GESUNDHEIT & WELLNESS

30.07.2013

Waagenkriegerin trifft Püppchengewand

Ich fahre wie jeden Morgen Bahn. Wie ich so nach draußen äuge, erschrecke ich, weil plötzlich ein junger Hüpfer in Hotpants und High-Heels aus dem Schatten der Haltestange im Abteil tritt. Neben mir stehen zwei Mannsbilder, die gerade frische Coolness gefrühstückt haben und angesichts der Grazie in Null Komma nichts in den lässigen Lendenmodus verfallen. Wie, zum Henker, ist die in diese Hose hineingekommen?, frage ich mich. Im selben Moment eröffnet sich in meinem Kopf eine schreckliche Szenerie: Was wäre, käme ich in so eine Hose hinein? Wollen will ich das nicht, denn ich bin in Sachen Kleidung eher der pragmatisch-bequeme Typ, und Schuhe mit Absatz habe ich schon immer verpönt. Man müsste sich dem knappen Dress entsprechend ja auch knapp verhalten, ausladende Gesten macht man in so einem Püppchengewand nicht. Doch selbst, wenn der von einem abgeschlossenen Studium malträtierte Kopf auch mit noch so vielen Vernunftsargumenten daherkommt: Der Waagenkrieg ist innerhalb der Damentypologie universell gültig.

Von Frances Heinrich

Ich bemühe, als das Fräulein am Neustädter Bahnhof ausstöckelt, mein Smartphone. Google, einen Gewichtsrechner, bitte! „19,7. Prima! Normalgewicht!“ Das Bienchen, das dieser BMI-Informant ausspuckt, beruhigt mich irgendwie nicht. In der Schule haben die Lehrer unter eine Zwei minus auch ein „prima!“ geschrieben, wenn man sonst nur Dreien zustande bekommen hat. Es ist nun auch nicht so, dass ich urplötzlich Hamsterkäufe tätigen müsste, weil sich alle Hosenknöpfe gegen mich verschworen hätten. Auch der Lebensabschnittsbevollmächtigte hat noch keinen Beschwerdeantrag abgegeben. Insgesamt also kein Grund zur Beunruhigung. Warum ist es Frauen anscheinend trotzdem in die Wiege gelegt worden, sich ständig in kilofundamentalistische Zweikämpfe zu begeben?

Der Körper einer Frau kann eine ganze Welt werden, die man schultert.

Jeden Morgen scheue ich mich vor dem Dialog mit meiner Waage. Eigentlich kann ich heute, 15 Kilogramm vom Jugendkampfgewicht entfernt, schon froh sein, dass mein Lastwagen stabile Werte zeigt. Und bei Frauen ist das ja ohnehin so ein „Bäumchen-wechsel-dich-Ding“. Wassereinlagerungen, Hormone und dieser ganze Krimskram, der von heute auf morgen gern mal ein, zwei Kilo mehr in die Wiegenadel jagt. Läuft es im Leben gerade ohnehin nicht so am Schnürchen, kommen rein psychologisch noch mal fünf Pakete Zucker drauf.
Mit 31 ist man auch nicht mehr in dem Alter, in dem man noch um die Gunst paarungswütiger Großstädter buhlen muss, erst recht nicht, wenn man seinen späteren Rollstuhlbegleiter und Simultansabberer – sprich, den einen Partner für den Rest des Lebens – schon erfolgreich aufs eigene Feld gekämpft hat. Freilich möchte man auch für ihn noch das krosse Schnittchen sein, das er sich einst aus dem Toaster gefischt hat. Und er versteht es immer noch meisterlich, dich auch nach über einem gemeinsamen Jahrzehnt auf deinen Schnittchenstatus aufmerksam zu machen. Aber: trotzdem!

Ich treffe mich mit Kerstin. Sie hat eine Menge abgenommen. Schick sieht sie aus. Eine neue Frisur. Und unheimlich viel Elan. Wie macht sie das nur?
Kerstin ist Ernährungsberaterin, Fitnesstrainerin, Visagistin. Mit ihr plaudere ich nun über dieses Etwas, das dem täglichen Mmpf ein Ende bereiten soll.

Eigentlich kennen wir sie ganz genau. Wir wissen, wie sie tickt.

Manchmal sind wir zu faul, sie überallhin mitzunehmen. Manchmal interessieren wir uns für eine andere. Manchmal haben wir einfach keine Lust auf sie. Aber wie das mit dem Weiblichen so ist: Es sitzt doch am längeren Hebel. Es wird sich rächen. Es beherrscht die Kunst, Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, fast meisterlich. Dabei meint es dieses Weibliche nur gut mit uns, denn wenn wir nach seiner Pfeife tanzen, fühlen wir uns besser, sind leistungsfähiger, ausgeglichener und gut gelaunt, weil nicht schon wieder der Hosenknopf zwickt. Nein, diese Zeilen proklamieren nicht den Umgang mit einer Frau. Sie, das ist die gesunde Ernährung.

Och nö, nicht die schon wieder! Ich bin berufstätig und habe keine Zeit für sie!

Kerstin schüttelt bei diesem Satz den Kopf. Ich sitze in ihrer Wohlfühlwelt in der Dresdner Neustadt und sie erzählt auf ihre charmante Art, wie das mit der gesunden Ernährung läuft. Sie jagt selbst den ganzen Tag von Termin zu Termin. Zum Essen aber nimmt sie sich immer Zeit. Wenn sich dann mal einer dieser berufstätigen Hünen vor ihr aufbaut und mürrisch sagt, er habe auf der Arbeit ja gar keine ruhige Minute, um sich gemäß dolce cucina ein feines, gesundes Essen zusammenzubrauen... oha! Ausreden, die die selbstbewusste Ernährungsberaterin vehement zurückweist. Man muss ja keine ausgeklügelte Performance hinlegen. Gesundes Essen beginnt beim Bewusstsein für das eigene Tun und Handeln.

Manchmal kann es im Büro schon verdammt eintönig sein.

Ach, wie tröstlich sind da Gummibären oder ein Stück Schokolade. Oder wer „gesundheitsbewusst“ denkt: der Apfel oder die Banane zwischendurch.
Weit gefehlt. Gerade in diesen Zwischenmahlzeiten steckt der Teufel: „Man muss sich den Magen wie eine Lagerhalle vorstellen. Da stehen zwei Männer und sortieren das Zeug, das rein kommt, in verschiedene Regale. Wenn nun aber ständig was hinterher kommt, schippen sie alles erst mal in eins, damit Platz wird. Es bleibt kaum Zeit, alles ordentlich zu trennen.“ Und ist das Regal erst mal voll, ist es eben voll. Auf den Magen übertragen heißt das: Schiebt man zwischen den Hauptmahlzeiten immer mal wieder was nach, bleibt kaum Zeit, richtig zu verdauen und die Reste werden erst mal dorthin geschoben, wo es am schnellsten aufgeräumt ist, in die Fettzellen.

Klingt plausibel, denke ich mir. Seitdem achte ich auf fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten. Wie steht es denn um die Regel, man solle nach 18 Uhr nichts mehr essen? „Ernährung hängt auch vom Tagesablauf ab“, weiß Kerstin. „Es ist ein Unterschied, ob ich morgens um vier aus dem Nest springe und um neun schlafen gehe oder um neun noch mal auf Tour gehe und um vier erst ins Bett komme.“ Kerstin würde sterben, wenn sie nach 18 Uhr nichts mehr essen dürfte, schließlich ist sie meist bis Mitternacht unterwegs. Freilich ist der Alltag entscheidend: Schichtarbeiter essen anders als ein 9-to-5-Bürohengst. Der Mann auf dem Bau benötigt ganz andere Nahrung als der tüftelnde IT-Freak am Bildschirm. Wer neben dem Job noch aktiv Sport treibt, hat auch wieder ganz andere Ansprüche. Wer abnehmen möchte, sowieso.
„Gesunde Ernährung bedeutet, dass Fette, Eiweiß und Kohlenhydrate in einem ausgewogenen Verhältnis stehen“, sagt Kerstin. Gewinnt ein Element dieser Trias die Überhand, gerät die Ernährung aus dem Gleichgewicht.
Auch mit dem Aberglaube, man müsse asketisch auf Fett verzichten, räumt sie auf: „Eiweiß ist in einer gesunden Ernährungsweise äußerst wichtig. Damit es der Körper nutzen kann, braucht es dazu Fett. Gutes, natürlich.“ Wer abnehmen möchte, kommt um Fett gar nicht erst herum: „Will man Gewicht verlieren, muss man etwas für die Hautstraffung tun und besonders darauf achten, dass man geistig fit bleibt. Da bedarf es mehr Eiweiß, und dementsprechend darf man auch nicht auf Fett verzichten.“ Margarine und Butter sind dabei nicht unbedingt die Knaller unter den gesunden Fettlieferanten, wobei Butter gesünder ist als Margarine. „Die ist pur, ohne gehärtetes Fett.“ Gegen ein stinknormales Butterbrot in der Mittagspause ist also durchaus nichts einzuwenden – wenn das Brot kein Weizenbrot ist! „Das liefert zwar schnell Energie“, aber bevor man es mit den Fingern wieder an die Tastatur geschafft hat, ist dieser Schub schon wieder verpufft. „Vollkorn treibt den Insulinspiegel nicht so schnell nach oben. Die Energie, die es liefert, ist über einen längeren Zeitpunkt verfügbar“, erklärt Kerstin.

Weniger ist später einfach mal mehr, lerne ich. „Viele Frauen essen zu wenig, um abnehmen zu können“, sagt Kerstin und ich staune. Ich ertappe mich beim vorsichtigen Kopfnicken. Ja, im Abnehmwahn habe ich auch schon das Notprogramm meines Körpers eingeschaltet. Sport mache ich zum Glück nicht. Dort lauert der Wahnsinn: Viele Frauen hungern und machen dazu auch noch Fitness, wie sie Superman nicht besser hinbekäme. Keine gesunde Mischung, meint Kerstin. „Man muss dem Körper schon zuführen, was er an Energie verbraucht.“ Müdigkeit, Antriebslosigkeit bis hin zum Kreislaufkollaps – ja, an dieser Stelle wissen meine Erinnerungen, was sie meint. Isst man wieder normal, hamstert der Körper und dann ist er da: der Jojo-Effekt. Deshalb Kerstins Rat: Ernährung dauerhaft umstellen, bewusst einkaufen und ebenso mit eingeschaltetem Hirn essen.
Die nächste Mahnung folgt sogleich: trinken! Oh je, ich Flüssigkeitsasket! Und dann trinke ich auch noch Unmengen Energy Drinks mit Kohlensäure. „Da steckt der Feind ja schon im Wort: Säure. Für den Magen ist das keine Wohltat.“ Immerhin sind meine trinkbaren Booster zuckerfrei.

Die Kollegen melden sich. Hunger!

Ich schaue auf die Uhr. Na, noch nicht ganz fünf Stunden seit dem Frühstück geschafft. Aber ehe wir von der Jagd wieder im Büro sind...
„Zum Essen immer hinsetzen!“, rät Kerstin. „Entweder am eigenen Schreibtisch, in der Kantine oder in einem Gemeinschaftsraum. Hauptsache sitzen.“ Wenn möglich, dabei auch den sozialen Aspekt des Essens zelebrieren, sprich, die Mittagspause mit den Kollegen verbringen. „Alleine verstoffwechselt man schlechter.“ Wer mag, kocht sich daheim etwas und nimmt es sich in Plastedosen abgefüllt mit. Oder man schnippelt sich auf der Arbeit einen Salat, „Dressings gibt es als Fertigvariante ja überall“, da muss man im Büro keine Künste aufführen. Auch in der Kantine muss man nicht alles so in sich hineinschaufeln, wie es an der Tafel steht. „Frittiertes weglassen, statt der Pommes lieber Bratkartoffeln zum Schnitzel oder eine doppelte Portion Gemüse verlangen. Was immer geht, sind Nudeln. Doch auch hier auf die reichhaltigen Saucen verzichten. Wenn es nicht ohne geht, eine Tomatenvariante wählen, denn die ist am gesündesten. Naschkatzen sollten den Nachtisch nicht erst an den Arbeitsplatz tragen und für später aufheben, sondern sofort nach dem herzhaften Hauptmenü essen. „Außerdem sollte man zu den Mahlzeiten generell nicht viel trinken. Im Arbeitsalltag machen wir alles so schon hektisch, da muss auch das Essen dran glauben. Wir kauen viel zu schnell, und wenn wir nun noch mit Flüssigem nachspülen, wird die Nahrung im Mund noch schlechter vorverdaut“, erklärt Kerstin.

Zum Schluss endlich eine gute Nachricht.

Aller sieben Tage darf man einen D-Day einlegen. Einen Tag, an dem man essen darf und soll, wonach es einem auch immer beliebt. Herrlich! Und wer will schon in so eine dämliche Hotpant passen?

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