaretten gibt, kann ich zwei Wochen lang nicht schlafen. Aber zum Glück ist das schlechte Gewissen eine Einrichtung unserer Seele, mit der sich gut verhandeln und die sich im Notfall brutal übertölpeln lässt.

Was wäre denn der Gegenentwurf, die Utopie, der naive Wunschtraum? Plakatwände, auf denen der Bundesgesundheitsminister nicht müde wird, eindringlich die Wichtigkeit des Rauchens für die Volksgesundheit zu betonen. Zigaretten prinzipiell kostenlos und überall verfügbar. Eine liebe und nette Tabakindustrie, die den Begriff Dritte Welt zu einem Synonym für Massenwohlstand werden lässt. Ich hätte immer eine Zigarette im Mundwinkel hängen.

So aber: Vollgas, Vollbremsung. Bis auf weiteres.

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