GESUNDHEIT & WELLNESS

17.07.2013

Totally rebirthed

Mit Meditation zur Wiedergeburt (Zeichnung: Jasmin Blechschmidt)
Jasmin Blechschmidt

Heute werde ich wiedergeboren. Zumindest ist das der Plan. Es riecht nach Yogitee und Kerzenwachs. Alles ganz entspannt und walle walle - nur die Isomatten haben etwas militärisches, wie sie da exakt ausgerichtet auf den Dielen liegen. Der Blick aus dem Fenster lenkt die Aufmerksamkeit des esoterischen Neulings auf Fichtenwälder von wagnerianischer Eindringlichkeit. Der Wunsch, die tiefgreifenden Veränderungen im Wesen meiner Frau zu verstehen plus meine jedes gesunde Maß überschreitende Neugier, die mich noch einmal töten wird, haben mich an diesen magischen Ort geführt.

Von Falk Enderlein

Jetzt muss ich da durch. Ich gebe zu, dass ich durchaus an so etwas wie eine spirituelle Unterfütterung der Welt glaube. Es ist mir aber prinzipiell suspekt, wenn sich irgendwer eine Auflösung in zehn Minuten am Küchentisch ausbaldowert und für seine irrlichternde Theorie allgemeine Gültigkeit beansprucht. Ebenso irritiert bin ich, wenn bis dahin völlig zurechnungsfähige Menschen nach dem Kontakt mit einer solchen Gedankenkonstruktion ihr logisches Denken gewissermaßen an der Garderobe abgeben und eine Synthese mit den in Jahrhunderten erarbeiteten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des Abendlandes nicht einmal versuchen. Sei es drum. Wir machen es uns auf den Isomatten bequem und der Chef des Ganzen verteilt unter den zehn Teilnehmern des Rebirthing-Seminars die Rollen. Wer sich nicht dazu durchringen kann, sich sofort dem eigenen Geburtstrauma zu stellen, darf einen Elternteil oder einen Zwilling verkörpern. Ich kneife und spiele den Vater, damit habe ich Erfahrung. Die Frau, die mir das Losglück zuspielt, würde ich mir im realen Leben nicht einmal mit 10 Promille und dem Sehvermögen von Ray Charles antun - aber egal. Unser Kind krabbelt in einen sonnenblumengelben Bettbezug, der Zwilling hinterher. An dem, was nun folgt, hätte Sigmund Freud seinen Spaß: Meine Rollenspielfrau und ich rekapitulieren mit Umarmungen, Streicheln etc. die ganze Bandbreite einer Beziehung. Es kommt zu quasisexuellen Handlungen. Derweil beginnen sich unsere Kinder in ihren van-goghschen Bettbezügen zu bewegen wie Aliens. Irgendwie sieht das gruselig aus. Es wird viel gewimmert und geweint, als der Zwilling stirbt. Überhaupt ist es gewissermaßen der Gründungsmythos des Rebirthing, dass nahezu jeder seinen toten Zwilling im Gepäck hat. Es riecht nach Schweiß und kariösen Atem. Dann kommt mein Sohn zur Welt: Schon bei der Geburt hat er einen Bierbauch, Schweißfüße und trägt eine Brille. Ich finde ihn trotzdem hübsch und umarme ihn. Taschentücher werden gereicht. Alle erzählen sich, wie intensiv das Erlebte gewesen und wie viel näher man sich an das Mysterium der eigenen Biografie herangepirscht habe. Es geht in die nächste Runde. Wieder weiche ich der ultimativen Erfahrung des Wiedergeborenwerdens aus und gebe lediglich den sterbenden Zwilling. Meine neue Schwester ist deutlich attraktiver als meine Gattin in Runde 1 und ich finde die körperliche Nähe sogar angenehm. Diesmal ist der Bettbezug, in den wir uns kuscheln, himmelblau. Ich beschließe, meine Rolle diabolisch auszulegen und zahle meiner Zwillingsschwester ihren Verrat, ihr Überleben, mit eiskalter Ablehnung heim. Man wird mich später dafür loben, dass ich in unserer Runde die ach so wichtige „dunkle Seite“ derart überzeugend verkörpere. Die dunkle Seite ist dem Chef prinzipiell sehr wichtig: Auch jemand wie Anders Breivik übernehme eine wichtige Funktion in der Welt, wird er später behaupten. Am Abend gibt es vegane Suppe für alle (nein, durchaus lecker). Im Schutz der Dunkelheit schleichen sich die Raucher heimlich vor's Haus und die Gespräche driften auf geradezu erlösende Weise wieder in den weltlichen Bereich. Eine extra für ihre Wiedergeburt aus Hamburg angereiste 21-Jährige stellt fest, dass sie noch Hunger auf „etwas Richtiges“ hat. Wir schwingen uns in das Auto ihrer Mutter und fahren zu McDonalds. Der ewige Mond, heute eine perfekte Scheibe, verfolgt unseren Weg mit Argwohn.

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