GESUNDHEIT & WELLNESS

13.08.2013

Mathematik im Dresdner Westen: die Gesundheit nach 14.731 Tagen

Ein Rollstuhl, aber bitte ein Ferrari (Zeichnung: Falk Enderlein)
Falk Enderlein

Als ich die allgemeinmedizinische Praxis von Dr. Müller im rauen Dresdner Westen betrete, fühle ich mich noch ganz okay. Ich bin exakt 14.731 Tage alt, die Experten für höhere Mathematik werden nach eingehender Prüfung feststellen, dass ich die Vierzig damit leicht überschritten habe. Heute habe ich meinen ersten alterslegitimierten und von einer norddeutschen Krankenkasse gesponserten Gesundheits-Check-Up, der - wie ein berühmter Komiker sagte - ersten Stufe des staatlich kontrollierten Sterbens.

Von Falk Enderlein

Dr. Mü schwärmt von meinen tollen Leberwerten und der grafischen Perfektion meines EKG's. Dann fällt sein Blick auf mein cyanfarbenes T-Shirt. „Das geht in Ihrem fortgeschrittenen Alter aber nun gar nicht mehr, Herr Enderlein! Sie wollen doch nicht etwa der Armee der Berufsjugendlichen beitreten?“
„Nein, nein“, beruhige ich ihn, „demnächst werde ich mich nur noch in angemessenes Beige kleiden. Sie haben völlig recht.“
„Brav“, lobt Dr. Mü ,“Und kein Fußball mehr mit Ihrem Knie. Versuchen Sie es mit Schach oder meinetwegen - wenn es schon eine Risikosportart sein muss - mit Nordic Walking.“
Ich kann eine gewisse Verwunderung nicht verbergen, aber der Hausarzt meines Vertrauens geht darüber hinweg und fährt mit seinen Ermahnungen fort. „Und nicht mehr so viel laute Punkermusik. Ihre Trommelfelle sind - gelinde gesagt - perforiert mittlerweile.“
Ich spüre in meinen Körper hinein. Ist er da tatsächlich, der Genosse Verfall.
Mü rückt sich die Brille hoch und wischt Staub vom Monitor seines PC: “Und was muss ich da in meinem PRISM-Dossier lesen... Sie haben eine siebzehn Jahre jüngere Freundin?! Das ist nicht nur unanständig, das ist allerschwerste Midlifecrisis!“
Ich nicke schuldbewusst. Dr. Müller beugt sich über seinen Schreibtisch, ein paar Werbegeschenke der Pharmaindustrie purzeln herunter (Taschenrechner, Kugelschreiber, ein Rückenkratzer) und dann ist er da, der erhobene Zeigefinger.“Akzeptieren Sie endlich Ihr Alter, Herr Enderlein!“
Ich kann nicht anders als unter Tränen zu nicken und Besserung zu geloben.


„Soll ich Ihnen den geriatrischen Fahrdienst rufen?“, fragt mich die Arzthelferin, als ich zum Ausgang stolpere. Umweht mich da etwa schon ein Hauch von Friedhof? Keine schlechte Idee vielleicht, das mit dem Fahrdienst.

 

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