WIRTSCHAFT & HANDEL

04.09.2013

Die Kunst am Kleid

Es ist ein Abschied und ein Aufbruch zugleich, was sich da Ende August im Sector Evolution im Industriegelände abspielt. Für fünf junge Frauen, ein bunt gewürfelter Haufen jugendlichen Charmes, unterschiedlich wie die funkelnden Scherben eines Mosaiks. Aufregung färbt an diesem Abend ihre Wangen rot, die Augen leuchten, die Herzen klopfen wie verrückt. Der Plastebecher voll Sekt in der Hand zittert noch, als alles längst vorbei ist.

Von Jane Jannke

Es ist ihr bislang größter Auftritt: von vorn bis hinten selbst organisiert, geplant und ausstaffiert. Zu dumm, dass sie hinter den Kulissen gebraucht werden. Von der eigenen Show bekommen Dominic Kunick, Franziska Krug, Fritzie von Deparade, Julia Schmidt und Katrin (Kati) Singer kaum etwas mit. Draußen in der stickigen Halle steigen derweil Spannung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Hunderte drängeln sich um den Catwalk. Die rohen Ziegelsteinwände versprühen Vergänglichkeit. Fashionstraat2.0 haben sie ihr Event passenderweise getauft – die Modestraße, mitten in der Dresdner Bronx.

Sie haben sich durchgesetzt. Monatelang entwerfen, verwerfen, nähen und schneidern die fünf Absolventinnen der Modefachschule Dresden an ihren Abschlusskollektionen – das Rattern der Nähmaschine, Stoffmuster und Designideen folgen ihnen in den Schlaf. Eine Abschlusspräsentation in der piefigen Schulaula? No way. „Nicht mit uns“, sagt Fritzie zwei Tage vor dem Tag aller Tage beim lässigen Chat im Café Combo. „Wir wissen, dass wir mehr wert sind als das. Wir wollten eine Chance, uns so professionell wie möglich zu präsentieren“, so die 22-Jährige. Ihre vier Mitstreiterinnen nicken zustimmend. „Wir haben drei Jahre lang auf diesen Moment hingearbeitet und wollten dann einfach auch gemeinsam eine richtig schöne Abschlussparty mit Modenschau und allem drum und dran feiern“, pflichtet die gleichaltrige Kati bei. So geht selbstbewusst.

Für die Kunst am Kleid leben alle fünf, und doch hat jede ihren ganz eigenen Kopf. Sonst wären sie vermutlich nicht dort, wo sie heute sind. Lehrer und Arbeitsamt raten ihnen vom Designerberuf ab. „Das ist doch brotlose Kunst, Kind, mach was Anständiges – das haben alle gesagt“, sagt Julia. Doch der Trotz siegt über die Vernunft. Fast alle haben vor der Designerschule einschlägige Ausbildungen im Modebereich absolviert. Nur Dominic stieß als Quereinsteigerin dazu. Der 22-jährige Rotschopf kommt eigentlich aus dem grafischen Bereich. „Schneidern und Nähen liegen mir eigentlich gar nicht so“, gibt sie schmunzelnd zu. „Am Designprozess hat mich schon immer die Entwurfsphase gereizt.“ Licht und Schatten lautete das Thema, das sich durch ihre Abschlusskollektion „Chiaroscuro“ zieht. Schwarz- und Weißtöne dominieren, laufen ineinander. Die Schnitte sind weit und fließend, aber durchaus extrovertiert.

Fritzie und Kati waren dagegen schon als kleine Mädchen von der Nähmaschine fasziniert. Kati liebt das Experimentieren mit Schnitten und Stilen. „Meine Schnitte wandeln auf einem ziemlich schmalen Grat zwischen Ästhetik und Hässlichkeit“, erklärt sie lachend. Ungewöhnliche Material- und Schnittmixturen prägen ihre Abschlusskollektion „My material Holidays“. Ausprobieren ist angesagt, die Ansprüche wachsen.

„Bei mir war es der typische Prinzessinnentraum von schönen Kleidern“, erzählt Fritzie. Die Modelle ihrer Abschlusskollektion „Impfpressiv“ glänzen mit klassischen, femininen Linien, aber auch mit einer guten Portion Sexappeal. Die Stoffe hat sie aufwendig selbst bedruckt. „Die Frau sieht bei mir einfach immer schön aus“, so die 22-Jährige. Auch Julia mag den klassischen, femininen Stil ohne große Allüren. Die Kleider ihrer Kollektion „Minimalize me“ sind von Passepartouts und vom Minimalismus inspiriert. Helle Töne und klassische Schnitte mit viel Eleganz sowie Stoffe mit ungewöhnlicher Profilierung herrschen vor. Im maximalen Kontrast dazu steht Franziska. Alltagstauglichkeit spielt bei ihren Roben eher eine Nebenrolle. Fetischmode und ausgefallene Kostüme sind ihr Metier. „In meiner Arbeit ist die bildende Kunst ein wesentliches Moment. Zum Design kam ich eigentlich eher, weil es kaum etwas anderes gab, was mich gereizt hätte“, so die 27-Jährige. Ein Fluchtweg aus der starren Schneiderlehre in München. „Ich mache nicht wirklich Kleidung, ich experimentiere mit den Materialien, so wie sie mir entgegenkommen.“ Gerne auch mal unterhalb der Gürtellinie, wie sie selbst sagt.

Wie bekommt man nun so verschiedene Charaktere für ein Projekt unter einen Hut? „Wir haben schon viel diskutiert“, gesteht Franziska. „Man versucht sich schon auch ein wenig durchzusetzen, nimmt sich dann aber auch mal zurück.“ Das mache das Ganze ja schließlich auch interessant, meint Julia. „Wenn alles gleichförmig wäre, das wäre ja öde.“

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Location, der Laufsteg, Beleuchtung und Tonkulisse – alles wirkt professionell. Mehr als 30 Models präsentieren die jeweils zwei Kollektionen der fünf jungen Designerinnen. Erfreulich: Es sind nicht die viel gescholtenen Hungerhaken, sondern zum großen Teil ganz normale junge Mädchen. Manchen merkt man die Unerfahrenheit an, andere flanieren über den Catwalk, als machten sie diesen Job bereits ihr Leben lang. Make-up, Haare, Choreografie – alles sitzt bis ins letzte Detail. Dem Publikum gefällt's offensichtlich. Die Initiatorinnen flitzen hinter der Bühne von einem Model zum nächsten, zupfen Kleider zurecht, geben Anweisungen. Eine Horde Stylistinnen, die extra für die Show verpflichtet wurde, pudert schweißglänzende Gesichter und zieht Lidstriche nach.

Realisiert werden konnte all das nur mit viel Unterstützung aus Familie und Bekanntenkreis und aus der überschaubaren, dafür aber umso besser vernetzten Dresdner Designerszene. Den Mammutanteil finanzierten jedoch völlig Fremde – via Crowdfunding. 1200 Euro kamen so zusammen. Als klar ist, dass die Show, ihr „Baby“, ohne Panne über die Bühne gegangen ist, fällt im Backstage-Bereich die tagelange Anspannung ab. Erleichtert und strahlend kommen die fünf Modemacherinnen zum Abschluss auf die Bühne, fassen sich bei den Händen, verbeugen sich vor dem jubelnden Publikum. Ihr rauschender Abschlussakt ist ein voller Erfolg geworden, das versichern sie später euphorisch. „Wir sind wahnsinnig stolz“, sagt Franziska. Jetzt wird erst mal gefeiert, Zeit für Interviews ist wenig. Alles wie bei den ganz Großen eben.

Und was kommt nach Fashionstraat2.0? An Zukunftsplänen mangelt es nicht. Kati, Julia und Fritzie wollen noch ihren Bachelor dranhängen. „Das ist eine echte Chance, die man nutzen sollte“, sagt Kati. Danach will sie nach Paris, ein Praktikum bei einem namhaften Designer machen. „Vielleicht mache ich aber auch mal was ganz anderes, Modejournalismus zum Beispiel.“ Julia und Fritzie wollen sich noch nicht festlegen, wollen der Modewelt aber auf jeden Fall treu bleiben. Dominic wünscht sich eine Festanstellung bei einem Designer, möchte aber eigentlich gern in Dresden bleiben. „Das wird schwierig, denn hier gibt es kaum größere Häuser, die jemanden nur für die Entwürfe anstellen“, weiß sie. Das sehen ihre Kolleginnen ähnlich. Dresden sei kein Pflaster für Mode, leider. Um ein eigenes Label zu gründen, erklärt Fritzie, müsse man schon in die großen Metropolen, wie Berlin, Paris, New York. Franziska zieht es dagegen nach Österreich ans Salzburger Theater. Hier, so denkt sie, kann sie ihre künstlerische Ader am besten verwirklichen. Und auch die ersten Angebote sind schon eingetrudelt: Die Dresdner Modewoche hat schon angeklopft, will die Kollektionen der Mädels zeigen. Doch vor dem Abflug in die höheren Sphären der Modewelt steht erst noch etwas ebenso Bodenständiges wie Unvermeidliches auf dem Programm: die Abschlusszensuren.

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